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Streit um Wohngebiet

Ein Investor will Wohnhäuser bauen. Die Stadt ist dagegen. Vorwürfe von Klientelpolitik werden laut.

© Norbert Millauer

Von Nina Schirmer

Radebeul. Soll auf der Fabrikstraße in erster Linie Gewerbe stehen, oder können auch noch neue Wohnhäuser gebaut werden? Das ist knapp zusammengefasst die Frage, über die in der letzten Stadtratssitzung heftig diskutiert wurde. Die Aktiva Bauträger GmbH möchte auf einem 30 000 Quadratmeter großen Grundstück an der südlichen Seite der Fabrikstraße, das sich bis an die Elbe erstreckt, Wohnhäuser errichten. Neun dreigeschossige Mehrfamilienhäuser sind geplant mit Drei- und Vierraumwohnungen. Dahinter will Aktiva noch vier Doppelhäuser bauen. „Wohnpark Elbgärten Radebeul“ soll das Areal heißen.

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Wohnraum in Radebeul ist knapp, immer mehr Leute suchen hier Wohnungen. Trotzdem ist die Stadt gegen das Neubauprojekt an der Fabrikstraße. Der Grund: In unmittelbarer Nähe zum Grundstück haben Industriebbetriebe ihren Sitz, darunter Hasse Transport und die Sächsische und Dresdner Back- und Süßwaren GmbH, kurz Vadossi. Die Stadt sieht hier großes Konfliktpotenzial beim Lärmschutz. Denn bei den Unternehmen wird auch in der Nacht gearbeitet.

Deshalb wurde von der Verwaltung ein Lärmschutzgutachten beim Kreisumweltamt in Auftrag gegeben. Das kommt zu dem Ergebnis, dass Lärmrichtwerte für Wohnen an dieser Stelle überschritten werden. „Ein benachbartes Wohnen ist mit dem Gewerbestandort nicht vereinbar“, heißt es wörtlich. Für Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) ist damit klar: „Ein Wohngebiet ist an dieser Stelle nicht genehmigungsfähig.“

Aktiva-Geschäftsführer Torsten Arldt sieht das jedoch ganz anders. Auch der Investor hat ein Lärmschutzgutachten beauftragt. Darin steht zwar ebenfalls, dass Richtwerte für den Lärmschutz überschritten werden. Für die Überschreitungen seien insbesondere Arbeiten auf dem Gelände von Hasse verantwortlich. Allerdings: Das zweite Gutachten nennt Möglichkeiten, wie der Lärm in Richtung Wohngebiet abgeschwächt werden könnte. Nämlich indem die Containerinstandsetzung bei Hasse in eine Halle verlagert wird, die Mauern um die Bauschuttboxen höher werden und auch die Mauer an der Grundstücksgrenze zu den geplanten Wohnhäusern auf mindestens vier Meter hochgezogen wird.

Arldt sei bereit, diese Lärmschutzwand auf eigene Kosten zu bauen. Das habe die Stadt dem Kreisumweltamt aber gar nicht mitgeteilt, sagt er. Er vermutet, dass die Verwaltung die Firma Hasse schützen will, weil diese wiederum wichtige Arbeiten für die Stadt leistet. „Man wollte Wohnen unbedingt verhindern“, so Arldt.

Das Pikante an der Sache: Vor zehn Jahren hatte die Stadt noch eine andere Meinung zum Wohnen an der Fabrikstraße. In einem Schreiben soll Baubürgermeister Jörg Müller (parteilos) das Gelände sogar als künftigen Wohnstandort angepriesen haben. Damals hatte sich auch der Stadtrat für Wohnhäuser auf dem Areal ausgesprochen. Wohl um zu verhindern, dass sich ein bestimmtes Gewerbe dort ansiedelt. Ein Investor wollte damals ein „Clubhotel mit Erlebnisgastronomie“ bauen. Mit anderen Worten: Ein Swingerclub sollte entstehen, und das wollte der Stadtrat nicht.

„Es gab eine Absage ans Gewerbe, und im Flächennutzungsplan ist das Gelände als Wohngebiet ausgewiesen“, sagt Arldt. Erst deswegen habe er überhaupt Baupläne geschmiedet. Er ist sich sicher: „Wenn man Wohnbebauung möchte, findet man auch Lösungen.“ Die ansässigen Firmen hingegen wollen das auf keinen Fall. In einer Stellungnahme haben sich 14 Betriebe gegen Wohnhäuser ausgesprochen. Beschwerden der Mieter wären vorprogrammiert. „Die Gefahr einer Störung und Einschränkung unseres Betriebes ist damit wahrscheinlich“, schreiben sie.

In der Stadtratssitzung am Mittwoch widersprach OB Wendsche dem Vorwurf des Investors und mehrerer Stadträte, er ergreife Partei für eine Seite. Das Lärmgutachten lasse keinen Spielraum, sagte er. Er betonte außerdem die Bedeutung des Industriestandortes mit 400 Arbeitsplätzen. Ohne massive Eingriffe in das Gewerbegebiet sei Wohnen nicht möglich.

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Damit steht die Aussage der Stadt gegen die Aussage des Investors. Die Entscheidung hatten schlussendlich die Stadträte zu fällen. Die diskutierten kontrovers. Am Ende stimmte eine Mehrheit von 19 zu elf Stimmen bei einer Enthaltung gegen die Wohnbebauung. Das Areal wird künftig als Gewerbefläche ausgeschrieben. Einige Stadträte kündigten an, diese Entscheidung nun rechtlich prüfen zu lassen.