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Der geschmückte Tannenbaum

Türchen 17 unseres SZ-Adventskalenders: Ein Mann, der sein Weihnachten so gar nicht besinnlich verbringt.

Von Peter Ufer
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23 Kinder erscheinen im Adventskalender der Sächsischen Zeitung und stehen auf der Canaletto-Bühne. Heute schmückt . Kurt Zscheile den Weihnachtsbaum.
23 Kinder erscheinen im Adventskalender der Sächsischen Zeitung und stehen auf der Canaletto-Bühne. Heute schmückt . Kurt Zscheile den Weihnachtsbaum. © Marko Förster

„Fröhliches Fest!“, rief mir mein Nachbar zu. „Brauchen Sie vielleicht einen Weihnachtsbaum?“ Er könnte mir einen abgeben, denn er habe ein viel zu großes Exemplar im Wald geschlagen, das weit über die Zimmerdecke hinaus reiche. 

Deshalb habe er den Stamm in der Mitte durchgesägt und nun stünden ein dickeres und ein dünnes Tännchen in seiner Stube.

Ich folgte meinem Nachbarn in seine Wohnung, um sein Sägewerk zu betrachten. In der einen Ecke des Raumes lehnte an der Wand die grüne Spitze einer Nordmanntanne. „Is für Sie“, sagte er. In der Mitte der Stube aber ragte ein grüner krummer Strauch in die Höhe, oben geköpft wie Ludwig XVI. in der Guillotine. 

An den Zweigen hingen Gabeln, Löffel und Tassen, auf den Nadeln lagen flügelähnlich gefaltete Zeitungsseiten, oben auf dem Stamm befand sich ein umgedrehter Alu-Trichter. Rings um das Krüppelkunstwerk bildeten leere Bierflaschen einen Kreis. Den Glashälsen waren Kerzen aufgesteckt, die mein Nachbar jetzt anzündete. Ich staunte nicht schlecht.

Er sah mich triumphierend an. „So was haben Sie wohl noch nie gesehen?“ Nein, das hatte ich nicht. Ich wollte wissen, wer ihm denn den Baum so geschmückt habe. „Das war dor Freund von meenr Enkelin“, sagte er. Ich fand, das war dem Jungen gelungen. Im Gedicht „Einsiedlers Heiliger Abend“ von Joachim Ringelnatz hatte ich mal von einem ähnlichen Christbaum gelesen. 

Der Held seiner Zeilen, erzählte ich, kochte sich zur Bescherung Erbsensuppe und Speck, gab seinem Hunde Gulasch und litt seinen Dreck. Er sang aus burgundernder Kehle irgendein Lied und pries mit bewundernder Seele alles das, was er mied. 

Den Weihnachtsmann ließ er nicht hinein, sondern ging leise zu Bett, ohne Angst, ohne Spott und dankte auf krumme Weise lallend irgendeinem Gott.

„So mache ich es auch“, sagte mein Nachbar. Er werde am Weihnachtsabend die Reste aus seinen Bierflaschen trinken, dann Kerzenstummeln Geschenke kredenzen und sein Gesicht in den Löffeln spiegeln, um das eine oder andere zu begrüßen. 

Später klettere er in den Turm der Kirche um die Ecke und lasse sich dort von den Glocken taub schlagen. Er ertrage es einfach nicht, die vielen Chöre voller Lieder zu hören. Er suche die Stille der Nacht. „Hier, nehmen Sie ihren Spitzenbaum und unterstehen Sie sich, mich am 24. zu stören. Fröhliche Weihnachten!“