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Strandvergnügen in Ex-Kriegszone

Zwei Jahrzehnte der Anarchie und Gewalt haben in Somalia tiefe Spuren hinterlassen. Doch langsam normalisiert ein zarter Wirtschaftsaufschwung das Leben in der Hauptstadt Mogadischu.

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© dpa

Mohamed Odowa und Kristin Palitza

Mogadischu. Paare gehen an der felsigen Küste spazieren. Badende tummeln sich in den Wellen. Ein paar Jungs kicken einen Fußball im Sand. Strandlokale laden im Schatten unter den Sonnenschirmen zu Meeresfrüchten und Tee ein.

Vor gerade einmal vier Jahren war Lido Beach ein gefährlicher, verlassener Ort in der vom Krieg zerrütteten somalischen Hauptstadt Mogadischu. Ganze Stadtteile waren unter Kontrolle der islamistischen Terrorgruppe Al-Shabaab. Jahrelang beherrschten Gewalt und Blutvergießen den Alltag der Anwohner.

Heute präsentiert sich Mogadischu von einer anderen Seite. Hunderte Familien zieht es jedes Wochenende zum Lido Beach. Inzwischen gibt es dort viele Restaurants, Hotels werden gebaut, am Wasser verkaufen Händler Eis. „Ich bin in einer feindseligen Umgebung geboren und aufgewachsen“, sagt die Verkäuferin Asho Elmi, während sie eine schwere Kühlbox mit Getränken und Eis den Strand entlang schleppt. „Jetzt hat Mogadischu eine vielversprechende Zukunft. Die Angst ist weg“, sagt die 20-Jährige. Sie arbeite, bis es dunkel wird, oft bis abends um halb zehn.

Zehn Millionen Menschen, zwei Jahrzehnte Chaos

Zwei Jahrzehnte lang herrschte in Somalia Anarchie. Nach dem Sturz des Präsidenten Siad Barre im Jahr 1991 bekriegten sich rivalisierende Gruppen. Erst als 2012 die international unterstützte Regierung an die Macht kam und Al-Shabaab aus Mogadischu und weiteren Hochburgen vertrieben wurde, stabilisierte sich das ostafrikanische Land mit seinen rund zehn Millionen Einwohnern.

Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) wuchs Somalias Wirtschaft 2014 um 3,7 Prozent. Für 2015 wird ein Wachstum von rund 2,7 Prozent erwartet. „Auch wenn die politische Situation und die Sicherheitslage eine Herausforderung bleiben, hat Somalia enorme Fortschritte gemacht“, teilte der IWF Ende Juli mit. Diese Entwicklung spüren die Somalier im täglichen Leben.

Die Bauindustrie in Mogadischu boomt, Hochhäuser schießen in der Innenstadt in den Himmel. Nach und nach verschwinden die Einschusslöcher in den Fassaden hinter frischem Putz und Farbe. Inzwischen können Besucher in einem der mehr als 200 Hotels Mogadischus übernachten. 2012 waren es gerade mal zwölf.

Der Bakaraha-Markt im Herzen der Stadt, wo sich Al-Shabaab-Terroristen und Friedenstruppen einst erbitterte Kämpfe lieferten, ist wieder ein belebtes Einkaufsviertel. Zwischen den vielen Lebensmittel-, Bekleidungs- und Haushaltswarengeschäften erledigen Somalier ihre alltäglichen Besorgungen, sie plaudern in kleinen Restaurants und Kaffeehäusern.

Erstmals seit 1991 werden „moderne“ Importprodukte wie Energydrinks verkauft. „In puncto Sicherheit hat es große Fortschritte gegeben“, sagt Nije Sharif, der einen Bereich des Markts leitet. „Das hat die Menschen und Betreiber ermutigt, ihre Geschäfte auch nachts zu öffnen“, sagt er.

„Es kommt ein neues Somalia ans Licht“

An fast jeder Ecke gibt es ein Internetcafé, dabei waren die Anwohner noch vor wenigen Jahren vom Rest der Welt abgeschnitten. „Es kommt ein neues Somalia ans Licht“, glaubt Ahmed Tall, Dozent für Betriebswirtschaftslehre an Mogadischus Simad-Universität.

Ein eindeutiges Zeichen für den wirtschaftlichen Aufschwung ist das neue Bankensystem. Die örtliche Premier Bank schloss einen Deal mit der Kreditkartengesellschaft Mastercard und führte im Mai - erstmals in der Geschichte des Landes - Debitkarten ein.

Nun können Somalier an Automaten Geld abheben und in Geschäften mit Karte bezahlen, statt stundenlang am Bankschalter anzustehen. In einer Stadt, in der das Herumtragen größerer Bargeldsummen weiterhin ein Sicherheitsrisiko darstellt, ist das ein großer Vorteil.

Dennoch steht Somalia noch immer vor riesigen Herausforderungen. Das Land bleibt einer der instabilsten Staaten weltweit. Die Lage sei schlimmer als in Afghanistan, Syrien oder Jemen, wie der jährliche Index des Friedensfonds zeigt.

Die geschwächte Al-Shabaab-Miliz verübt weiterhin Angriffe auf Regierung, Beamte und Zivilisten und tötet jährlich Hunderte Menschen. Kriminalität ist in Somalia weit verbreitet, die Infrastruktur minimal ausgebaut, die Armut groß.

Dennoch herrsche ein neuer Optimismus, diese Hindernisse überwinden zu können, sagt der Geschäftsführer der Premier Bank, Mahat Mohamed Ahmed. „Banken, Versicherungsgesellschaften, Sicherheits-, Immobilien- und Tourismusunternehmen expandieren“, sagt er. Für die Somalier sind das kleine, aber wichtige Schritte in die richtige Richtung. (dpa)