merken

Steinwürfe aus dem Glashaus

Alle lügen außer Pegida? Von wegen: Auch diese Bewegung arbeitet gezielt mit falschen Tatsachenbehauptungen.

© dpa

Von Oliver Reinhard

Streit ist lebenswichtig. Ohne Streit und Auseinandersetzungen herrschen Stillstand und Stagnation, gibt es keine Veränderungen und Fortbewegungen. Doch zum Streit gehört auch die Tugend des Zuhörens, zum Austeilenkönnen das Einsteckenmüssen, zur Kritik die Selbstkritik. Fähigkeiten, die vielen Menschen beim Streiten ungeheuer schwerfallen. Sie streiten anders: Was ihren Auffassungen widerspricht, wird kurzerhand zur Lüge erklärt. Wie wirkungsvoll solche Verleumdungen sein können, lässt sich seit Wochen auch bei den Kundgebungen und Märschen der asylpolitikkritischen Bewegung Pegida beobachten. Für viele von deren Wortführern und für etliche Anhänger gilt: Wer ihren Auffassungen widerspricht, der lügt.

Nichts anbrennen lassen und ab nach Weinböhla!

Schon Goethe wusste: Essen soll zuerst das Auge erfassen und dann den Magen. Das gelingt besonders gut in einer schicken neuen Küche. Jetzt zum Küchen-Profi-Center Hülsbusch und sich beraten lassen.

Für viele Pegida-Sympathisanten sind die Lügner folglich überall: „Die Politik“ lügt, „die Medien“ lügen, die Gegner lügen. So einfach kann man es sich machen. Doch so einfach ist das nicht. Tatsächlich arbeiten viele Führer und Mitglieder der Bewegung selbst regelmäßig und gezielt mit der massenhaften Verbreitung von Unwahrheiten – und belügen damit auch ihre eigenen Anhänger. Hier eine kleine, belegbare Auswahl solcher Behauptungen aus den letzten Wochen:

Behauptung: In Berlin wurden aus Rücksicht auf Muslime schon Weihnachtsmärkte in Wintermärkte umbenannt.

Fakt: Kein einziger Weihnachtsmarkt wurde umbenannt. Es gibt lediglich einen „Wintermarkt“ bzw. das „Winterfest am Mehringplatz“, das 2012 schon unter diesem Namen gegründet wurde. Es stellt sich nicht in die Weihnachtsmarkt-Tradition, sondern in die der Frühlings-, Sommer- und Herbstfeste und -Märkte.

Behauptung: In Südfrankreich gibt es schon mehr Moscheen als Kirchen.

Fakt: In Südfrankreich gibt es so viele Kirchen wie in kaum einer anderen Region weltweit, wesentlich mehr als Moscheen, und damit mehr als genug für die dort lebende christliche Mehrheit. Doch muslimischen Zuwanderern stehen nicht genug Moscheen zur Verfügung. Deshalb werden dort mehr neue Moscheen gebaut als neue Kirchen – darauf bezieht sich die Statistik.

Behauptung: Anders als in Deutschland wird in Auslandsmedien ohne Wertung oder sogar positiv über Pegida berichtet.

Fakt: In ausländischen Medien erhält Pegida genau so Zustimmung und Ablehnung wie in deutschen. So kritisiert etwa der britische Guardian Pegida als „entstehende Anti-Ausländer-Kampagnengruppe“, wertet die französische Libération die Bewegung als Zeichen für eine „Krise der Intoleranz in Deutschland“.

Behauptung: Bei einer Diskussion der Landeszentrale im November hätten linke Schläger auf Pegida-Abgesandte gewartet.

Fakt: Bei der Debatte am 3.12. über das „Abendland“ hat kein einziger Schläger gelauert. Stattdessen waren mehrere Pegida-Sympathisanten anwesend, haben mitdiskutiert, wurden angehört und respektiert.

Behauptung: Bei der Pegida-Demo am 8. Dezember hat der Freistaat Sachsen Gegendemonstranten bezahlt.

Fakt: Der Freistaat hat keinen Gegendemonstranten bezahlt. Er hat eine Agentur beauftragt, Helfer zu finden, die für zehn Euro pro Stunde Sachsen-Ballons aufblasen und verteilen.

Behauptung: Dass Angehörige der IS am 16. Dezember 2014 in einer Schule in Pakistan über 140 Menschen getötet haben, war in den Medien nur eine Randnotiz.

Fakt: Die Mehrheit der Medien hat über das Attentat in großen Artikeln berichtet. Das Verbrechen wurde auch nicht von dem IS begangen, sondern von den Taliban.

Behauptung: Der SZ-Autor eines Artikels über das kriminelle Vorleben eines Pegida-Mitgründers war einst beim „Neuen Deutschland“ beschäftigt.

Fakt: Der betreffende Redakteur hat niemals für das ND gearbeitet.

