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Tapferes Mädchen beendet Missbrauchs-Serie

Andy S. vergeht sich jahrelang an Kindern seiner Freundinnen. Nur einmal ändert er sein Muster. Nun droht ihm eine lange Haftstrafe.

© Symbolfoto: Nicolas Armer/dpa

Von Sven Heitkamp, Leipzig

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Leipzig. Reue oder großes Bedauern zeigt Andy S. nicht, als er am Donnerstagmorgen am Leipziger Landgericht reihenweise sexuelle Übergriffe auf die Kinder seiner Ex-Freundinnen gesteht. Fast 50 Fälle, in denen er sich an mehreren Mädchen und auch einem Jungen verging, lässt er durch seinen Anwalt Malte Heise weitgehend einräumen. Dieses Geständnis sei das Einzige, was er jetzt noch tun könne: Dass sei er seinen Opfern schuldig. Auch bei seiner Verhaftung und in Begutachtungen hatte sich der blasse, schmächtige Mann schon zu seinen Verbrechen geäußert. Immerhin erspart er so den Kindern eine Aussage vor Gericht. Doch viel mehr Worte des Mitgefühls findet er nicht. Eher schon Erklärungen des Selbstmitleids: Ja, er habe manchmal Hass auf sich selbst und auch Selbstmordgedanken.

Sein halbes Leben hat sich der 32-Jährige aus Schlema schon an Kindern vergangen. Bereits vor zehn Jahren, im März 2008, verurteilte ihn das Zwickauer Landgericht in 38 Fällen wegen Missbrauchs und Kinderpornografie. Im September 2013 kam er wieder frei. Doch die Therapie im Gefängnis hat offenbar nicht viel genützt. Schon zwei Jahre nach der Haft mussten die Kinder von neuen Freundinnen für seine Neigungen herhalten. Wenn die Frauen nicht zuhause waren oder schliefen, begrapschte er die Mädchen und Jungen oder rieb sich an ihnen, zwang sie zu vielen Arten von Sex, tat ihnen weh. Einen sechsjährigen Jungen erniedrigte er besonders hart, ließ ihn zudem Kleider tragen und Sexspielzeug benutzen. Dessen Mutter zeichnete im Gericht das Bild eines Neunjährigen, dem es schon seit Jahren nicht mehr gut geht. Er ist in psychologischer Behandlung und zuweilen aggressiv oder hyperaktiv, seine Schulleistungen sind wechselhaft. Erst jetzt beginnt er, mit seiner Mutter über die Vorfälle zu sprechen. Doch er hat Angst, dass man ihm nicht glaubt oder jemand ihm böse ist.

Aufgeflogen war die Leidensgeschichte der Kinder erst, als Andy S. kurz nach einer Trennung sein typisches Muster änderte und ein Mädchen auf offener Straße überfiel. Er sei gerade auf dem Weg zur Arbeit gewesen, sie auf dem Schulweg. Da habe er sich spontan auf die damals zehnjährige Schülerin gestürzt, ihr den Mund zugehalten, sie in ein Gebüsch gezerrt und befingert. Erst als er ihr richtig wehtat, habe er abgelassen und ihr geholfen, ihre Sachen wiederzufinden. Er drohte ihr noch, dass sie niemandem etwas sagen dürfe – er wisse, wo sie wohne. Doch das tapfere Mädchen erzählte den Vorfall der Polizei und brachte den Stein ins Rollen. Durch DNA-Spuren wurde Andy S. im Juni nach mehreren Monaten verhaftet.

Der heute Zwölfjährigen geht es indessen besser als dem kleinen Jungen. Nach Erzählungen des Vaters besucht sie mit Erfolg das Gymnasium und spielt Fußball, sie ängstigt sich wenig und nimmt keine psychologische Hilfe in Anspruch. „Sie spricht nur selten mit mir darüber“, sagt er. „Ihr ist nur wichtig, dass er verschwindet. Dazu dürfte es kommen. Andy S. droht nun nicht nur eine hohe Haftstrafe, sondern anschließend auch Sicherungsverwahrung. Nach seinen Erzählungen hat er sich immer dann an Kindern vergriffen, wenn er sich von Frauen abgeschoben oder allein gelassen fühlte. Ein banaler Alltagsstreit konnte dafür ausreichen – oder ein heftiger Krach, als eine Freundin bei ihm Mädchensachen fand. Er sei vor allem in Kinderheimen und in der Kinderpsychiatrie groß geworden und könne mit Zurückweisung schlecht umgehen, lautete der Tenor seiner Erklärung.

Der Fall hatte auch deswegen für Aufsehen gesorgt, weil die Justiz bei der Fahndung ein Phantombild nicht für Internet-Veröffentlichungen freigegeben hatte – aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes. Doch die Zeitungen hielten sich nicht an diese Auflage.