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Täglich 3 500 Euro minus

Der Milchhof Diera leidet unter dem niedrigen Milchpreis. Er startet jetzt ein Experiment.

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© Claudia Hübschmann

Von Jürgen Müller

Diera-Zehren. Rund 50 Tonnen Milch, zwei volle Tanklastwagen, verlassen täglich den Milchhof in Diera. Da klingelt es in den Kassen des vor 25 Jahren gegründeten Unternehmens, sollte man meinen. Dem ist aber nicht so. Auch die Dieraer Milchbauern leiden unter den derzeit extrem niedrigen Milchpreisen. Knapp 23 Cent einschließlich Zuschlag für Qualität und Menge erhalten die Dieraer für einen Liter Milch. „So kann es nicht bleiben. Letztlich bricht die ganze Landwirtschaft zusammen“, sagt Senior-Chef Dieter Schlunke. Denn weniger Milchkühe würden auch zu weniger Futteranbau führen. „Derzeit machen wir jeden Tag 3 500 Euro Verlust. Wir mussten Kredite aufnehmen, um liquid zu bleiben“, so der Milchhof-Gründer.

Billige Milch als Lockmittel

Als er mit Mitstreitern vor einen Vierteljahrhundert von der in Auflösung befindlichen LPG „Fortschritt“ Ockrilla Flächen und Ställe kaufte, hatte er sich das anders vorgestellt. Die damalige Genossenschaft hatte zu DDR-Zeiten 1 720 Milchkühe in den Ställen und auf der Weide in Diera und Ockrilla stehen. Mit 1 500 Milchkühen und 1 000 Jungrindern sind die Dieraer heute fast wieder auf diesem Niveau. Und produzieren wesentlich mehr Milch. Rund 18 Millionen Liter im Jahr. In den vergangenen Jahren haben sie mächtig aufgerüstet, eine neues Melkkarussell gekauft, Stallanlagen gebaut. Millionen Euro wurden investiert, die Zahl der Kühe erhöht. Die Kredite müssen noch zurückgezahlt werden.

Doch sind die Bauern nicht selbst schuld, dass der Preis sinkt, wenn sie ständig die Produktion erhöhen? Dieter Schlunke: „Wenn wir deutschen Bauern diese Milch nicht produzieren, wird sie aus dem Ausland rangeschafft“, sagt er. Die Molkerei Müller in Leppersdorf, an welche die Dieraer ihre gesamte Milch liefern, werbe mit regionaler Milch. Tatsächlich kämen schon jetzt zehn Prozent aus Tschechien. Dieser Anteil würde steigen, wenn zum Beispiel die Dieraer ihre Produktion zurückfahren würden.

Schuld an der Misere geben die Milchbauern der Politik, den Molkereien und dem Handel. „Der Handel legt Standards fest, die wir als Milchbauern ausbaden müssen“, sagt Marko Schlunke, der jetzige Geschäftsführer. Die Handelsketten würden sich mit dem Milchpreis gegenseitig unterbieten, um damit Kunden in die Märkte zu locken. „Das geht auf unsere Kosten“, sagt Dieter Schlunke. Die Politik habe jahrelang die Bauern animiert zu investieren. „Viele haben das gemacht, meist mit Fördermitteln gebaut. Die haben eine Bindefrist von 20 Jahren. Die Bauern müssen also entweder weitermachen oder das Geld zurückzahlen“, sagt Marko Schlunke. Die Dieraer haben kein Fördergeld in Anspruch genommen. Es hätte l zu lange gedauert, bis die ganzen Genehmigungen durch waren.

Keine Einsparungen beim Personal

Den Plan der Europäischen Union, den europäischen Milchmarkt durch eine Drosselung der Milchproduktion zu stabilisieren, hält Dieter Schlunke für richtig und notwendig. Um den Bestand an Milchkühen zu reduzieren, soll es pro geschlachteter Kuh einen Zuschuss von 350 Euro geben. Vorstellbar für Deutschland wäre ein 100 Millionen-Euro-Programm festgelegt auf drei Monate. Für die Dieraer selbst kommt eine Reduzierung des Milchbestandes aber nicht in Frage. „Wir haben viel investiert, diese Ausgaben müssen sich rentieren. Das geht nicht, indem wir weniger Milch produzieren“, sagt er. Aufgeben können und wollen die Dieraer aber nicht. Sie hoffen, dass der Milchpreis wieder ansteigt. Mit Einsparungen versuchen die Dieraer Milchbauern derweil, die Verluste so gering wie möglich zu halten. Gespart wird aber weder am Personal noch an der Bezahlung. „Wenn wir unsere Leute nicht ordentlich entlohnen, können wir die Fachkräfte nicht halten“, sagt Dieter Schlunke.

Wie viel die Kunden bereit sind zu zahlen für ein Qualitätsprodukt, wollen sie ab kommenden Sonnabend testen. Dann feiern sie das 25-jährige Bestehen mit einem Tag der offenen Tür. Auf dem Milchhof wird ein Milchautomat aufgestellt. Dort kann frisch gezapfte und gekühlte Milch erworben werden für den Preis von einem Euro pro Liter. „Diese Milch ist unb handelt, also naturbelassen und muss daher vor dem Verzehr abgekocht werden. Sie hat einen Fettgehalt von vier Prozent“, erklärt Schlunke. Der Automat wird ab Sonnabend ständig in Betrieb sein. Zum Tag der offenen Tür gibt es außerdem Führungen durch die Ställe und eine Kuhschau. 120 Kilo Frischkäse einer mobilen Käserei werden verkauft.

Der „Tag der offenen Tür“ findet am Sonnabend, dem 21. Mai, von 10 bis 16 Uhr im Milchhof Diera, Mühlenweg 6, statt.