Behauptung: „Die Presse“, auch die SZ, setzt sich inhaltlich weder mit den Problemen der Asylpolitik noch mit den Zielen der Pegida auseinander.

Fakt: Die Probleme der Asylpolitik werden in den Medien seit Jahren thematisiert. Das hat seit dem Beginn der Pegida-Bewegung und durch sie noch an Intensität zugenommen. Mit den Forderungen und Motiven der Pegida-Bewegung setzen sich viele Medien ebenfalls intensiv auseinander, darunter auch die Sächsische Zeitung.

Behauptung: Wir sind das Volk.

Fakt: Zur bisher größten Pegida-Veranstaltung versammelten sich am 22. Dezember 17 500 Anhänger in Dresden. Das sind 3,3 Prozent der Dresdner. In Deutschland gibt es über 30 Millionen Facebook-Nutzer. 101 000 davon (Stand von gestern) sind Pegida-Fans. Die Anti-Pegida-Petition im Internet hat bisher über 290 000 Unterzeichner. Pegida-Ableger in anderen Städten bringen jeweils maximal ein paar Hundert Menschen auf die Straße. Kurz: Pegida hat viele Anhänger, sie sind aber bisher eine kleine Minderheit und also nicht „das Volk“.

Behauptung: Die Pegida demonstriert friedlich und gewaltfrei für ihre Ziele.

Fakt: Das ist richtig in Bezug auf körperliche Gewalt, nicht aber in Sachen verbaler Gewalt (was indes ebenso für Teile der Pegida-Gegner gilt). Vielmehr sind etliche Pegida-Reden, -Plakate und -Sprechchöre voller Beleidigungen und Bedrohungen von Andersdenkenden („Linksfaschisten“, „Weg mit dem Dreck!“, „Gnade Euch Gott!“, „Fotze!“). Wirklich durchweg „friedlich“ geht es auf Pegida-Veranstaltungen und erst recht in -Internetforen mitnichten zu.

Behauptung: „Die Presse“ bezeichnet Pegida kollektiv als Nazis oder „Rechte“.

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

„Für Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog“

Mit den Pegida-Demos macht Dresden derzeit Schlagzeilen. Oberbürgermeisterin Orosz und Sachsens Ministerpräsident Tillich wollen mit einer Kundgebung ein anderes Bild der Stadt zeigen.

Symbolbild verwandter Artikel

Wie die Welt Pegida sieht

Auch die Mahnungen der Kanzlerin helfen nicht: In Dresden sind bei der Pegida-Demonstration am Montagabend 18 000 Menschen durch die Straßen gezogen. Inzwischen blicken auch ausländische Medien auf die Demonstrationen.

Symbolbild verwandter Artikel

Licht und Schatten

Die Islamkritiker der Pegida lassen sich nicht stoppen, schon gar nicht durch einen Scherz. Dennoch kamen nicht mehr Anhänger zum elften Treffen in Dresden.

Symbolbild verwandter Artikel

CDU weist Grünen-Kritik zurück

Die sächsische Union hat Vorwürfe von Grünen-Chef Cem Özdemir in der Asyldebatte zurückgewiesen. Die beste Methode, um den extremistischen Dumpfbacken den Boden zu entziehen, sei die konsequente Anwendung der Gesetze.

Symbolbild verwandter Artikel

Kommentar: Am rechten Rand fischen ohne Köder

Sven Siebert über die Reaktion der Union auf AfD und Pegida

Symbolbild verwandter Artikel

CSU zeigt Verständnis für Pegida

Während an Europas Südgrenze Frachter voller Flüchtlinge ankommen, wird die deutsche Asyldebatte schriller. Die CSU fordert die schnelle Abschiebung abgelehnter Asylbewerber und macht sich zum Anwalt der Pegida-Demonstranten.

Symbolbild verwandter Artikel

Kommentar: Schluss mit Friede, Freude, Eierkuchen

Marcus Krämer über die Pegida-Kritik der Kanzlerin

Symbolbild verwandter Artikel

„Folgen Sie denen nicht!“

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich klar gegen ein Ausgrenzen von Flüchtlingen gewandt und islamfeindliche Demonstrationen wie in Dresden scharf verurteilt.

Symbolbild verwandter Artikel

Merkels Neujahransprache gefällt der Opposition

Mit ihrer Neujahrsansprache hat Bundeskanzlerin Merkel die Debatte über die Protestbewegung Pegida neu angefacht. Zuspruch erhält sie von Grünen und Linken. Von der AfD kommt Widerspruch.

Fakt: Solche falsche Pauschalurteile sind nur anfangs und fast nur in überregionalen Presseorganen verbreitet worden. Auch heute geschieht das vereinzelt in linken Gesinnungsmedien. Doch das Gros der Presse – darunter auch die SZ – hat die Pegida-Anhänger nie kollektiv als Nazis oder Rechte bezeichnet. Jedoch hat sie darauf hingewiesen, dass es in deren Reihen unter anderem auch Nazis und Rechte gibt.