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Löbau

Alles Lausitz oder was?

Am 21. August ist der Tag der Oberlausitz. Doch was wissen wir eigentlich über die Geschichte unseres Landes, die wir dann feiern? Ein Gastbeitrag.

Regelmäßig zum "Tag der Oberlausitz" am 21. August weht die Oberlausitz-Fahne auch vom Neugersdorfer Bismarckturm.
Regelmäßig zum "Tag der Oberlausitz" am 21. August weht die Oberlausitz-Fahne auch vom Neugersdorfer Bismarckturm. © Archivfoto: Matthias Weber

Von Dr. Volker Dudeck

Wenn uns meine Dresdener Großeltern besuchen wollten, sagten sie ihrem Nachbarn: „Wir fahren in die Lausitz." Für mich (Jahrgang 1947) war klar: Sie meinten Oberlausitz. Aber die schien mir nur dort zu sein, wo die Leute das typische „Radl a dr Gurgl hoan." Dass sie sich vom Zittauer Gebirge und dem Oberlausitzer Bergland im Süden bis zur Schwarzen Elster und dem Muskauer Faltenbogen im Norden und vom Queis/Kwisa im Osten bis zur Pulsnitz im Westen erstreckt, wusste ich noch nicht. Dass Städte wie Rothenburg, Bad Muskau, Hoyerswerda, Weißwasser oder Ruhland auch dazu gehörten und dass ein großer Teil seit 1945 in Polen liegt, auch nicht. Vom Sechsstädtebund hatte ich schon etwas gehört. Kenntnisse über die Oberlausitzer Geschichte? Kaum vorhanden! Wie auch, waren doch die Schulen in der DDR darauf ausgerichtet, Geschichte vor allem als „Geschichte von Klassenkämpfen“ zu lehren.

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Nach 1990 entstanden zahlreiche Geschichts- und Heimatvereine. Die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften sowie der Lusatia Verband gründeten sich neu. Das hat manches zum Besseren gewendet. Dennoch sind die Defizite noch immer beträchtlich. Wir möchten deshalb eine Bildungsinitiative starten, deren Ziel es ist, ein Vortragsprogramm zusammenzustellen, das Geschichts- und Heimatvereine, Bibliotheken, Tourismusverbände, Geschichts- und Sachkundelehrer etc. nutzen können. Interesse soll auch ein Preisausschreiben zu Geschichte und Landeskunde wecken, das von der Sächsischen Zeitung veröffentlicht wurde und zu dem Sponsoren Preise beisteuern.

Volker Dudeck ist ehemaliger Museumsleiter aus Zittau. Er hat sich mit der Geschichte der Oberlausitz befasst.
Volker Dudeck ist ehemaliger Museumsleiter aus Zittau. Er hat sich mit der Geschichte der Oberlausitz befasst. © Archivfoto: Matthias Weber

"Lausitzer Kultur" schon in der Bronzezeit

Diese Offensive soll vermitteln, dass es sich bei der Oberlausitz nicht um eine Landschaftsbezeichnung handelt, wie zum Beispiel das Erzgebirge, die Sächsische Schweiz oder der Spreewald. Sie ist vielmehr ein altes Grenzland (eine Mark) die vor mehr als 1.000 Jahren als Reichslehen im Ergebnis der mittelalterlichen Ostsiedlung entstand, ähnlich wie auch die Mark Meißen, die Mark Brandenburg oder die Mark Lausitz. Letztere bekam ihren Namen von dem westslawischen Stamm der Lusitzer und bezog sich ursprünglich nur auf das Gebiet der heutigen Niederlausitz. Die Bezeichnung Oberlausitz entstand erst im 15. Jahrhundert. Vorher nannte man das Territorium nach dem hier siedelnden Stamm der Milzener „Milzane“, später nach dem Hauptort „Terra Budissinensis“ (Land Bautzen) und nach der Gründung des Sechsstädtebundes „Hexapolis“ (Sechsstädteland).

