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Storch & Co. im Notquartier

Nach den Vogelgrippefällen gilt für viele Bewohner im Tierpark Hebelei Stallpflicht. Was schwer umzusetzen ist.

© Claudia Hübschmann

Von Ulrike Keller

Hebelei. Großer Appetit sieht anders aus. Weißstorch Matthias pickt zögerlich nach den toten Sardellen, die Sven Näther zur Schaufütterung hervorzaubert. Der Leiter des Tierparks Hebelei redet ihm gut zu und öffnet die andere Dose. Die mit toten Mäusen. Störchin Thora bleibt abwartend im Hintergrund. Doch der männliche Vogel greift ordentlich zu. Sven Näther hält sich nah am Türchen der Voliere auf. Nicht, dass Matthias plötzlich zu einem Ausflug in die Freiheit ansetzt. Denn hinter der Tür, auf der großen Wiese, spielt sich normalerweise sein Leben mit Thora ab.

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Die Vogelgrippe-Fälle in der Umgebung diktieren dem Elbetierpark andere Umstände. Nach dem Fund eines infizierten Wildvogels im benachbarten Nünchritz liegt die Einrichtung nun im Sperrbezirk. Seit Anfang Dezember befand sie sich bereits im amtlich festgelegten Beobachtungsgebiet. Schon so lange darf kein Federvieh mehr frei herumlaufen. Für das Team des Tiergartens bedeutete das, Weißstörchen, Enten, Gänsen und Hühnern schnellstmöglich Notunterkünfte zu bauen. Die kein Ersatz für den üblichen Auslauf sind. „Aber sie erfüllen den Zweck, dass die Tiere sich wenigstens an der frischen Luft aufhalten können“, sagt Sven Näther.

Das Behelfsquartier der Weißstörche besteht aus einigen grünen und einigen naturbelassenen Holzpfosten. „Die grünen waren eigentlich für ein Naturerlebnisspiel gedacht und deshalb schon gestrichen“, verrät der Parkchef. „Wir haben alles zusammengesucht, was wir im Lager und auf dem Dachboden finden konnten.“ Denn das Problem war und ist das teure Material. „Schon im Dezember war kein Geld mehr da“, gibt Sven Näther zu. Vor allem wegen stark gestiegener Futterpreise durch den eingeführten Mindestlohn habe die Einrichtung vergangenes Jahr erstmals rote Zahlen geschrieben. Sie finanziert sich fast ausschließlich durch Eintrittsgelder. Die in der nass-kalten Jahreszeit gering ausfallen.

Keine Einschränkungen in Moritzburg

Etwas Maschendraht als luftdurchlässige Volierenwand und etwas Plane als Dach konnte der Tierpark für einige Notunterkünfte noch von Spendengeldern kaufen. Doch dieses Polster ist aufgebraucht. Für das Behelfsquartier der Dresdener Hühner improvisierte das Team schon mit einem Filzteppich als Dach. Und bei den Sachsenhühnern muss es ein Gitter vor der geöffneten Tür des Nachtstalls tun, in dem sie vorerst untergekommen sind. „Die Untere Naturschutzbehörde war hier und hat alles abgenickt“, versichert Sven Näther.

Noch fehlen allerdings weitere Notunterkünfte: für die Ungarischen Lockengänse ebenso wie für die Kraniche. „Die sind seit Dezember in einem Stall mit Luftlöchern und lichtdurchlässigem Dach untergebracht“, bedauert der Tierparkchef. Und selbst für die neun Katzen muss sein Team rasch eine artgerechte Bleibe schaffen. Denn auch die Samtpfoten haben Freigangsverbot. Eine enorme Herausforderung in der praktischen Umsetzung.

Keinerlei Beeinträchtigungen ergeben sich hingegen aktuell für das Wildgehege Moritzburg, das im Beobachtungsgebiet liegt. „Unsere Fasane, Rebhühner und Uhus sind ohnehin immer in Volieren mit Dächern untergebracht“, erklärt Ronald Ennersch vom Staatsbetrieb Sachsenforst. Demzufolge sei kein Kontakt zu Wildvögeln möglich. Um auf Nummer sicher zu gehen, muss das Gehege aller 14 Tage Kotproben seiner Vögel abgeben.

Besucher zeigen Verständnis

Was Sven Näther vom Elbetierpark grundsätzlich kritisiert: Geflügelhalter und eben auch Einrichtungen wie die seine zahlen in die Seuchenkasse ein, werden aber bei Seuchenfällen in jeder Hinsicht allein gelassen. Umso dankbarer ist er für Spenden. „Es wäre toll, wenn uns jemand Material sponsern könnte“, sagt Sven Näther. „Aber wir brauchen auch helfende Hände zum Bauen.“ Bei der provisorischen Stallung für das Diepholzer Gänsepaar etwa zimmerte die Meißner Pfadfindergruppe von FÖJ-lerin Celly mit. Und nicht zu unterschätzen: Jeder Besucher leistet mit seinem Eintritt einen wichtigen Beitrag.

Zu beiden Führungen am Sonnabend wartet der Parkleiter vergebens auf Gäste. Allerdings zeigen die meisten Leute Verständnis dafür, dass sie die Tiere zurzeit nur eingesperrt sehen können, erzählt Sven Näther. „Viele fragen uns nach dem Wohlbefinden der Vögel.“ Und das leidet natürlich bei einigen. Sowohl die Kraniche als auch die Weißstörche sind bisweilen unruhig und leicht gereizt, weil sie raus wollen. Einige Enten und ein Truthahn vertrugen sich auf kleinem Raum nicht mit Geschlechtsrivalen und begannen zu hacken. Von zehn Enten trennte sich Sven Näther notgedrungen.

Im besten Fall gilt der Gatterzwang nur noch bis in den März hinein. Treten bis dahin erneut Fälle der Vogelgrippe in der Region auf, wird die Frist verlängert. „Wenn ein Tier – wie jetzt ganz in der Nähe – infiziert wurde, sind die strengen Schutzmaßnahmen absolut gerechtfertigt“, betont der Tierparkchef. „Aber natürlich ist es für uns eine Last.“

Auch am nächsten Ferienwochenende bietet der Tierpark 11 und 14 Uhr eine Führung mit Fütterung an.

Spenden sind möglich auf das Konto DE 04 8505 5000 3100 0050 65 bei der Sparkasse Meißen.