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Feuilleton

Tausende Tickets erstattet – parallel das ABC gelehrt

Endlich Urlaub: Madlen Hofmann hatte wegen Corona zwei Jobs: Buchhalterin der Operette und „Lehrerin“ ihrer Tochter.

Selbst die Buchhaltung kann eine kleine Bühne sein – zumindest erinnern Masken im Büro von Madlen Hofmann, dass sie am Theater arbeitet. Sie ist Buchhalterin der Staatsoperette Dresden.
Selbst die Buchhaltung kann eine kleine Bühne sein – zumindest erinnern Masken im Büro von Madlen Hofmann, dass sie am Theater arbeitet. Sie ist Buchhalterin der Staatsoperette Dresden. © Matthias Rietschel

Egal, wie das Wetter ist – ein Ostsee-Urlaub ist stets das große Los. So wohltuend sind Land, Meer, Luft und fangfrischer Fisch schon zu normalen Zeiten. Und in diesem Pandemie-Jahr erst recht. Da ist es gut zu wissen, dass sich dort nicht nur Gutbetuchte erholen, sondern auch jemand wie die Dresdnerin Madlen Hofmann mit ihrer Tochter. Beide haben es verdient. Die Buchhalterin der Staatsoperette und die Siebenjährige haben eine verrückte Zeit hinter sich. Und wie die nächste wird, weiß ja auch keiner.

Doch der Reihe nach: Während die Künstler am Stammhaus von Madlen Hofmann und andernorts nach dem Lockdown monatelang danach gierten, wieder arbeiten und auftreten zu dürfen, hatte die 39-Jährige über Monate gleich zwei Jobs – und die in verschärfter Form. Eigentlich arbeitet die junge Frau als Alleinerziehende 35 Stunden pro Woche. Und eigentlich hat sie mit der Abrechnung von Einkäufen der Gewerke wie Maske, Schneiderei und Bühnenbild, also allem, was man für Inszenierungen braucht, sowie den Einnahmen etwa vom Verkauf von Karten, CDs, Büchern und Dingen aus dem Fundus reichlich zu tun. 

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Doch in der Pandemie kam zu diesen Aufgaben eine weitere, enorme hinzu. Sie hatte Tausenden Besuchern die Tickets der ab Mitte März ausgefallenen Saison zurückzuerstatten. „Und das sollte ja möglichst zeitnah geschehen, auch weil viele wegen Kurzarbeit oder anderer Ausfälle sicher auf ihr Geld angewiesen waren.“

Gleichzeitig hatte Madlen Hofmann wie viele Eltern zum Homeoffice auch noch das Schooloffice der Tochter zu managen. „Von null auf hundert war ich Buchhalterin, Lehrerin und Betreuerin.“ Wohl bekam die Erstklässlerin alsbald Aufgaben von der Schule, aber die kann so eine Kleine eben mal nicht ohne Hilfe und Aufsicht meistern. „Gerade die erste Klasse ist eine so wichtige. Mein Kind sollte den Anschluss auf keinen Fall verpassen. Zum Glück war die Lehrerschaft meiner Tochter sehr strukturiert. Es gab gut zu tun – nicht wie man es von anderen Schulen gehört hat.“

Doch, wie löst man das Problem? „Am Esstisch!“ Die beiden standen jeden Tag früh auf und teilten sich nach dem Frühstück ab 8.15 Uhr den Esstisch „in meine und ihre Hälfte“. Bis zum Mittag ackerten sie sich durch ihren jeweiligen Aufgaben-Berg, die eine am Laptop, die andere – immer wieder mit Hilfe – durch Hefte und Bücher schreibend, rechnend, lesend, später gab es Videokonferenzen mit der Schule. Dann war Essen zu kochen, nachmittags ging es, als es wieder möglich war, raus, „damit uns die Decke ...“. 

Am späten Nachmittag, wenn die recht selbstständige Kleine mit einem Hörbuch beschäftigt war oder via Skype mit der Oma plauderte, oder am Abend setzte die Mutter ihre Arbeit fort. „Ich habe jeden Wochentag meine sieben Stunden im System verbracht“, um die leichten Fälle schnell zu bearbeiten oder mühselig Adressen, Namen und Zahlen zuzuordnen.

Dazu muss man wissen, dass die Staatsoperette ein großes, auch sehr treues Stammpublikum hat. Eines mit einem langen Vorbuchungsstand, sodass die Besucher im Abo-System oder Einzelverkauf quasi zu Spielzeitbeginn ihre Bestellungen bestätigt bekommen. Viele konnten über das Aussetzen der Spielzeit und später über die Beendigung der Saison sowie die Rückerstattungsvarianten informiert werden und wählen, ob sie das Geld erstattet bekommen oder in Karten für die neue Saison tauschen wollten. 

Nicht jedermanns Sache sind solche Formulare – gar nicht selten waren Zahlendreher zu korrigieren. Immerhin: Ab Mitte Juni war diese Arbeit weitgehend geschafft. Dann folgten jene Besucher, die extra angeschrieben werden mussten. Für diese waren Guthaben anzulegen. „Ich war abends nur noch müde“, sagt Madlen Hofmann, die seit viereinhalb Jahren am Haus tätig ist. Freilich meint sie auch: „Wir hatten in den Rückerstattungen und Umbuchungen ja schon eine gewisse Routine.“ Denn das Haus war nach einer Havarie im Oktober 2017 für ein Vierteljahr gar nicht und weitere zwei Monate nur nach einem völlig neuen Spielplan nutzbar. 20.000 Tickets waren zu erstatten oder zu tauschen. „Nur konnten wir das damals vom Büro aus und ganz darauf konzentriert machen.“

Nun, 2020, und mittlerweile mit dem Abstand zur extremen Zeit des Home- und Schooloffice zieht die junge Frau folgende Bilanz: „Diese Wochen waren hart, haben uns beide aber gestärkt, weil wir gemeinsam viel gemacht haben. Und ich habe noch mehr Respekt vor der Arbeit der Lehrer bekommen, was die leisten und wie viele Fragen sie beantworten müssen.“

Und zur Bilanz der Hofmanns gehört auch: „In den neun Wochen haben wir an unserem geteilten Esstisch etwa ein Drittel des ganzen Alphabets gelernt – also neun neue Buchstaben für die Kleine.“ Allein für diese Leistung hätten die beiden Anspruch auf einen Ostsee-Platz.

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