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Streitschlichter im Kinderhaus

Bei einem besonderen Projekt haben die Kinder gelernt, wie sie Konflikte ohne die Hilfe von Erwachsenen lösen.

© Birgit Andert

Von Birgit Andert

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Radebeul. Paul und Jule spielen gemeinsam im Sandkasten. Jule bäckt einen Sandkuchen. Paul haut mit seiner Schaufel auf den Kuchen. Da bewirft Jule ihn mit Sand. Emma und Tom rennen gleichzeitig zur Gartentür. Emma hält Tom an der Kapuze fest. Tom tritt Emma ans Bein. Unter Kindern sind das alltägliche Situationen, aus denen sich plötzlich ein handfester Streit entwickeln kann. Im Evangelischen Kinderhaus der Friedenskirche ist das nicht anders. Aber die Kinder wissen jetzt, wie sie auch ohne die Hilfe der Großen gut aus einem Streit wieder herauskommen.

Drei Jahre lang hat das Kinderhaus an einem Projekt der Unfallkasse Sachsen teilgenommen: „Kinder lösen Konflikte selbst“ ist Titel und Anspruch des Projektes. Wie gut die Kinder das schon umsetzen können, davon hat sich Projekt-Mitarbeiterin Claudia Dressel bei einem Besuch in Radebeul jetzt noch einmal überzeugt. In kleinen Runden hat die Trainerin im Netzwerk für Schulmediation Sachsen mit den Kindern Streitgeschichten durchgespielt und beobachtet, wie die Jungen und Mädchen reagieren.

„Ich bin ganz beeindruckt, wie gut die Kinder das umsetzen, was sie gelernt haben“, sagt sie am Ende der Übungen. Zuhören, ausreden lassen, nicht beschimpfen, gemeinsam nach Lösungen suchen – das sind ein paar Regeln zum Streitschlichten, die zur Erinnerung in dem kleinen Büchlein „Erste Hilfe im Streit“ für die Kinder bildlich festgehalten sind. „Hier spüre ich, dass diese Kinder tolle Streithelfer sind“, so Claudia Dressel, „das Projekt ist im ganzen Haus gut angekommen.“

Nicht nur die Kinder, auch das Team und die Eltern haben sich während der dreijährigen Projektlaufzeit mit dem Thema Streiten auseinandergesetzt. So haben sich zwei Kolleginnen des Kinderhauses vier Tage lang weiterbilden lassen, auch das Team hat eine Fortbildung besucht.

Was Kinder beim Streiten lernen

Nach einem Elternabend stand die Passionszeit im Frühling 2016 unter dem Motto „Gebt einander ein Zeichen des Friedens“. Die Eltern konnten im Februar 2017 selbst einen Workshop im Kinderhaus besuchen, um zu lernen, wie sie auch zu Hause den Streit ihrer Kinder gut begleiten und schlichten können. Die Hortkinder haben eine ganze Projektwoche zu dem Thema bestritten und jetzt noch die Streithelfer-Ausbildung absolviert.

„Streiten gehört zur Persönlichkeitsentwicklung, das erleben wir im Kinderhaus täglich“, betont Kita-Leiterin Anne Bretschner. „Beim Streiten lernen die Kinder, mit Enttäuschungen umzugehen, Lösungen zu finden und Kompromisse zu schließen. Ein durchgestandener Streit stärkt das Selbstwertgefühl, wenn man sich danach nicht als Verlierer fühlt.“

Sie freut sich, dass die Kinder durch das Projekt jetzt auch ein Handwerkszeug zur Verfügung haben, mit dem sie in Konflikte gehen können und Frieden stiften, weil sie nach einer Lösung suchen, mit der beide Streitparteien einverstanden sind. Zum Abschluss des Projektes übergab Claudia Dressel dem Kinderhaus jetzt eine Plakette fürs Haus. „Bei uns lösen Kinder Konflikte selbst“ steht darauf und erinnert alle daran, dass in diesem Haus die Kinder selbst die „Friedensexperten“ sind.