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Syriens Kurden schmieden Notallianz

Es wird immer unübersichtlicher: Nach der Afrin-Offensive der Türkei hoffen sie auf Unterstützung des Assad-Regimes.

© picture alliance / dpa

Von SZ-Korrespondent Martin Gehlen

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Beide Seiten misstrauen einander und umlauern sich. Dennoch gelang es Syriens Kurden während der sieben Jahre Bürgerkrieg, mit dem Assad-Regime ein fragiles Auskommen zu wahren und Damaskus eine gewisse Autonomie abzutrotzen. Und so sitzt inmitten der Regionalhauptstadt Qamishli nach wie vor ein symbolischer Militärposten der fernen Machthaber, die einzige offizielle Präsenz der Regierungstruppen im syrischen Kurdistan, nach ihrem freiwilligen Rückzug 2012. Dieser Tage nun startet Assads Militär ein Comeback, auf ausdrückliche Bitte der eigenen Kurden. Am Montag kündigten regimetreue Milizverbände an, ihr Einmarsch in die kurdische Enklave Afrin stünde unmittelbar bevor.

Seit die türkische Armee am 20. Januar die Region Afrin unter ihre Kontrolle zu bringen versuchte, fürchten Syriens Kurden um ihre mühsam errungenen Freiheiten, und fürchten die Machthaber in Damaskus eine Annexion des Gebietes durch Ankara. „Unsere Truppen werden sich an dem Widerstand gegen die türkische Aggression beteiligen, um die territoriale Einheit und Integrität Syriens zu verteidigen“, hieß es in einer Erklärung des Assad-Regimes. Ähnlich äußerte sich der Chef der kurdischen YPG-Milizen, Sipan Hamo. Man habe kein Problem mit einer Intervention von Damaskus, um den türkischen Angriff zurückzuschlagen, erklärte er.

Und so finden sich beide Lager plötzlich auf der gleichen Seite einer neuen Front wieder, der mittlerweile fünften auf syrischem Territorium. Türkei gegen Kurden, Israel gegen Iran, USA gegen Russland sowie Assad-Regime gegen Aufständische hießen bisher die Schlachtfelder, die mehr als 350 000 Menschen das Leben kosteten. Obendrein droht nun auch eine direkte militärische Konfrontation zwischen Syrien und Türkei – und damit ein weiteres düsteres Kapitel in der syrischen Apokalypse.

Das Regime aber wird dafür von den Kurden einen hohen Preis fordern, da ist sich Bassam Abou Abdallah, Direktor des Zentrums für Strategische Studien in Damaskus, sicher. Die Kurden müssten Verantwortung übernehmen für ihr bisheriges Handeln, argumentierte er. Der syrische Staat sei kein Diener, „den man immer dann rufen kann, wenn man ihn braucht“. Schließlich stehen die gleichen YPG-Verbände, denen das Assad-Regime mit seiner geplanten Afrin-Offensive beispringen will, in Ostsyrien der syrischen Armee als Feinde gegenüber – einzig getrennt durch den Fluss Euphrat. Anfang Februar starben nahe der Wüstenstadt Deir Ezzor mindestens 200 syrische Soldaten und russische Söldner durch US-Luftangriffe, nachdem diese die YPG-Einheiten der von Washington geführten Syrischen Demokratischen Kräfte unter Feuer genommen hatten.

Anders auf dem nördlichen Kriegsschauplatz Afrin – hier hielten sich die Vereinigten Staaten heraus und gaben der YPG keine Rückendeckung, aus Angst, direkt mit dem Nato-Partner Türkei aneinanderzugeraten. Auch Russland blieb weitgehend untätig, obwohl es seit Jahren gute Beziehungen zur YPG pflegt. Moskau will seine Syrien-Dreierkonferenzen nicht gefährden, bei denen die Türkei als Hauptsponsor der Assad-Opposition zusammen mit Iran und Russland als Garantiemacht fungiert. Und so schlug die türkische Führung, die die YPG als Terrororganisation einstuft, am Montag harte Töne an. Wenn es Assad darum gehe, die YPG aus Afrin herauszuwerfen, habe man kein Problem damit, sagte der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu bei seinem Besuch in Jordanien. „Wenn sie aber vorrücken, um die YPG zu schützen, kann niemand uns und die türkischen Soldaten stoppen“, polterte der Türke und drohte mit einer Ausweitung der Offensive.

Genauso stehen an der innersyrischen Front zwischen Regime und Aufständischen alle Zeichen auf weitere Eskalation. In Ost-Ghouta, der einzigen verbliebenen Rebellenenklave im Großraum Damaskus, gingen die syrisch-russischen Bombenangriffe in den vergangenen Tagen mit voller Härte weiter, um das Wohngebiet sturmreif zu schießen. Nach Angaben von Aktivisten kamen am Montag mindestens 18 Menschen ums Leben. 400 000 Aufständische sind hier seit vier Jahren von Regimetruppen eingeschlossen, um sie auszuhungern und zum Aufgeben zu zwingen. Jetzt zieht das Assad-Regime in der umkämpften Region immer mehr Truppen zusammen. Nach Einschätzung von Aktivisten in Ost-Ghouta steht ein Einmarsch der Armee unmittelbar bevor.