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Stresstest für Prestigezug

Für die Doppelstockzüge aus dem Waggonbau beginnt jetzt in der Schweiz die Testphase. Ab Dezember soll es ernst werden.

© SBB

Von Sebastian Beutler

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Nach langer Durststrecke und vielen negativen Informationen gibt es jetzt für den prestigeträchtigen Doppelstock-Fernverkehrszug aus dem Görlitzer Waggonbau für die Schweiz endlich gute Nachrichten: Die Züge können ab nächster Woche in der Schweiz getestet werden. Wie die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) mitteilen, werden die Züge in einer ersten Phase als Interregio auf der Strecke Zürich–Bern und als Regio-Express auf der Strecke Zürich–Chur eingesetzt. Zu einem späteren Zeitpunkt ist auch vorgesehen, sie schrittweise zwischen St. Gallen–Bern-Genf-Flugplatz sowie auch auf anderen Linien einzusetzen. Bei den Tests im Alltagsbetrieb stehen die Funktionstauglichkeit und die Zuverlässigkeit im Mittelpunkt des Interesses. Der Test ist entscheidend dafür, dass die Züge ab dem Fahrplanwechsel im Dezember eingesetzt werden.

Bis zuletzt aber war der Testbetrieb wegen einer Beschwerde der Behindertenorganisation „Inclusion Handicap“ vor dem Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen gefährdet gewesen. Den Behindertenvertretern war aufgefallen, dass die Ein- und Ausstiege so steil ausfallen, dass ein Rollifahrer allein nicht ein- und aussteigen kann, sondern immer auf Hilfe angewiesen ist. Spätestens ab 2023 verlangt aber ein Schweizer Gesetz, dass sich Behinderte im öffentlichen Verkehr selbstständig bewegen können. Diese Steilheit wiederum ist die Folge der Entscheidung der SBB, die Züge so zu entwerfen, dass sie nicht nur in der Schweiz zum Einsatz kommen, sondern auch auf grenzüberschreitenden Verbindungen nach Deutschland und Österreich, beispielsweise ab 2030 nach München. Hier sind aber die Bahnsteige rund 20 Zentimeter höher als in der Schweiz. Diese Höhe musste nun in der Konstruktion ausgeglichen werden, wodurch der Ausstieg steiler wurde. „Inclusion Handicap“ forderte nun, die Betriebsbewilligung der Züge zurückzunehmen und weitere Maßnahmen zur Umgestaltung der teilweise bereits produzierten Fahrzeuge. Damit kam die Behindertenorganisation vor Gericht aber nicht durch. Schon im ersten Halbjahr 2011 konnten Vertreter des Verbandes ein Holzmodell des Zuges besichtigen und mit dem Rollstuhl befahren. „Bei diesem Modell war die Rampenneigung gemäß der heutigen Ausführung des Zuges“, heißt es in einer Presseerklärung des Bahnunternehmens. „Damals erfolgten keine Einwendungen zur Rampensituation.“

Die Erleichterung ist jetzt sowohl bei der SBB als auch bei Bombardier groß. Hätte das Gericht den Einsprüchen der Behinderten entsprochen, dann wären weitere Verzögerungen bei der Produktion des Zuges nicht auszuschließen gewesen. SBB-Personenverkehrs-Chef Toni Häne hatte in dem Fall mit „konstruktiven Anpassungen am ganzen Wagenkasten, etwa an den Treppen im Fahrzeug, bei der Raumhöhe oder beim WC“ gerechnet. Statt dessen wenden die SBB jährlich rund 9 Millionen Franken auf, um mit 77 Mitarbeitern rund 142 000 mobilitätseingeschränkten Kunden bei Ein- und Ausstieg zu helfen.

Und bei Bombardier kann nun etwas mehr Ruhe bei der Produktion der Züge einkehren. Bislang hat Bombardier vier Züge übergeben. 21 weitere sollen in diesem Jahr noch in Görlitz und Villeneuve entstehen. Wenn die Schweizer zufrieden mit den neuen Doppelstockzügen sind, dann könnten sie sogar Folgeaufträge bis 2024 über 3,9 bis 4,3 Milliarden Euro vergeben. Dahinter verbergen sich weitere 100 Züge für die Schweiz. Das ist gar nicht so ausgeschlossen, denn Toni Häne betonte in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“, dass die Züge sehr komplex sind. Drei Dinge mussten dabei unter einen Hut gebracht werden: hohe Platzkapazität, druckdichte Wagenkästen und eine Geschwindigkeit von 200 Kilometer/Stunde. Zwar gab es solche Fahrzeugtypen für Hochgeschwindigkeitszüge und auch für Regional- und S-Bahnen bereits, aber nicht für das mittlere Segment des Schweizer Fernverkehrs. Da hat Bombardier etwas völlig Neues entwickeln müssen. Bewährt es sich, werden die Schweizer die achtjährige Entwicklungsarbeit mit Bombardier jetzt nicht einfach wegwerfen und wieder zu einem Konkurrenten wechseln.