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Studenten trugen die Bauschule zu Grabe

Vor 50 Jahren verließen die letzten Bauingenieure Zittau. Die Ausbildung wurde nach Cottbus verlegt.

© Sammlung Richter

Von Dietmar Rößler

Zittau. Formal beging die Zittauer Bauschule 1965 sogar noch ein Jubiläum. Im November wurde „125 Jahre Fachschulstadt“ gefeiert. Hatte doch am 1. November 1840 in Zittau die erste akademische Ausbildung im Baubereich begonnen. Und absurderweise besiegelte ausgerechnet diese Festwoche das Ende der Bauausbildung.

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Die Zittauer Bauschule hatte im Gebäude der „Königlich Sächsischen Baugewerkenschule“ am Stadtring ihren Ursprung. © Rafael Sampedro
Auch eine Tiefbauschule am Klosterplatz gehörte einmal zur Einrichtung. © Sammlung Dietmar Rößler
Im Haus an der Schliebenstraße erinnern bis heute Buntglasfenster an die Bauschultradition. © Rafael Sampedro

Bereits im September 1965 waren die Zittauer Ingenieurschulen für Energie und für Bauwesen fusioniert worden. Die neu entstandene Ingenieurschule für Energiewirtschaft „Dr. Robert Mayer“ hatte andere Bildungsziele. Lediglich die Ausbildung der bereits immatrikulierten Baustudenten wurde noch zu Ende geführt. Die künftige Ausbildung von Bauingenieuren verlagerte man ausgerechnet nach Cottbus, das Zentrum des DDR-Energiebezirkes. Die Energie-Ausbildung dagegen durfte in Zittau bleiben.

In Cottbus hatte es schon vorher eine Außenstelle der Zittauer „Ingenieurschule für Bauwesen“ gegeben. Wie auch in Pirna, Bautzen, Schwarze Pumpe, was für deren überregionale Bedeutung spricht. Dementsprechend stolz waren Hochschullehrer und Studenten auf ihre Schule.

Chronik der Bauschule

1848: Übergabe des neuen Gewerbeschulhauses am Stadtring

1855: Die Königlich Sächsische Baugewerkenschule wird eigenständig. Direktor ist der Zittauer Baumeister Prof. Carl August Schramm

1862: Gründung der „Zittauer Bauhütte“ als Studenten- und Absolventenvereinigung

1898: Einrichtung der Tiefbauschule im Schulhaus an der Brüderstraße als Teil der Baugewerkenschule

1919: neuer Name „Staatsbauschule“

1947: Wiederaufnahme der Ausbildung, neuer Name „Fachschule für Bauwesen“

1955: Einweihung Neubau an der Schliebenstraße (heute Haus Z II Hochschule)

1956: Die Fachschule erhält den Status Ingenieurschule

1965: Vereinigung der beiden Zittauer Ingenieurschulen zur Ingenieurschule für Energiewirtschaft

1968: letzte Abschlussprüfungen am 20. Juli

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Als sicher war, dass in Zittau Schluss ist, trugen aus Protest die Studenten ihre Einrichtung symbolisch als Sarg durch die Stadt – ohne Bestrafung, aber auch ohne Wirkung. Macher Bildungsfunktionär mag dadurch vielleicht sogar heimlich die politische Entscheidung bestätigt gesehen haben. Stand doch die Bauschule für eine bürgerliche Tradition – mit der nicht systemkonformen Studentenverbindung „Bauhütte“, mit Professoren alter Schule und mit individualistischen Studenten, die meist privat wohnten.

Für die angestrebte neue Hochschulbildung waren andere Strukturen vorgesehen und sozialistische Wohnheime besser geeignet. Solche gab es in Zittau mittlerweile. Entstanden waren sie übrigens unter wesentlicher Mitarbeit der Baustudenten… Deren letzte Vertreter begannen nun vor ziemlich genau 50 Jahren ihr allerletztes Semester. Am 20. Juli 1968 absolvierten Studierende aus zwei Seminargruppen der Fachrichtung Tiefbau dann ihre letzten Prüfungen. Vielleicht sogar im 1955 neu errichteten Gebäude der Bauschule an der Schliebenstraße? Dort erinnern Bleiglasfenster mit Baumotiven bis heute an diese Tradition.

Auch der regional bekannte Studentenfasching der Bauschüler lebte weiter, sogar noch an der 1969 eingerichteten Ingenieurhochschule. In deren Verwaltung wurden auch einige Spezialisten der Bauschule übernommen. Die meisten Lehrkräfte aber wurden ab 1965 nach Cottbus versetzt und nahmen dabei selbstverständlich Zittauer „Bildungs-Know-how“ mit an die Spree. Und gute Erinnerungen an die hiesige Schule. Der ehemalige Zittauer Professor Dieter Füg hat ihr mit einem emotionalen Buch ein würdiges Denkmal gesetzt. Seine berufliche Karriere erfüllte sich in Cottbus, zuletzt an der „Brandenburgischen Technischen Universität“.

Deren Keimzelle hatte sich gewissermaßen in Zittau befunden, entstanden 1840 in der Gewerbeschule an der Brüderstraße.