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Streit um die Hecke

Die Wohnungsgenossenschaft entfernt die Begrenzungen nach und nach. Manch einem gefällt’s, anderen gar nicht.

© Sebastian Schultz

Von Britta Veltzke

Riesa. Gartenarbeiter haben in den letzten Tagen Hecken an der Humboldtstraße entfernt. Die erdigen Flächen an der Grundstücksgrenze zeigen noch, wo die Büsche standen. Daneben liegen die alten Pflanzen auf Haufen und warten auf den Abtransport. Kein schöner Anblick für Anwohner Konrad Treppte. Seit Anfang an wohne er in dem Genossenschaftshaus. „Seit 1961 und seit dem gibt es auch die Hecken“, erklärt der Riesaer. Er schätze die Sträucher als Abgrenzung. Die Anwohner hätten auch selbst immer mal wieder Unkraut an den Hecken gejätet, sagt er.

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Vorn zu wenig, hinten zu viel? Der Zustand hinter dem Haus stört einen Anwohner vielmehr als der davor.
Vorn zu wenig, hinten zu viel? Der Zustand hinter dem Haus stört einen Anwohner vielmehr als der davor. © Sebastian Schultz

Seine Nachbarn im Haus nebenan trauern den Hecken hingegen nicht nach. „Ich finde es gut, dass sie wegkommen. Wenn danach ordentlich aufgeräumt und eingesät wird, ist das auch in Ordnung“, sagt eine Nachbarin. Ihr Mann stimmt ihr zu. „Hinter dem Haus könnten die dann gleich weitermachen“, sagt er und führt durch den Keller nach hinten. Auf dem schmalen Weg, der zu den Kellereingängen führt, zeigt er auf Sträucher und Bäume, die sich ausgebreitet haben. „Das ist im Grunde genommen ein schöner Weg, aber mit dem Fahrrad komme ich schon gar nicht mehr durch, ohne die Äste zu streifen“, sagt der Anwohner. Was hingegen vorn mit den Hecken passiere, sei ihm egal – so lang es am Ende ordentlich aussieht.

Nach und nach will die Wohnungsgenossenschaft (WG) die Hecken in allen Wohngebieten der WG entfernen, erklärt Kerstin Kluge. „Auch in Weida und Merzdorf.“ An der Brandenburger Straße sei das zum Beispiel schon passiert. „Die Hecken sind bis zu 50 Jahre alt und sehen einfach nicht mehr schön aus. Es wird immer Leute geben, die das nicht gut finden“, sagt Kluge. Dass die Pflanzen entfernt werden, hat nicht nur optische Gründe. „Das ist auch eine Kostenfrage. Die Hecken müssen regelmäßig geschnitten und der Wildwuchs entfernt werden.“ Stattdessen sollen die Vorgärten der WG-Häuser in Zukunft vor allem aus Grasflächen und einzelnen Büschen bestehen.

Anders als die Genossenschaft hält es Riesas zweiter Großvermieter, die Wohnungsgesellschaft Riesa (WGR), mit den Hecken: „Die Grünanlagen im Wohnumfeld stellen für uns einen wichtigen Faktor für die Vermietung dar“, erklärt WGR-Prokurist Reiner Striegler. Dazu gehörten eben auch die Hecken. „Wir haben keine Ambitionen, diese zu entfernen“, so Striegler.

Neben den Hecken sollen bei der Genossenschaft auch Bäume verschwinden – aus Sicherheitsgründen. Im Sommer 2015 waren bei einem Sturm vor allem in der Pausitzer Delle mehrere Bäume umgefallen. „Das möchte ich nicht noch einmal erleben“, sagt die Vorstandvorsitzende.

Hecken weg, Bäume weg? Für den Vogelkundler Winfried Nachtigall vom Nabu Sachsen klingt das nach einem kleinen Albtraum. Einerseits habe er Verständnis für den Genossenschaftsvorstand, der hafte, wenn ein umfallender Baum einen Menschen verletzte. Andererseits: „Ich treib es jetzt mal auf die Spitze. Wir ersetzen am besten alles durch Plastik und Gummi, dann sind wir sicher.“ Aus seiner Sicht kann der Entfernung der Hecken nichts Gutes sein. „Sie bieten für einige Vogelarten Brutplätze, Nahrung und Ruhe- und Rückzugsraum. Kleinere Arten suchen in Hecken zum Beispiel Schutz vor Angriffen durch Raubvögel wie dem Turmfalken oder dem Sperber.“ Daher sagt Winfried Nachtigall ganz entschieden: „Beseitigen wir die Hecken, beseitigen wir damit auch einen Lebensraum.“ Gras sowie ein paar Büsche anstelle der Hecken nennt er „Ergebniskosmetik“. „Bis in einem neu gepflanzten Busch Vögel brüten können, vergehen Jahre. Und was sind ein paar Büsche gegen meterlange Hecken?“ Den Kostendruck, den die Genossenschaft spürt, könne er nachvollziehen und macht daher einen Sparvorschlag. „So eine Hecke muss ja nicht zwangsläufig mehrmals im Jahr gepflegt werden.“ Einmal in zwei Jahren würde auch reichen. „Wenn man das offen mitteilt, müssten die Mieter dafür doch Verständnis entwickeln“, sagt er. Da kennt der Vogelkundler die ordnungsliebenden Genossenschaftler allerdings schlecht.