Menschen lebten hier aber schon sehr viel früher. Die weitgehend waldfreie Siedlungskammer zwischen den heutigen Städten Löbau und Kamenz war bereits seit der mittleren Steinzeit besiedelt. In der Bronzezeit bildete sich zwischen 1.800 und 500 v. Chr. eine bereits recht hoch stehende Kulturstufe heraus, die als „Lausitzer Kultur“ in die Geschichte eingegangen ist. Nach einer rätselhaften Besiedlungspause von mehreren Jahrhunderten, wurde das Land für die aus dem Norden eingewanderten Burgunden zur Heimat. Als diese im Zuge der Großen Völkerwanderung weiter nach Westen zog, kamen von Osten her die bereits genannten Milzener in die Ober- und die Lusitzer in die Niederlausitz. Sie gelten als die Vorfahren der heute noch hier lebenden Sorben. Ausgelöst durch den Zusammenbruch des Großmährischen Reiches und die folgenden Einfälle der Ungarn, stieß das noch junge deutsche Königreich unter Heinrich I. und Otto den Großen über die Elbe-Saale Linie vor und schuf neue Grenzländer (Marken). Um diese Gebiete stritten auch die polnischen Herzöge. Die Streitigkeiten wurden 1018 zunächst im Frieden von Bautzen und 1031 endgültig beigelegt. 

Oberlausitzer Besonderheit

Das Markgraftum Oberlausitz war von Anfang an durch eine Besonderheit gekennzeichnet, die landesweit Ihresgleichen sucht: Es war immer in Personalunion mit einem Herrscher verbunden, dessen Stammland außerhalb lag und daher ein Land ohne Landesherrn im Lande. Der Markgraf hatte also nicht – wie man annehmen könnte – in Bautzen seinen Sitz, sondern zuerst in Meißen, dann in Prag und Wien, einige Jahrzehnte sogar in Budapest und nach 1635 in Dresden. Seine Vertretung übernahm ein Landvogt, der in der Bautzener Ortenburg residierte. Seine Befugnisse waren jedoch begrenzt. In ihren inneren Angelegenheiten war die Oberlausitz weitgehend autonom.

Und noch etwas macht die Geschichte der Oberlausitz einzigartig. Als die Ritterschaft durch die zunehmende Geldwirtschaft, die Erfindung von Feuerwaffen und Söldnerheere im Niedergang begriffen war und mancher deshalb zum Raubritter mutierte, wurde die Sicherheit der Handelsstraßen zu einer Voraussetzung für die wirtschaftliche Prosperität des Landes. Das war eine ursächliche Aufgabe des Landesherrn, der aber nicht im Lande war. Der böhmische König und spätere deutsche Kaiser Karl IV. beauftragte deshalb seine sechs Oberlausitzer Städte, den Landfrieden zu sichern. 

Neue Heimat für Glaubensflüchtlinge

So entstand am 21. August 1346 der Sechsstädtebund, der aber nicht nur für sichere Straßen sorgte, sondern sich schon bald dem Adel gegenüber emanzipierte. Während dieser anderswo gemeinsam mit der Geistlichkeit die Städte immer überstimmen konnte, war das im Markgraftum Oberlausitz anders. Hier galt eine ganz spezifische Ständeverfassung, in der der Sechsstädtebund paritätisches Stimmrecht besaß. Ohne seine Zustimmung ging nichts. So ist der Sechsstädtebund in mancherlei Hinsicht mit der Hanse vergleichbar. Vor diesem Hintergrund wird auch deutlich, weshalb in der Oberlausitz die Reformation ganz anders verlief als anderswo, warum sie sowohl katholischen als auch protestantischen Glaubensflüchtlingen eine neue Heimat bot, zwei Klöster seit ihrer Gründung im 13. Jahrhundert ohne Unterbrechung fortbestehen oder die „Herrnhuter Brüderunität“ entstand.

Vieles wäre hier noch anzufügen, was unser Land zu etwas Besonderem macht und worauf wir stolz sein können. Aber dazu braucht es Wissen, bei dessen Vermittlung wir mithelfen und einen Beitrag zum deutsch-polnischen Projekt „1.000 Jahre Oberlausitz“ leisten möchten.

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Dr. Volker Dudeck aus Zittau ist ehemaliger Chef des städtischen Museums und war viele Jahre Vorstand im Sächsischen Museumsbunde  und Sächsischer Kultursenator. Von der Marketinggesellschaft Oberlausitz wurde er 2010 zum "Botschafter der Oberlausitz" berufen. Er war Kurator der Ausstellung „Welt-Macht-Geist. Das Haus Habsburg und die Oberlausitz 1526-1635" , die im Jahr 2002 über 70.000 Besucher anlockte sowie des Großen und des Kleinen Zittauer Fastentuches. Er gilt als geistiger Vater der "Via Sacra". 

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