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Stephanies Anwalt will Schmerzensgeld vom Freistaat

Dresden - Der Anwalt der im Januar entführten und wochenlang missbrauchten Stephanie aus Dresden will den Freistaat Sachsen auf Schmerzensgeld und Heilbehandlungskosten von reichlich einer Million Euro verklagen.

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Dresden - Der Anwalt der im Januar entführten und wochenlang missbrauchten Stephanie aus Dresden will den Freistaat Sachsen auf Schmerzensgeld und Heilbehandlungskosten von reichlich einer Million Euro verklagen. Einen entsprechenden Bericht der „Sächsischen Zeitung“ bestätigte Opferjurist Thomas Kämmer am Freitag.

Die Summe setze sich aus Schmerzensgeldern in Höhe von 800 000 Euro für Stephanie, jeweils 25 000 Euro für Mutter, Vater und Stephanies Bruder sowie 160 000 Euro Kosten für eine Therapie zusammen. Die Eltern müssten in einer Klinik am Bodensee mittherapiert werden. Kämmer arbeitet mit dem Anwalt der Familie, Ulrich von Jeinsen (Hannover), zusammen.

Die Juristen machen Polizeipannen dafür verantwortlich, dass die damals 13-Jährige erst nach fünf Wochen aus der Hand eines Sexualstraftäters freikam. Am Mittwoch waren Verhandlungen zwischen dem Anwalt und dem Innenministerium geplatzt. Nach Darstellung von Ministeriumssprecher Lothar Hofner lassen sich aus den Ermittlungen keine Entschädigungsansprüche an Stephanie ableiten. Das Ministerium habe aber angeboten, sich aus humanitären Gründen an den Behandlungskosten von Stephanie zu beteiligen. Nach Angaben von Kämmer soll die Zivilklage nun „zeitnah“ eingereicht werden.

Stephanie war vom 11. Januar bis 15. Februar dieses Jahres in der Gewalt ihres Peinigers. Der 35 Jahre alte vorbestrafte Tatverdächtige soll das Mädchen mehr als 100 Mal sexuell missbraucht und einen Teil der Taten auf Video dokumentiert haben. Die Polizei räumte Fehler bei den Ermittlungen ein. So war der Beschuldigte im Polizeicomputer noch unter seiner früheren Adresse registriert und deshalb nicht ins Visier geraten. Auch das Vorgehen beim Befreien des Kindes löste Erstaunen aus. Als Beamte an der Tür des Geiselnehmers klingelten und keiner öffnete, forderten sie statt eines Spezialkommandos einen Schlüsseldienst an. Stephanie war in dieser Situation noch längere Zeit mit dem Tatverdächtigen allein.

Kämmer sagte weiter, die Sonderkommission Stephanie sei offenkundig personell unterbesetzt gewesen und habe sich zudem auch noch mit anderen Straftaten befassen müssen. Die Liste der „Amtspflichtverletzungen der sächsischen Polizei und Justiz“ umfasse mindestens sieben Punkte. Nach Ansicht der Juristen sind die Ermittler viel zu spät davon ausgegangen, dass Stephanie ein Opfer sexueller Gewalt sein könnte. Deshalb habe die Recherche nach einem Sexualstraftäter erst am 3. Februar so konkret wie eigentlich nötig und damit zu spät begonnen. Zudem sei die Polizei mit einem falschen Suchbegriff vorgegangen. Kämmer zufolge geht es auch um die „politische Verantwortung“ des sächsischen Innenministers.

Das Innenministerium wollte die neuerlichen Anschuldigungen nicht kommentieren. „Wir möchten kein Öl ins Feuer gießen und sind um Sachlichkeit bemüht“, sagte Pressesprecher Andreas Schumann. Über die finanzielle Beteiligung an den Behandlungskosten von Stephanie sollte erst nach Endes des Prozess gegen den mutmaßlichen Täter gesprochen werden. (dpa)