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Strahlendes Erbe

Der Uranbergbau der Wismut hat zu DDR-Zeiten tiefe Spuren in Sachsen hinterlassen. Vielerorts schlummert noch strahlendes Gestein in den Straßen.

© dpa

Von Andreas Hummel

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Ronneburg/Meerane. Viele Bürger von Waldsachsen sind in Aufruhr. Zwei Jugendliche in dem Meeraner Vorort sind vor einigen Jahren zeitgleich an Schilddrüsenkrebs erkrankt. Die Ursache glaubt eine Bürgerinitiative in erhöhter radioaktiver Strahlung von Straßen und Wegen gefunden zu haben. Dort wurde einst Gestein aus dem Uranbergbau verbaut. Das 600-Einwohner-Dorf an der Grenze von Sachsen und Thüringen ist kein Einzelfall. Nach Recherchen des Kirchlichen Umweltkreises Ronneburg wurden zu DDR-Zeiten bis zu 14 Millionen Tonnen radioaktiven Materials der Wismut-Halde in Crossen bei Zwickau als Baustoff verwendet - wo genau, ist im Detail kaum noch bekannt.

„Die Crossener Halde war radiologisch deutlich höher belastet als andere Halden der Wismut“, betont Frank Lange vom Umweltkreis. Der Einsatz sei zwar immer wieder reglementiert worden. Doch wegen der Materialengpässe in der DDR seien die Begehrlichkeiten groß gewesen, solche Stoffe aus dem Bergbau und der Aufbereitung von Uranerz zu nutzen. Das Material ging demnach in den Bau von Straßen und Wirtschaftswegen, Bahndämmen und Häusern. Besonders häufig wurde es in der Region zwischen Chemnitz und Gera verwendet. Nachgewiesen werden kann der Einsatz in Thüringen in Orten wie Gera, Weida, Gößnitz, Ponitz, Ronneburg, Berga, Hermsdorf und Meuselwitz.

Standorte und Mengen nicht dokumentiert

Das Problem ist den Behörden in Thüringen und Sachsen bekannt. Das Umweltministerium in Dresden spricht von mehreren Millionen Tonnen Haldenmaterial, die für Bauzwecke verwendet worden seien. Angaben zu den von Wismut-Halden abgegebenen Mengen lägen nur für Crossen vor - das Ministerium beziffert sie auf 5 Millionen Tonnen. Auch bei der heute bundeseigenen Wismut GmbH, die Altlasten des Uranbergbaus saniert, ist von 5,6 Millionen Tonnen aus Crossen die Rede. Darin nicht enthalten sei, was das Bergbauunternehmen in seinem eigenen Baubetrieb verwendete oder was „schwarz“ abgegeben wurde, hieß es.

„Im Übrigen wurden weder die Standorte, noch die Mengen, noch die Einbauorte dokumentiert“, erläutert der Sprecher des sächsischen Umweltministeriums, Falk Hofer. Ähnliches ist von der Landesregierung in Erfurt zu hören. Zwar lägen dem Landesbergamt in Einzelfällen Unterlagen der DDR-Behörden zu Einsatz von Haldenmaterial im Straßenbau oder für Geländeregulierung vor, aber zugleich wird eingeräumt: „Ob damit der Gesamtumfang des jemals zu DDR-Zeiten verbauten Haldenmaterials erfasst ist, darf bezweifelt werden.“ Soll heißen: Wo das radioaktive Material überall im Untergrund schlummert, ist den Behörden weitgehend unbekannt. Dennoch geben sie Entwarnung und halten Gesundheitsgefahren für ausgeschlossen.

Umweltschützer Lange ist da vorsichtiger. „Die Straßen halten nicht ewig - das ist das Problem“, betont er. Durch Schäden wie Schlaglöcher oder die Verlegung von Rohren und Leitungen treten Veränderungen an der Bausubstanz auf - mit Folgen auch für die Strahlenbelastung.

Eine Messung der Straßen in Waldsachsen im Auftrag der Stadt Meerane ergab bis zu 267 Nanosievert pro Stunde, während die natürliche Strahlung bei maximal 95 Nanosievert lag. „Eine unmittelbare Gefährdung für die Bevölkerung ergibt sich aus der Strahlendosis nicht“, konstatieren die Gutachter, räumen aber auch ein: „Bei Straßenbaumaßnahmen muss in den genannten Bereichen mit radiologisch belastetem Material gerechnet werden. Aufgrund der Messwerte ist zu erwarten, dass der Grenzwert der Haldenanordnung von 0,2 Becquerel pro Kilogramm überschritten wird.“

Die Angst vor einem Präzedenzfall

Eigene Messungen der Waldsachsener an Schlag- und Baulöchern hatten noch weit höhere Strahlenwerte ergeben. Immerhin sind diese Löcher inzwischen verfüllt. Doch die Behörden säßen das Problem aus und versteckten sich hinter Grenzwerten, beklagen die Sprecher der Initiative „Strahlungsfreies Waldsachsen“, Rene Schneider und Mirko Döhler. „Hier geht es nur ums Geld“, sagt Schneider. Döhler vermutet, dass ein Präzedenzfall vermieden werden soll, weil dann viele weitere Straßen in anderen Orten auch saniert werden müssten. „Fakt ist: Das Zeug gehört hier nicht her und selbst zu DDR-Zeiten hätte es hier gar nicht verbaut werden dürfen“, stellt Döhler klar. Er fordert, die Straße grundhaft zu sanieren und den Wismut-Schotter zu entfernen.

Lange bestätigt, zu DDR-Zeiten habe es Auflagen gegeben, das Gestein der Crossener Halde zum Schutz der Bevölkerung nur außerhalb von Ortschaften zu verbauen. „Diese Festlegung war richtig“, erklärt der Umweltkreis-Sprecher und fordert die Behörden auf, in bewohnten Gebieten nicht auf den Grenzwert von einem Millisievert im Jahr zu beharren. „Wenn Straßen in der Nähe von Häusern betroffen sind, sollte das Material grundsätzlich entfernt werden.“

In anderen Fällen könnte es aus seiner Sicht reichen, die Verwendung von Wismut-Schotter zu registrieren und ihn an Ort und Stelle neu und sicher zu verbauen. Ohnehin könnte die Entsorgung künftig schwieriger werden. Denn wenn in wenigen Jahren die Wismut ihre Bergbausanierung abschließt, dann endet auch die Möglichkeit, solch belastete Materialien in den Sanierungsflächen einzulagern. (dpa)

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