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Süchtig nach Pfefferkuchen

Pulsnitz erwartet ab nächstem Freitag wieder um die 80 000 Gäste. Sie wollen sich mit Gebäck eindecken. Aber nicht nur.

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© Matthias Schumann

Von Reiner Hanke

Mandelmakronen nascht Matthias Garten am liebsten. Im August hat er den Betrieb, die Pfefferküchlerei Richard Nitzsche, von seinem Vater Horst Garten übernommen. Es ist die vierte Generation in 100 Jahren. Aber gerade jetzt vor dem Pfefferkuchenmarkt stehen natürlich auch die Eltern mit in der Backstube. Dort bekommen gerade die Kakao-Spitzen ihren Überzug. Danach Schokospitzen mit Fruchtfüllung, Aprikose ganz speziell.

Die berühmten Pulsnitzer Pfefferkuchenspitzen in allen Variationen bleiben auch in diesem Jahr der Renner beim Pfefferkuchenmarkt in Pulsnitz. In den acht Pfefferküchlereien und der Lebkuchenfabrik backen die Mitarbeiter mit Hochdruck auf das Großereignis des Jahres in der Stadt hin. Nur einen Katzensprung von der Firma Richard Nitzsche entfernt ist das bei Karl Handrick an der Kamenzer Straße nicht anders. Dort hat Sandro Tenne derzeit noch mehr um die Ohren. Er ist im Doppelstress. So auch an dem Tag. Früh morgens stand er schon in der Backstube. Am Nachmittag begann quasi die zweite Schicht. Denn bei ihm laufen nun das zweite Jahr alle Fäden für die Organisation des Großereignisses zusammen. Zum 14. Mal, diesmal vom 4. bis 6. November, dreht sich in Pulsnitz alles um den Pfefferkuchen. Nach dem werden ab Freitag die Pfefferkuchen-Süchtigen Schlange stehen, weil sie etwas Besonderes sind. Warum? Es ist nicht nur die große Vielfalt an Spezialitäten. Es ist die handwerkliche Erfahrung aus über 450 Jahren Pfefferküchlerhandwerk, die hier seit Generationen gehütet und entwickelt wird. Die wartet in geballter Form auf. Wo gibt’s das sonst noch? Im Pfefferkuchen steckt viel Tradition. Aber es gibt auch jedes Jahr neue Kreationen, neben den Klassikern. So kann man in diesem Jahr zum Beispiel Ingwerpfefferkuchen oder Pralinenpfefferkuchen mit Marzipanfüllung und Kirschwasser probieren.

Eine handwerkliche Rarität

Die größte Neuheit hat aber gar nichts mit den Pfefferkuchen selbst zu tun. Es geht um die Tassen für die Heißgetränke, die gern dazu geschlürft werden. Die sind neu und auch das einzige Trinkgefäß für Heißes, das auf dem Markt zugelassen ist. Sandro Tenne: „Wir wollen einen sauberen Markt, keine Müllberge, keine Becher, die rumfliegen. Der Aufwand lohnt sich.“ Von den alten Tassen waren mittlerweile nicht mehr genug vorrätig. Vor allem, weil sie viele Besucher nicht zurückgeben, sondern als Souvenir mit heimnehmen. Das wird auch künftig, neben der Rückgabe mit Pfand, so sein. Drei Euro kostet die neue Tasse und damit mehr als die Vorgängerin. Der Becher sei aber viel aufwendiger und attraktiver gestaltet, so Sandro Tenne: mit dem Pfefferkuchenmann als Relief, den Mandelpfefferkuchen auf dem Tassenboden und den Herzen im Henkel. Auf der Rückseite der Tasse ist das Stadtwappen zu sehen – echte Handarbeit aus der Oberlausitz. Damit passt die Tasse bestens zum Pfefferkuchen. Cheforganisator Sandro Tenne nennt ein Beispiel aus der eigenen Praxis im Betrieb. Von der Teigherstellung bis in die Tüte werde eine gefüllte Pfefferkuchenspitze mit Schokoüberzug quasi zwölfmal in die Hand genommen: „Wenn das keine Handarbeit ist.“ Darauf und auf die hohe Qualität in Machart und bei den Zutaten sind er und seine Kollegen stolz. Sie freuen sich, wenn ihre Leidenschaft für das Backwerk geteilt wird und der Duft kommende Woche wieder an drei Tagen um die 80 000 Besucher in die Stadt zieht. Wie es Tradition ist, nehmen dann auf dem Markt die neun Pfefferkuchenspezialisten ihre Plätze ein. Als Schirmherr wird sich Sachsens Finanzminister Georg Unland zur Eröffnung mit dem Innungsobermeister der Pfefferküchler Peter Kotzsch und Bürgermeisterin Barbara Lüke auf die Marktrunde begeben. Für den Minister wie auch die Rathauschefin eine Premiere. Ergänzt wird die Runde der Pfefferküchler durch etwa 100 weitere Verkaufsstände um die Kirche und durch die Gassen. Mehr sei logistisch und aus Gründen der Sicherheit nicht möglich. Umso größer ist die Auswahl. Denn die Bewerberzahl liegt weit über 100. Es habe sich herumgesprochen, dass die Leute gerade beim Pfefferkuchenmarkt nicht nur zum Gucken kommen, sondern mit vollen Beuteln wieder heimkehren. Und da sind nicht nur Pfefferkuchen drin.

Nicht nur Pfefferkuchen im Angebot

Handwerker und Direktvermarkter aus der Region haben besonders gute Karten: „Wir wollen ja die hiesigen Anbieter unterstützen“, sagt Tenne. Töpfer, Schnitzer, Glasbläser, der Glasgraveur, Spielzeugmacher, Floristen, natürlich auch Bäcker und Fleischer werden ihre Waren feilbieten und auch Ausgefallenes auf den Markt bringen. Dazu kommt das Begleitprogramm. Töpfer und Blaudrucker öffnen ihre Werkstätten, die Feuerwehr ihr Depot und das Puppentheater den Vorhang. Dort spukt, wie könnte es anders sein, ein Pfefferkuchengespenst. In der Pfefferkuchenschauwerkstatt können die Besucher selbst ihre Pfefferkuchen garnieren. Im Stadtmuseum wird‘s schon weihnachtlich bei einer Sonderschau zum Thema Weihnachtsmann. Und überall wird es nach Spezialitäten und exotischen Gewürzen duften. Es ist dieses Flair, das den Markt ausmacht. Das zu genießen, soll in diesem Jahr auch noch viel entspannter werden. So werde es mehr Einweiser geben, um den Verkehr zu regulieren. Wie bereits in Vorjahren pendeln Busse zwischen Parkplätzen in Großröhrsdorf und dem Pfefferkuchenmarkt. Aber am bequemsten wird wohl die Anreise mit der Bahn sein. Vom neuen Haltepunkt in Pulsnitz ist es ja nur noch ein Katzensprung bis ins Zentrum.

Nicht mehr dabei sein wird der Nachtwächter. Dafür ist die Pulsnitzer Puppenspielerin Uta Davids als Madame Rosa in historischem Outfit auf dem Markt zu erleben und stellt die Pfefferküchler vor. Die haben bis dahin noch einiges zu backen. Damit bei Matthias Garten und den anderen Meistern die süße Ware nicht ausgeht.