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Subventionierte Einöde

An vielen Überlandstraßen gibt es keine Bäume mehr, Heimat ist zur bloßen Nutzfläche geworden – doch es regt sich Widerstand.

© Claudia Hübschmann

Von Udo Lemke

Klipphausen. Je wertvoller die Böden, desto größer die Tristesse – auf diese Formel kann man bringen, was etwa in der Lommatzscher Pflege läuft. Und das nicht erst seit der Wende, sondern seit den 1960er Jahren. Bei Bodenwertzahlen von 100, also dem Maximalwert in Sachen Fruchtbarkeit, wird jeder Quadratzentimeter unter den Pflug genommen – Bäume, Hecken und Feldwege stören da nur und kommen weg.

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„Wir wollen den öffentlichen Raum nicht als bloße Nutzfläche sehen, sondern als ein Stück unserer Heimat“, sagt Leo Lippold. Er gehört zu einem Kreis renitenter Bürger in Klipphausen und im gesamten Kreis, die sich das Ausräumen der Landschaft vor ihrer Haustür nicht länger bieten lassen wollen. Zumal die Landwirte dafür von der EU subventioniert werden, dass sie etwas zur Pflege dieser Landschaft und der Umwelt tun. Im Jahr 2015 haben Sachsens Landwirte 265 Millionen Euro von der EU als Direktzahlungen erhalten, u. a. auch für die Landschaftspflege. Laut EU müssen sie seit vergangenem Jahr fünf Prozent ihrer Flächen nach ökologischen Gesichtspunkten bewirtschaften. Dazu zählen etwa Blühstreifen an Ackerrändern, der Anbau von Zwischenfrüchten und eben auch Straßenraine mit Bäumen.

Verschiedene Zuständigkeiten

Doch davon ist im Meißner Land fast nichts zu sehen. Leo Lippold verweist auf einen doppelten Effekt, den Straßenbäume einst hatten. „Früher sollten die Straßen schön sein, die Leute sollten durch eine schöne Landschaft fahren.“ Außerdem hatten die Obstbäume an den Straßen zwischen den Dörfern eine wirtschaftliche Bedeutung, sie sind jedes Jahr verlost worden, so begehrt war das Obst zur Verarbeitung.

Heute, da die Äpfel, Kirschen und Pflaumen im Supermarkt zu wachsen scheinen, ist die Bewirtschaftung von Straßenbäumen ausgestorben. So wie die Bäume großenteils selbst. In einem Schreiben an den Dresdner „Pflanzenpapst“ Rudolf Schröder macht Klipphausens Bürgermeister Gerold Mann auf ein Problem in Sachen Straßenbäume aufmerksam. Nämlich auf die Zuständigkeit. Für Bäume an Bundesstraßen ist der Bund zuständig, für die an Staatsstraßen das Land und für die an Kreisstraßen der Kreis: „Sie können uns gern dabei unterstützen, dass die jeweiligen Behörden die vielen Tausend Bäume, die in den letzten 25 Jahren an deren Straßen gefällt wurden, auf unserem Gemeindegebiet nachpflanzen.“

Neuanpflanzung aussichtslos

Neben dem Zuständigkeitsproblem gibt es noch das der Sicherheit. So legt die „Richtlinie für passiven Schutz an Straßen durch Fahrzeug-Rückhaltesysteme“, die sogenannte RPS 2009 des Bundesverkehrsministeriums, fest, dass Bäume im ebenen Gelände nur noch in einem Abstand von acht Metern zur Fahrbahn einer Bundes-, Staats- oder Kreisstraße gepflanzt werden dürfen, wenn keine Schutzplanke angebracht wird. Damit geht ein riesiger Flächenbedarf einher, der die Neuanpflanzung von Straßenbäumen an Bundesstraßen nahezu aussichtslos macht. Eine Alternative wären etwa Geschwindigkeitsbegrenzungen, aber welcher Autofahrer würde die gern freiwillig auf sich nehmen?

In einem Schreiben an Manfried Eisbein vom Verein Lebensraum Scharfenberg von Anfang 2015 befürchtete Andreas Herr, Technik-Dezernent des Landkreises, dass es ohne Förderprogramme in den nächsten Jahren zum „vollständigen Verlust des bestehenden Altbestandes des Straßenbegleitgrüns an klassifizierten Straßen kommen werde. Zu Deutsch: Auch noch die letzten großen Straßenbäume werden gefällt, nachgepflanzt wird nicht.