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Steinmeier stößt neue Debatte an

Was wäre, wenn Deutschland 20 Millionen Flüchtlinge aufnehmen müsste? Ein Viertel seiner Bevölkerung, so wie jetzt der Libanon? Kein Wunder, dass der Außenminister mit den Zahlen durcheinander kommt.

© Reuters

Zahlé. Die Schlange ist lang vor dem Rohbau der Vereinten Nationen in Zahlé, der größten Stadt der Bekaa-Ebene im Libanon. Und sie wird immer länger. Junge Frauen mit Schleier, Greise mit mächtigen Schnurrbärten, aber vor allem Kinder. Manche haben auf der Flucht aus Syrien wenigstens noch das Kuscheltier oder ihr Fußballtrikot retten können. Jetzt stehen sie an, um vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen die Papiere für die offizielle Anerkennung zu bekommen - wie tausend andere jeden Tag.

Mariam Basser Nakur ist eine von ihnen. Die 45-Jährige kommt mit ihrem Mann und den neun Kindern aus Kalamun, wo die Kämpfe vor ein paar Monaten besonders schlimm waren. Um zwei Uhr in der Früh musste sie ihr Haus verlassen. Jetzt sind sie in einem Rohbau in der Nähe untergekommen. Sie schlafen zu elft in einem Zimmer. „Ich will so schnell wie möglich zurück“, sagt sie. „Aber ich glaube, der Rest der Welt hat uns vergessen.“

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Im Libanon ist Mariam Basser Nakur nur eine von mehr als einer Million. Oder, um ganz genau zu sein, mit den Zahlen, die das UN-Flüchtlingswerk Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei seinem Besuch in Zahlé präsentierte: eine von 1.089.317 Flüchtlingen aus Syrien, die bis Freitagmorgen über die Grenze kamen. Mehr hat kein anderes Land hereingelassen, auch Syriens größere Nachbarn nicht, die Türkei, der Irak oder Jordanien.

Libanon droht der Flüchtlingskollaps

Bei einer Bevölkerung von geschätzten 4,5 Millionen ist im Libanon bald jeder vierte aus Syrien - für ein Land, das selbst noch unter den Folgen eines schlimmen Bürgerkriegs leidet, ein enormes Problem. Irgendwie hat der Libanon die Flüchtlingswelle bislang gemeistert, aber langsam droht der Kollaps. „Unsere Existenz steht auf dem Spiel“, sagte der bisherige Präsident Michel Suleiman kurz vor seinem Abschied.

Nur als Gedankenspiel: Was geschähe, wenn Deutschland, überträgt man die Größenordnung, bei einem Konflikt in der Nachbarschaft 20 Millionen Flüchtlinge aufnehmen müsste? Tatsächlich sind es - bei großzügiger Berechnung - gerade einmal etwas mehr als 40.000 Syrer, die bislang in der Bundesrepublik Zuflucht gefunden haben. Die meisten von ihnen sind Asylbewerber - mehr als 31.000 -, die sich ihres Schicksals nicht sicher sein können.

Verwirrung um 10.000 neue Flüchtlinge

Es sind Zahlen, die auch Steinmeier kennt. Auf seiner nächsten Station, einem kleineren Flüchtlingslager namens „Siedlung Nr. 7“ mit 500 Leuten, gibt er zu: „Unsere Verantwortung ist größer als das, was wir tun.“ Der SPD-Mann lässt keinen Zweifel daran, dass Deutschland aus seiner Sicht noch mehr Syrer aufnehmen muss. Er kleidet das in die Formel: „Ich habe großen Respekt davor, was der Libanon tut, um Menschen aus unmittelbarster Not zu retten.“ Der Rest der Weltgemeinschaft mache „eindeutig zu wenig“.

Eine Zahl allerdings nennt Steinmeier in der „Siedlung Nr. 7“ nicht mehr: 10.000. Am Abend zuvor, nach einem Treffen mit seinem Amtskollegen Gebran Bassil, hatte er noch davon gesprochen, dass innerhalb der Bundesregierung entschieden worden sei, zusätzlich zu den beschlossenen Programmen „noch einmal 10.000“ Flüchtlinge aufzunehmen. Zu Hause löste er damit einige Verwirrung aus.

Aus seiner Umgebung hieß es später dazu, Steinmeier habe sich, was schließlich auch einem erfahrenen Minister passieren könne, einfach nur versprochen. Die andere Lesart wäre, dass er ausgeplaudert hat, was zwischen den wichtigsten Leuten der Bundesregierung schon verabredet ist. Die Zahl 10.000 für ein neues Flüchtlingskontingent ist jedenfalls genau die Größenordnung, über die schon länger spekuliert wird. Die Entscheidung soll auf der nächsten Konferenz der Innenminister aus Bund und Ländern im Juni fallen.

Aber unabhängig davon, wie sie ausgehen wird: Hier im Libanon wirkt die deutsche Debatte über 10.000 Flüchtlinge mehr ohnehin einigermaßen seltsam. In der „Siedlung Nr. 7“ hoffen die Helfer gerade auf neue Toiletten und Wasserfilter, damit die Zustände nicht noch schlimmer werden. Und das UN-Flüchtlingswerk nennt Steinmeier eine andere Zahl - wie viele Syrien-Flüchtlinge zum Ende des Jahres vermutlich im Libanon sein werden: 1,5 Millionen. (dpa)