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Stress im Einkaufswagen

Die Deutschen werden immer dicker. Wann kommt die Ampelkennzeichnung auf Verpackungen?

© dpa

Von Franz Werfel

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Dippoldiswalde. Seit Jahren ist gesundes Essen ein Top-Thema. Sehr viele Deutsche interessieren sich zunehmend dafür, was auf ihren Teller kommt. Nicht nur Fitnesskurse und -studios boomen, Kochbücher – auch mit vermeintlichen Nischenthemen wie Vollwertkost und vegane Küche – verkaufen sich gut. Gastronomen in allen Ecken der Republik entdecken das Thema Regionalität für sich. Der amtierende Ernährungsminister Christian Schmidt (CSU) stellte in seinem Ernährungsreport fest: Neun von zehn Deutschen würden sich ausgewogene Ernährung als Pflichtfach in der Schule wünschen. „Bildung, Information und Transparenz sind die Grundlagen dafür – das Fundament wird im Kindesalter gelegt“, so der Minister. In seinem Bericht schreibt das Ministerium auch, dass die Bundesbürger zunehmend Interesse an Herkunft und Herstellung sowie Inhalts- und Zusatzstoffen der Lebensmittel haben. Verbraucher informieren sich online und nutzen Foren oder soziale Medien.

© SZ-Infografik

Dem gegenüber steht der Fakt, dass jeder zweite erwachsene Deutsche übergewichtig ist. Das hat das Bundesgesundheitsministerium veröffentlicht. Jeder fünfte Erwachsene ist sogar adipös. Übergewicht droht schon im Kindesalter. Bei den sächsischen Erstklässlern waren im Schuljahr 2015/2016 bei der Schulaufnahmeuntersuchung 9,2 Prozent übergewichtig oder bereits adipös – also krankhaft fettleibig. Ein gesundheitliches Risiko, das viele unterschätzen. Denn aus medizinischer Sicht steht schon lange fest, dass Übergewicht und Verfettung zu gehäuften Erkrankungen der Blutgefäße führen.

Ein Mittel, um Verbraucher besser aufzuklären und ihnen zu helfen, sich bewusster – und gesünder – zu ernähren, könnte die sogenannte Ernährungsampel sein. In der Öffentlichkeit wird die Idee seit fast acht Jahren diskutiert. Im Juni 2010 sprach sich das EU-Parlament gegen die Ampel aus. Die Idee ihrer Befürworter: Auf der Vorderseite der Verpackung soll schnell erkennbar sein, ob der Nährstoffanteil von Fetten, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salzen gering, mittel oder hoch ist. Großbritannien führte die Ampel 2013 als freiwillige Kennzeichnung ein – es war eine gemeinsame Initiative von Handel und Lebensmittelherstellern und Regierung. Diese hatte erkannt: In Großbritannien werden die Bürger immer dicker. Die europäische Liste mit einem Durchschnittsgewicht von etwa 81,6 Kilogramm führt Deutschland an. Gefolgt von den Niederlanden (81,1 kg) und Österreich (79,5 kg).

Die Verbraucherzentralen in Deutschland haben den Ampel-Vorschlag seit jeher unterstützt. Für Birgit Brendel, Lebensmittelexpertin bei der Verbraucherzentrale Sachsen, sind die Vorteile klar. „Verbraucher können mit einem Blick auf der Verpackung sehen, wie die Nährstoffgehalte eines Produktes zu bewerten sind“, sagt sie. So könnten Kunden zusammengesetzte Produkte gezielt und schnell vergleichen. Denn es geht bei der Ampel vordergründig um zusammengesetzte Produkte und nicht um Monoprodukte wie etwa Öle oder Fette.

„Studien, die das Projekt in Großbritannien begleiten, zeigen, dass die Verbraucher die Ampel richtig verstehen und sich oft für das gesündere Produkt entscheiden“, so Brendel. Auch stellten einige Hersteller die Rezepturen ihrer Produkte, zum Beispiel für Fertig-Pizzas, so um, dass sie mehr grüne und gelbe Ampeln bekamen.

Bei den Grenzwerten orientiert sich die Verbraucherzentrale an einem Schema der britischen Lebensmittelbehörde. Dabei gilt: Die Ampel wird rot, wenn 100 Gramm eines Lebensmittels mindestens 25 Prozent des empfohlenen Tagesbedarfs eines Nährstoffs abdecken. Als zuckerarm gilt ein Produkt, wenn es weniger als fünf Prozent Zucker enthält. Empfohlen für einen Erwachsenen sind laut EU täglich maximal 90 Gramm Zucker. Zum Vergleich: Der beliebte Nuss-Nougat-Aufstrich „Nutella“ enthält je 100 Gramm genau 56,3 Gramm Zucker.

Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) ist der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft. Er spricht sich schon immer gegen eine einheitliche Ampelkennzeichnung aus und kritisiert, dass die Grenzwerte subjektiv festgelegt worden seien und wissenschaftlichen Standards entbehrten. „Durch die Ampel wird eine Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel vorgenommen, so kommt es zumindest beim Verbraucher an“, sagt BLL-Sprecherin Manon Struck. Richtig sei stattdessen, dass jeder alle Nährstoffe zum Leben brauche. „Die Frage ist eher: Wie viel nehmen wir wovon genau zu uns?“ Außerdem, so Manon Struck, könnte die Ampel Verbraucher verwirren. So sei es denkbar, dass auf einem Fertiggericht drei verschiedene Ampelfarben auftauchen. Der Verband unterstütze etwa die gesetzlich vorgeschrieben Nährwerttabelle, die sich seit Jahren auf der Rückseite jeder Verpackung befinde.

Anfang Januar haben sechs große Lebensmittelhersteller – darunter Nestlé, Unilever und Coca-Cola – eine eigene Ampel ins Spiel gebracht. Sie schlagen vor, dass die Ampel sich an jeweils ausgewiesenen Portionsgrößen orientieren soll. Alle Portionen bis zu 60 Gramm würden erst ab 13,5 Gramm Zucker auf Rot springen.

Die Kritik von Verbraucherschützern ließ nicht lange auf sich warten. Die Organisation Foodwatch etwa sagte: „Mit ihrer Pseudo-Ampel soll eine wirklich verbraucherfreundliche Nährwert-Kennzeichnung verhindert werden.“ Foodwatch rechnet vor, dass selbst Nutella beim Zucker keine rote Ampel fürchten müsste. Denn die gängige Portionsgröße liegt bei 15 Gramm. Für eine rote Ampel müsste der Aufstrich also fast komplett aus Zucker bestehen.