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Strahlen gegen Schädlinge

Elektronen töten Krankheitserreger im Saatgut ab. Die Idee aus Dresden wird schon auf vielen Feldern genutzt.

© dpa

Von Jana Mundus

Trockenheit wie jetzt oder zu viel Regen, Sturm oder Frost – gegen die Macht des Wetters können sich Landwirte nicht schützen. Einer anderen Gefahr ist aber beizukommen: Krankheitserregern im Getreide. Damit diese nicht schon über die Saat auf die Felder gelangen, wurde in Dresden eine Lösung entwickelt. Das Fraunhofer Institut für Elektronenstrahl- und Plasmatechnik (FEP) rückt den Mikroorganismen mit einem Elektronenstrahl zu Leibe. Das so behandelte Saatgut kommt bereits in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern zum Einsatz. Mit Erfolg.

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Schon in den 1980er-Jahren wurde am damaligen Manfred-von-Ardenne-Institut in Dresden an den Grundlagen der heutigen Technologie geforscht. Damals kamen beim Beizen des Saatguts quecksilberhaltige Stoffe zum Einsatz, die sich so auch in den Böden angereichert hatten. Beim Beizen wird das Saatgut mit Pflanzenschutzmitteln behandelt. „Man suchte also nach einer Alternative ohne Chemie“, erklärt André Weidauer vom FEP. Schon damals war die Elektronenstrahlbehandlung als Lösung im Gespräch. Doch nach der Wiedervereinigung wurde erst einmal nicht weiter an der Idee gearbeitet – bis 1997. Drei Jahre lang feilten die Forscher an der neuartigen Technologie.

Ein Generator erzeugt und beschleunigt dabei Elektronen, elektrische Elementarteilchen mit negativer Ladung. Sie dringen in das Saatgut ein, allerdings begrenzt auf den Bereich auf und in der Samenschale. Die Elektronen geben im Korn Energie ab, dabei wird die DNA der Krankheitserreger aufgebrochen und zerstört. Bakterien, Viren oder Pilzsporen werden so abgetötet. Das Innere des Saatkorns bleibt intakt, die Keimfähigkeit erhalten. Ganz ohne den Einsatz von Chemikalien.

Zehn Jahre lang wurde die Anlage danach in Kooperation mit dem Saatgutanbieter BayWa AG im mittelsächsischen Hainichen erprobt. „Es ging auch darum, die Landwirte von dieser Methode zu überzeugen“, sagt Weidauer. Die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft, das heutige Julius-Kühn-Institut, untersuchte mehrere Jahre lang die Wirksamkeit der neuen Behandlungsmethode. Negative Folgen auf die Erträge hat sie demnach nicht festgestellt. Die BayWa AG vertreibt das Saatgut heute über Fachberater nicht nur in Sachsen, sondern auch in Brandenburg und Süddeutschland.

Als weiterer Saatgutproduzent nutzt die Ceravis AG, vormals Nordkorn Saaten GmbH, in Mecklenburg-Vorpommern die Elektronenbehandlung. Auf etwa jedem fünften Hektar der Getreidefläche in Mecklenburg-Vorpommern kam in diesem Jahr elektronenbehandeltes Saatgut zur Aussaat. Die Nachfrage steigt. Eine zweite Anlage wurde deshalb mit dem FEP entwickelt und nun eingeweiht. Das Neue: Sie ist in einem Container untergebracht. Viele Saatgutproduzenten hätten mehrere Standorte. „Jetzt kann der Container verladen und dorthin transportiert werden“, erklärt Weidauer. Das Umherfahren vieler Tonnen Getreide ist somit nicht mehr notwendig. Insgesamt 25 Tonnen pro Stunde werden in der Anlage behandelt.

Doch es geht auch kleiner. Derzeit arbeitet das FEP, unterstützt mit fast drei Millionen Euro vom Bundeslandwirtschafsministerium, an einer noch kompakteren Lösung. Die soll später in einen Transporter passen. Fünf bis zwölf Tonnen Saatgut sollen dort pro Stunde bestrahlt werden. Für kleinere Produzenten attraktiv. Bisher kann weltweit nur das Fraunhofer FEP solche Elektronenanlagen bauen. Dass diese neuartige Behandlung des Saatguts nicht nur deutsche Landwirte interessiert, zeigen Gespräch mit französischen, dänischen oder ukrainischen Produzenten. „Für viele ist gerade die geplante kleinere Variante interessant“, sagt Weidauer. Die Wissenschaftler hoffen, dass die Technologie irgendwann auch Maschinenbauunternehmen überzeugt. Dann könnten Anlagen in Zukunft auch im großen Stil gebaut werden. Die Desinfektion von Saatgut ohne Chemie, die Idee aus Dresden, könnte dann um die Welt gehen.