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Feuilleton

Streit um ein Familienbild

Der Vorhang „Anna selbdritt“ von Georg Baselitz erhitzt die Gemüter in Zittau.   

Zu sehen sind die heilige Anna und ihre Tochter Maria mit dem Jesuskind, begleitet von Johannes dem Täufer und einem Reittier - natürlich kopfüber. © Silvia Stengel

Die einen sind erfreut, andere erschüttert, wenn sie das Kunstwerk sehen, das neuerdings den Altar der Klosterkirche in Zittau verdeckt. „Anna selbdritt“ von Georg Baselitz spaltet die Betrachter so sehr, dass der Zittauer Museumsdirektor Peter Knüvener zu einer öffentlichen Diskussion einlud. Zuschriften kamen bis aus Leipzig und Chemnitz, sagt er, die meisten sind „ziemlich negativ und emotional“. Von „künstlerischer Provokation“, „Zumutung“ und „Gotteslästerung“ ist die Rede. „Ich bitte Sie, dieses Machwerk aus der Kirche umgehend zu entfernen“, schreibt einer. Eine Besucherin erinnert diese Kunst an die Kinderzeichnungen ihrer Enkel. Zu sehen sind die heilige Anna und ihre Tochter Maria mit dem Jesuskind, begleitet von Johannes dem Täufer und einem Reittier. „Selbdritt“ bedeutet, zu dritt miteinander dargestellt. Die Figuren stehen auf dem Kopf, typisch für Baselitz, der in Deutschbaselitz bei Kamenz geboren wurde und danach seinen Künstlernamen wählte. Der 81-Jährige schuf den Vorhang bereits 1987 im Auftrag für die Annenkirche in Luttrum in Niedersachsen, nähte ihn aus Filz auf Nesseltuch, und bezeichnete ihn als „Prototyp für das Familienbild“.

Wenn sich jemand darüber ärgert, ist das nicht unbedingt unangenehm für den Künstler. Ein solcher Betrachter würde sich genauso von dem Werk angesprochen fühlen wie jemand, der sich freut, sagt Friedhelm Mennekes, Baselitz-Kenner und erfahren mit zeitgenössischen Arbeiten in sakralen Räumen. Der Jesuit hat 1987 in der Kölner Kirche St. Peter eine Kunst-Station etabliert. Knüvener bezeichnet ihn auch als Freund des berühmten großen Zittauer Fastentuches von 1472, das in Köln ausgestellt war. „Kunst ist nicht dazu da, zu gefallen“, sagt Mennekes. „Kunst ist etwas, was mich erregt.“ Das Werk von Baselitz heißt nicht „Fastentuch“, sondern „Vorhang“, betont er. Mit 4,35 mal 6,05 Metern ist es sein größtes Werk. Mennekes sieht gewisse Parallelen zum Expressionismus und dem Holzschnitt. Er schwärmt von den leuchtenden Farben: „Es ist eine Befreiung“, sagt er. Und: „Natürlich dürfen Sie protestieren.“ Eine erregte Auseinandersetzung gefällt ihm. „Nehmen Sie‘s doch dankbar an!“, sagt er zu den etwa 100 Besuchern, überwiegend älteren, am Freitagabend in der Klosterkirche. 

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Pfarrer Ansgar Schmidt sagt, er wollte niemanden beleidigen und kränken mit seiner Erlaubnis, das Werk aufzuhängen: „Dennoch kann ich verantworten, dass dieser Vorhang hier ist.“ Das Werk habe ihn aufgewühlt, er sehe viel im Hinblick auf gesellschaftliche Entwicklung. Das Familienbild verweise auch auf die Leiden von Frauen, kaputten Familien und Krieg. Konrad Riedel vom Oberlausitzer Kunstverein hat sich als Christ angegriffen gefühlt, durch die Art der Darstellung, sagt er. Auch er sieht Bezüge zu Missständen in der Welt, wie das Werk auf die Schwächen der Gesellschaft hinweist, meint aber: „Ein liebevoller Blick auf die Welt ist förderlicher.“ Dazu der Pfarrer: „Der Wunsch nach Geborgenheit und Schönheit steckt in uns“. Die Kirche und die Menschen sollten dafür eintreten, „dass diese Geborgenheit wieder erfahrbar wird“.

Baselitz-Kenner und Jesuit Friedhelm Mennekes gefällt die Aufregung um das Kunstwerk. © Silvia Stengel

„Wir tun genau das, was Baselitz wollte, wir setzen uns damit auseinander“, sagt Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker. Ein Gymnasiallehrer aus der Stadt sah sich den Vorhang mit seinen Schülern an. „Sie waren erst mal sprachlos“, berichtet er, „ich auch“. Die Farben haben ihn beeindruckt und später die Interpretationen der Schüler: Die Figuren sind nackt und mit Verletzungen dargestellt, sie sollen vielleicht auf unsere eigenen Sünden verweisen. In diese Richtung geht auch eine Zuschrift: Die Welt steht Kopf, das Werk zeigt körperliche und seelische Verletzungen. Beeindruckt ist auch Jiří Fajt, Generaldirektor der Nationalgalerie in Prag. Das sagt der frühere Zittauer Museumsdirektor Marius Winzeler, der jetzt dort arbeitet und Grüße überbringt. Sein Chef gratuliere zu diesem Werk in Zittau. Und: „Wir wollen nicht verhehlen, dass wir sehr gerne auch diesen Vorhang in Prag zeigen möchten“.

Vorhang „Anna selbdritt“ bis zum 10. Juni in der Klosterkirche in Zittau, Klosterplatz, geöffnet Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr