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Steine erinnern an Harthaer Juden

© F. Thomas

Was der Nationalsozialismus der Familie Urbach angetan hat, soll nicht vergessen werden.

Von Sylvia Jentzsch

Hartha. Nur wenigen Harthaern ist bekannt, dass im Haus Nummer 8 an der Pestalozzi-Straße eine jüdische Familie gelebt hat. Stephan Conrad und Sophie Spitzner von der AG Geschichte des Treibhausvereins haben es sich zur Aufgabe gemacht, ehrenamtlich über die Schicksale der Juden, die im Altkreis Döbeln gelebt haben, zu recherchieren, damit diese nicht in Vergessenheit geraten. Zum Andenken an ermordete Juden werden Stolpersteine mit einer Innenschrift gesetzt. Die Stadträte von Hartha wurden darüber vom stellvertretenden Bürgermeister Christian Zimmermann (CDU) informiert.

Die Recherchen der beiden jungen Leute haben Folgendes ergeben: Ab dem Jahr 1930 lebte die Familie Urbach in Hartha an der Hindenburgstraße 8 (jetzt Pestalozzistraße). Zur Familie gehörten Chaja David Urbach, der am 22. August 1898 in Lodz geboren wurde. Seine spätere Frau Barel Fryszer kam am 20. März 1902 in Kwiw zur Welt. Die beiden lebten ab 1919 in Gera. Dort wurden ihre beiden Töchter Rosa und Regina geboren. 1930 zog die Familie nach Hartha. Chaja Urbach war selbstständiger Kaufmann und Inhaber eines Textilgeschäftes. Am 3. Juli 1936 soll der damalige Harthaer Bürgermeister an den Ortsgruppenleiter der NSDAP einen vertraulichen Brief geschrieben haben, in dem er mitteilte, dass es im Stadtbezirk Hartha nur die Familie Urbach gibt, die der jüdischen Rasse angehört. Am 11. November 1938 funkte die Amtmannschaft Döbeln nach Hartha, dass sämtliche männliche Juden deutscher Staatsangehörigkeit, die nicht über 55 Jahre alt, haftfähig und über einen gewissen Einfluss und Vermögen verfügen, festzunehmen sind.

„Wahrscheinlich sollte Familie Urbach am 18. November 1938 verhaftet werden. Dies lässt sich aus einem Schreiben des ehemaligen Polizeimeisters der Stadt vom 23. November 1938 schließen“, sagte Sophie Spitzner. Die Familie Urbach habe die Stadt rechtzeitig verlassen können und sei nach Leipzig geflohen.

Die beiden Mitglieder der AG Geschichte haben einen Bericht einer Zeitzeugin gefunden, die aussagte, dass mit der Familie Urbach ein gutes Einvernehmen war. Sie selbst sei als Mädchen gern im Textilgeschäft gewesen. Beeindruckt war die Zeitzeugin vom großen Wolllager. Die beiden Mädchen Rosa und Regina seien ganz normale Kinder gewesen. Nur wenn Religionsunterricht auf dem Stundenplan gestanden habe, durften sie nach Hause gehen. Nach der Pogromnacht sei die Familie verschwunden, so die Zeitzeugin.

Später, so haben es Stephan Conrad und Sophie Spitzner herausgefunden, emigrierte Chaja David Urbach nach Frankreich. 1944 wurde er in Paris verhaftet und ins Lager Drancy verschleppt. Am 20. Mai wurde er von dort mit dem Transport Nummer 74 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Er verstarb während des Transports. Im April 1944 wurde auch Regina Urbach verhaftet. Zusammen mit ihrem Vater kam sie in das Sammellager Drancy. Ihr genaues Todesdatum ist nicht bekannt. Rosa Urbach wurde am 2. Mai verhaftet. Sie kam in ein Gefängnis in Toulouse. Von dort wurde sie am 5. Mai in das Lager Drancy verschleppt und später nach Auschwitz deportiert. Weitere Stationen waren Bergen-Belsen, das KZ Buchenwald und Theresienstadt. Dort wurde Rosa am 9. Mai 1945 befreit. Was mit Barel Urbach passierte, ist bis heute ungeklärt.

Auch an Elsa Jacobus soll gedacht werden. Sie wurde am 20. August 1890 in Hartha geboren. Am 31. Dezember 1945 wurde sie für tot erklärt, weil sie wahrscheinlich in Auschwitz in einer Gaskammer ermordet worden ist.

Am 11. November werden die Stolpersteine für Chaja David und Regina Urbach vor das Haus an der Pestalozzistraße Nummer 8 sowie der für Elsa Jacobus gesetzt.

Die Mitglieder der AG Geschichte suchen noch Paten, die die Finanzierung für je einen Stein in Höhe von 120 Euro übernehmen. Stephan Conrad und Sophie Spitzner würden sich freuen, wenn sich bei ihnen noch Zeitzeugen oder Bekannte melden würden, um mehr über das Schicksal dieser Menschen zu erfahren. Sie sind unter Tel. 03431 6052972 zu erreichen.