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Tallinn zeigt, wie es geht

© dpa/F. Herrmann

Gratis mit Bus und Bahn: In Estlands Hauptstadt ist seit 2013 möglich, worüber in Deutschland nun diskutiert wird.

Von SZ-Korrespondent André Anwar

Für Deutschland ist es Neuland, für das estnische Tallinn ein alter Hut: der kostenlose Nahverkehr. Die deutsche Bundesregierung schlägt unentgeltliche Angebote vor, um die Luftqualität in den Städten zu verbessern. Da ist Tallinn schon weiter, obwohl es bei Weitem nicht so wohlhabend ist wie deutsche Städte. Als erste Hauptstadt der Welt führte sie schon 2013 den Gratisnahverkehr für alle ihre Einwohner ein. Auch aus Popularitätsgründen führte der damalige linksliberale Bürgermeister Edgar Savissar 2012 ein Referendum dazu durch. 75,5 Prozent waren dafür, obwohl die Mehrkosten bei rund zwölf Millionen Euro im Jahr liegen und die Kritik groß war. „Die Straßen sind voller Schlaglöcher, und es gibt kein Geld für Kindergärten“, kritisierte etwa Valdo Randpere von der bürgerlichen Opposition den Vorstoß.

Rund ein Drittel des öffentlichen Nahverkehrs wurde damals aus Fahrscheineinnahmen bewältigt. Schon ab 2013 ging es dann los mit dem Gratisnahverkehr. „Wir führten das vor allem als soziale Maßnahme ein“, sagt Allan Alaküla, der das Projekt begleitete. Estland sei von der Wirtschaftskrise 2008 hart getroffen worden. „Viele hatten auch Jahre danach nicht das Geld, um mit unserem bereits sehr stark subventionierten Nahverkehr zu fahren.“

Zudem sollte es die lokale Wirtschaft antreiben. Denn der Gratisverkehr schwemmt nun auch viel mehr Esten aus dem Umland in ihrer Freizeit in die Stadt, um einkaufen zu gehen oder Museen, Restaurants und Bars zu besuchen.

Gratis-ÖPMV weltweit

Der Vorstoß der Bundesregierung für einen teilweise kostenlosen Nahverkehr sorgt weiterhin für Diskussionen. Manche Städte im Ausland sind da schon weiter.

Polen: Vor allem im Winter hat Polen mit Smog zu kämpfen. Mehrere Kleinstädte bieten allen Bewohnern einen kostenlosen Nahverkehr an. An Tagen mit besonders hoher Schadstoffbelastung ist der Nahverkehr auch in großen Städten wie Warschau und Krakau für alle kostenlos.

Spanien: Seit Mitte der 1990er-Jahre dürfen die rund 85000 Einwohner der Küstenstadt Torrevieja städtische Buslinien gratis nutzen. Seit einigen Jahren ist dazu eine Karte nötig, für die man acht Euro pro Jahr zahlt. Das System des kostenlosen Nahverkehrs soll allerdings nach einem Beschluss von Ende 2017 im Laufe dieses Jahres eingestellt werden. Es sei sowohl finanziell als auch juristisch nicht mehr tragbar, hieß es bei einer Sitzung des Stadtrates.

Frankreich: In Frankreich gibt es vereinzelt Gratis-Nahverkehr, Medienberichte sprechen von 20 bis 30 Kommunen und Gemeindeverbänden. Manche haben aber schon viel Erfahrung mit dem Modell: In der Stadt Compiègne brauchen Fahrgäste in den Bussen etwa seit 1975 keinen Fahrschein mehr. Das größte Gratis-Nahverkehrs-Netz in Frankreich hat nach eigenen Angaben der Gemeindeverband von Niort, wo die Busse seit September 2017 ohne Fahrschein genutzt werden können.

Belgien: In Hasselt, der Hauptstadt der belgischen Provinz Limburg, konnten Bürger fast 16 Jahre lang kostenlos die öffentlichen Busse nutzen. Im Mai 2013 zog die Stadtverwaltung dann aber die Reißleine. Der Grund waren die hohen Kosten.

Dänemark: Auf mehreren der kleinen dänischen Inseln ist Busfahren gratis – unter anderem auf Læsø und Ærø. In Odense, der Innenstadt der drittgrößten dänischen Stadt, fährt alle zehn Minuten ein Gratis-City-Bus – ein pinkfarbener Mini-Bus, der mit Märchenfiguren dekoriert ist.

