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Tafelgärtner helfen zweifach

Ihr Einsatz bringt nicht nur Farbe und Frische auf die Tische von Bedürftigen. Er ist auch für die Gartenvorstände ein Segen.

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© André Braun

Von Heike Heisig

Waldheim/Region. 655 Bund Radieschen, 875 Stück Kohlrabi, 498 Bund Schnittlauch und 251 Kilogramm Tomaten – das ist nur ein kleiner Auszug des Ernteertrages dieses Jahres. Erzielt wurde dieses Ergebnis bis Ende August in den Tafelgärten in der Region Döbeln. Dort wird jetzt wie in den heimischen Gärten mit Hochdruck geerntet.

Frisches bekommt die Tafel in Döbeln von ungefähr Mai bis Oktober geliefert. Dafür beginnt im April die Arbeit in den sogenannten Tafelgärten. Mehrere davon gibt es in Waldheim in den Sparten Pfaffenberg, Wachberg und Neue Hufe. Insgesamt zehn Anlagen freuen sich über diese Art der Unterstützung. Denn: Einigen Gartenvereinen gehen die Gärtner aus. Ältere können häufig aus gesundheitlichen Gründen keinen Garten mehr bewirtschaften. Nachwuchs bleibt aus, weil Familien in ihrer häufig knapp bemessen Freizeit lieber etwas erleben wollen, statt Unkraut zu jäten oder Äpfel zu pflücken. Diese traurige Bilanz musste auch der Vorstand der Neuen Hufe zu Jahresbeginn ziehen. Aufgegeben haben die Gärtner nicht. Sie stellten ihre Anlage vor, warben in Supermärkten – und hatten damit Erfolg. Vorstandsmitglied Reiner Ludewig berichtet stolz von fünf neuen Mitgliedern. Trotzdem hilft die Bewirtschaftung der Tafelgärten nach wie vor, den Leerstand überschaubar zu halten. „Wir möchten die Tafelgärtner nicht missen“, versichert Schatzmeisterin Christine Ludewig. Täglich fünf Stunden sind die Helfer montags bis freitags in den Parzellen anzutreffen.

Genauso willkommen wie in der Neuen Hufe sind die Männer und Frauen in den weiteren Sparten, in denen sie tätig sind. Heidi Burgkart, gelernte Gärtnerin, leitet die 22 Tafelgärtner an, verteilt Aufgaben, koordiniert die Ernte und die Übergabe der knackfrischen Waren an das Helferteam der Döbelner Tafel. Einiges davon, vor allem die Kräuter, aber auch Bohnen, Tomaten und Zwiebeln, werden in der kleinen Tafel-Küche in Döbeln zu herzhaften Suppen verarbeitet. Der größere Rest der Ernte wird in den Anlaufstellen der Tafel in den Städten an die Bedürftigen verteilt. Sie können sich sicher sein, dass sie Obst und Gemüse in Bioqualität auf dem Tisch stehen haben. „Wir düngen nur einmal im Frühjahr“, erzählt Heidi Burgkart. Auch zur Schädlingsbekämpfung wird keine Chemie eingesetzt. „Plagen uns die Kartoffelkäfer, dann sammeln wir die mit der Hand von den Pflanzen ab“, berichtet sie.

Auch was die herkömmliche Bodenbearbeitung betrifft, gehen die Tafelgärtner ziemlich konventionell vor. Die neueste Gartentechnik ist in den Gärten, die Heidi Burgkart betreut, nicht zu finden. Dafür aber Hacken, Grubber und Spaten – für die Winterfurche. Mit der verabschieden sich die Männer und Frauen jeden Herbst aus den Gärten. Wintergemüse wie Rosenkohl bauen sie kaum noch an.

Nächste Woche startet die Kartoffelernte. Die ersten Birnen sind schon vom Baum geholt, auch 56 Kilogramm Äpfel. Alles, was aus den Tafelgärten in den Erntekörben landet, ist sozusagen schon küchenfertig. Die Möhren werden ohne das Grün an die Tafel geliefert, die Radieschen sind gewaschen, die Kräuter gebündelt.

Letztere wachsen in einem der beiden Tafelgärten in der Sparte Neue Hufe in einer kleinen Kräuterspirale. Die ist mit Feldsteinen abgesteckt, genauso wie die Wege. „Das haben wir so übernommen“, sagt die Betreuerin. Auch um ein paar Stauden des Vorbesitzers kümmern sich die Tafelgärtner auf dieser Scholle. Die verbliebenen Obstbäume werden mit geerntet.

„Viele Gärten, die wir übernommen haben, mussten wir erst urbar machen“, erzählt Heidi Burgkart. Inzwischen zahle sich die langjährige Bewirtschaftung seit 2009 aus. Es könne früher geerntet werden, somit gibt es zeitiger im Jahr frisches Obst und Gemüse für die Familien, die auf die Unterstützung der Tafel angewiesen sind. Damit die Ernte aus diesen Gärten möglichst ergiebig ist, schaut die Fachfrau darauf, dass die Flächen effektiv genutzt werden. Erdbeeren kommen demnach nicht aus den Tafelgärten, weil die Pflanzen das ganze Jahr über Land beanspruchen und die Ernte oftmals zu wünschen lässt.

Insgesamt bezeichnet Heidi Burgkart 2016 als mittelmäßiges Gartenjahr. Das schiebt sie auch auf das Schaltjahr und die häufig unbeständigen Temperaturen. „Die Gurkenpflanzen waren nach der ersten Ernte oft schon hinüber“, so die gelernte Gärtnerin.

Sie hofft, dass sie auch im nächsten Jahr wieder für die Tafel gärtnern, Mitarbeiter anleiten darf. Die Übergabe der Ernte sei stets mit einem guten Gefühl verbunden, „weil wir helfen können“, beschreibt es Heidi Burgkart. Möglich ist diese Hilfe überhaupt erst durch das Jobcenter Mittelsachsen. Das finanziert das Tafelgartenprojekt. Träger ist das Bildungswerk der sächsischen Wirtschaft (BSW).