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Sturmschäden sind Katastrophe und Chance zugleich

Kyrill vor elf Jahren und jetzt Friederike haben Verwüstungen in den Wäldern hinterlassen. Die Natur kann davon aber durchaus profitieren. Wenn man sie lässt.

© Arvid Müller

Von Sven Görner

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Großdittmannsdorf. Im Naturschutzgebiet Waldmoore bei Großdittmannsdorf sieht es eine reichliche Woche nach dem Durchzug von Sturmtief Friederike nicht anders aus, als in den übrigen Wäldern um Radeburg und Moritzburg. Zumindest auf den ersten Blick. Auch hier hat die Wucht des Windes mächtige Bäume umgeworfen und dicke Stämme wie Streichhölzer zerbrochen.

Diese Wurzelteller und sich in den Wurzelmulden bildende Tümpel sind neue Lebensräume für viele Tiere.
Diese Wurzelteller und sich in den Wurzelmulden bildende Tümpel sind neue Lebensräume für viele Tiere. © Arvid Müller
Wichtig für die Artenvielfalt ist auch Totholz wie dieser mächtige Rotbuchen-Stamm, der nach einem Kronenbruch stehengelassen wurde.
Wichtig für die Artenvielfalt ist auch Totholz wie dieser mächtige Rotbuchen-Stamm, der nach einem Kronenbruch stehengelassen wurde. © Arvid Müller

Doch wer sich gemeinsam mit Matthias Schrack, dem langjährigen Leiter der Nabu-Fachgruppe Ornithologie Großdittmannsdorf, das Chaos etwas genauer ansieht, stellt sehr schnell fest, dass daran nicht nur Friederike und ihr Vorgänger Herwart vom vergangenen Oktober schuld sein können. Denn auf manchen der teilweise übermannshoch in die Luft ragenden Wurzelballen wachsen Pflanzen. Sie müssen also schon vor längerer Zeit aus dem Boden gerissen worden sein. Und dann sind da noch die vielen Stämme abgestorbener Bäume – so genanntes Totholz – die entweder noch stehend, sich halbschräg in den Kronen anderer Bäume verfangen haben oder moosbewachsen auf dem Waldboden liegen.

Der Großdittmannsdorfer bestätigt die Vermutung. „Ein Teil dieser Sturmschäden stammt tatsächlich von Kyrill, der auf den Tag vor elf Jahren in den Wäldern gewütet hat.“ Aber warum wurden diese Schäden nicht beseitigt? Für einen Waldbesitzer bedeuten solche Naturereignisse oft auch einen finanzielle Nachteil: Entwurzelte, abgebrochene und zersplitterte Waldbäume stehen nicht im Einklang mit wirtschaftlichen Interessen. „Im Unterschied zum Menschen kennt die Natur aber keine Schäden: Was für den Menschen eine Katastrophe ist, ist gleichzeitig auch eine Chance für Biotop- und Artenvielfalt im Wald“, sagt der Naturschützer. Vorausgesetzt, man gibt sie der Natur.

„Umgestürzte Bäume mit hochragenden Wurzeltellern bieten unter anderem Vögeln eine Lebensstätte, etwa dem Zaunkönig.“ Matthias Schrack zeigt auf zwei Löcher in dem immer noch zwischen den Wurzeln der von Kyrill gefällten Bäume festsitzenden Boden. „Hier hat ein Eisvogel versucht, sich eine Höhle zu graben.“ Allerdings war die Erdschicht wohl nicht mächtig genug, so dass er es dann aufgegeben hat.

Doch auch die Vertiefungen, die entstehen, wenn die Wurzelteller aus dem Waldboden gerissen werden, sind neue Lebensräume. „Die wassergefüllten heißen Kolken. Sie sind ideale Plätze für Libellen und Wasserkäfer.“ Dort, wo der Boden sandiger und trocken ist, legen Käfer oder auch Eidechsen ihre Eier ab. Etwa der Feldsandlaufkäfer. Dessen Larven gucken dann immer aus dem Sand heraus und halten nach Beute Ausschau.

„Auch Totholz ist nicht tot: Pilze, Flechten, Moose und eine Vielzahl nützlicher Käferarten kann der aufmerksame Waldbesucher an den abgestorbenen Baumstämmen betrachten.“ Stehendes Totholz mit Höhlen und Spalten bietet Fledermäusen und Vögeln Brutmöglichkeiten und Verstecke.

In dem 25,5 Hektar großen Waldgebiet, das der Nabu 1998 gekauft hat, stehen einige solch prächtiger Stämme. „Das dort ist eine sogenannte Specht-Flöte“, erzählt Matthias Schrack und zeigt dabei auf einen hohen Baumrest, der neben einigen kleinen Löchern auch drei große aufweist. Direkt untereinander in den Stamm gehämmert. „Das war der Schwarzspecht. Jetzt nutzt die Höhlen ein Waldkauz.“

Sturmbiotope sind aus Sicht des Naturschützers ein Lehrbeispiel der Natur: „Sie machen uns das Werden und Vergehen im Naturkreislauf erlebbar. „Im Kommunal- und Landeswald sollten derartige Sachzeugen natürlicher Prozesse im bemessenen Umfang verbleiben.“ Die Programme zur biologischen Vielfalt besagen, dass bis 2020 auf etwa fünf Prozent der Waldfläche in Deutschland und Sachsen eine natürliche Entwicklung der Wälder erfolgt. „In solchen Waldbereichen belassen die Forstverwaltungen vom Sturm geschaffene Biotope. Diese Strukturvielfalt führt zu einer hohen Artenmannigfaltigkeit und steigert den Erholungs- und Erlebniswert des Waldes“, ergänzt Matthias Schrack.

Und was ist mit den privaten Waldbesitzern, die nur über Kleinflächen verfügen? „Sie sollen selbst entscheiden, wie sie mit Sturmbiotopen im Wald umgehen. Schon ein abgestorbener Hartholzbaum wie eine Eiche oder Rotbuche kann räuberisch lebenden, nützlichen Käfern eine Heimstatt sein. Bäume mit Specht- und Faulhöhlen gilt es zu bewahren.“ Denn im tot- und höhlenreichen Naturwald braucht es keine Nistkästen. Und noch einen Tipp hat der Experte. Einzelne abgestorbene Weichhölzer wie Birke, Aspe und Erle sollten unbedingt im Bestand bleiben. „Kleinspecht, Haubenmeise und Weidenmeise nutzen diese zur Anlage ihrer Bruthöhlen.“

Einen Wunsch hat Matthias Schrack: „Die meisten Waldbesitzer sind naturverbunden und wissen, dass im April die Hauptvermehrungszeit der Waldtiere beginnt. Bis dahin sollten die Beräumung der Windwürfe und die Reparatur der Jagdkanzeln abgeschlossen sein.“ Auf kleinen Flächen von einem halben bis drei Hektar müsste das zu schaffen sein. Ab August können Waldarbeiten dann wieder ohne erhebliche Störungen der Tiere erfolgen.