USA: In den USA gibt es eine Reihe von Versuchen mit kostenlosen Nahverkehrsangeboten. Oft werden Shuttle-Busse von regionalen Bahnhöfen in entlegenere Ortschaften angeboten. In Baltimore gibt es einzelne kostenlose Bus-Routen, ebenso in Miami. In der Innenstadt von Kansas City gibt es eine kostenlose Tramroute. Die Stadt Chapel Hill in North Carolina betreibt mithilfe von Bundeszuschüssen ein kostenloses System mit modernen Hybrid-Bussen. Im Mason County im Westküsten-Bundesstaat Washington wird ein ganzer Landkreis kostenlos mit Bussen versorgt.

Thailand: In Bangkok durften ärmere Leute bis vergangenes Jahr auf einigen Strecken Busse und Bahnen gratis benutzen, ohne sich besonders ausweisen zu müssen. Jetzt müssen sie dafür eine „Wohlfahrtskarte“ vorzeigen. Für Kinder, die kleiner sind als 90 Zentimeter, muss weiterhin nichts bezahlt werden. Von Einheimischen gibt es immer wieder Klagen, dass das ausgebaute Bahnsystem, das unter- und oberirdisch verläuft, zu teuer ist.

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Mit schlechter Luft hatte die flache Küstenstadt Tallinn allerdings auch vorher keine Probleme. „Die Umwelt war nur ein weiterer Aspekt.“

Das Gratisangebot machte sich sofort bemerkbar. Zu Beginn sank der Autoverkehr in der Innenstadt um rund 15 Prozent. Inzwischen hat sich die Reduzierung bei zehn Prozent eingependelt „Nun ist der Innenstadt-Verkehr so durchlässig, dass einige das Auto für sich wiederentdeckt haben“, sagt Alaküla. Aber zehn Prozent seien nicht schlecht, denn die Esten hätten heute viel mehr Autos als noch 2013.

Rund zehn Prozent mehr Einwohner benutzen zudem inzwischen den öffentlichen Nahverkehr. Flankiert wurde das Gratisangebot mit einem Ausbau der Bussspuren. Die Kosten für den Gratisverkehr hat die Stadt wieder reinbekommen. Denn weil das Gratisticket nur für Personen gilt, die in Tallinn Steuern zahlen, haben sich viele Esten aus dem Umland in Tallinn angemeldet, etwa bei Verwandten. Seit 2012 ist die Einwohnerzahl Tallinns von 416 000 auf heute 450 000 angestiegen. „Ein Großteil des Zuzugs hat mit dem Gratisticket zu tun“, sagt Alaküla. Mit durchschnittlich rund 20 Millionen Euro mehr Steuereinnahmen im Jahr hat die Stadt den Einnahmewegfall deutlich überkompensiert.

Für Touristen und andere, die nicht in Tallinn wohnhaft sind, wurden die Preise von einst 80 Cent pro Fahrt allerdings verdoppelt. Das ist aber eine eher geringe Gruppe. „Weil alte und junge Leute eh schon stark ermäßigt gefahren sind, lag der größte Zuwachs im Nahverkehr durch das Gratisticket bei den Berufstätigen“, sagt Alaküla. Dank Tallinns Vorstoß ist die Forderung nach einer Ausweitung des Gratisverkehrs so laut geworden, dass die Nationalregierung ab dem 1. Juli den Landkreisverkehr in staatlich mitfinanzierten Bustransportunternehmen in ganz Estland gratis machen wird. „Dabei geht es um den Verkehr in Regionen. In den Orten selbst muss weiter bezahlt werden, weil sie den Kommunen und nicht der Zentralregierung unterstehen. Theoretisch kann man so auch durch ganz Estland gratis fahren. In Bussen aber, und das ist sehr umständlich mit viel umsteigen“, erklärt Alaküla.

„Obwohl Deutschland grundsätzlich viel wohlhabender ist als Estland, sind laut Eurobarometer 2014 auch dort die hohen Preise für den Nahverkehr eines der größten Probleme für Stadtbewohner“, unterstreicht Alaküla, der das Modell Tallinn zur Nachahmung empfiehlt.