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Tauziehen um Neukircher Geflüchtete

Flüchtlingshelfer bemängeln fehlende Transparenz bei der Schließung des Asylheims. Sie befürchten Rückschritte bei der Integration.

© Uwe Soeder

Von Franziska Springer

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Neukirch. Der 19-jährige Shapoor Ahmadzai hat derzeit nur einen Wunsch: „Ich möchte gern offiziell bei Familie Mühlisch leben dürfen und meine Ausbildung beenden.“ Im September vergangenen Jahres begann der Afghane mit seiner Lehre zum Restaurantfachmann im benachbarten Tautewalde. Etwa zur gleichen Zeit zog er gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Landsmann Alliyasser Rezai bei Bernhard Mühlisch und dessen Familie in Neukirch ein. „Das grenzt an zivilen Ungehorsam“, gibt Bernhard Mühlisch zu. Denn grundsätzlich erlaubt ist das nicht, aber: „Die Ausländerbehörde weiß davon und duldet es, solange beide sich regelmäßig in der Unterkunft melden und ihre Post holen.“

Das könnte in Zukunft schwierig werden, genau wie der Arbeitsweg, den Ahmadzai täglich zu bestreiten hat. Denn die Gemeinschaftsunterkunft im ehemaligen Neukircher Lehrlingswohnheim wird zum Ende des Monats geschlossen, weshalb er und die anderen 75 Geflüchteten, die bislang noch dort lebten, am Mittwochmorgen in eine andere Unterkunft umziehen mussten. In welche, das war bis kurz vor der Abreise noch ungewiss.

Auf Verständnis beim Neukircher Freundeskreis, der sich ehrenamtlich um die Geflüchteten kümmert, stößt das nur bedingt. Mehr noch: Uneingeschränkt nachvollziehbar ist für alle Beteiligten eigentlich nur der Grund, aus dem die Unterkunft im ehemaligen Neukircher Lehrlingswohnheim zum Ende dieser Woche schließen muss: Die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge ist rückläufig. Die Plätze zur Unterbringung in den Heimen mietet der Landkreis von privaten Betreibern an, und die kosten Geld – ganz gleich, ob sie belegt sind oder nicht. Um Kosten zu vermeiden, wird die Anzahl der Unterkünfte schrittweise reduziert und dort lebende Flüchtlinge werden in andere Heime verlegt. Im konkreten Fall nach Wehrsdorf und Bautzen.

Gravierende Mänger im Heim

„Grundsätzlich ist es gut, dass das Heim in Neukirch geschlossen wird“, sagt etwa Christian Schäfer, der sich gemeinsam mit anderen Freiwilligen um die Belange der Geflüchteten kümmert. Schließlich hätten im Neukircher Heim gravierende Mängel etwa hinsichtlich der hygienischen Bedingungen und der Grundversorgung mit Wärme und Warmwasser bestanden.

Dem Helferkreis ging es also nicht darum, die Schließung der Neukircher Unterkunft grundsätzlich anzuprangern, als er gemeinsam mit dem Sächsischen Flüchtlingsrat Kritik am Vorgehen des Landkreises übte. Das bestätigt auch der Neukircher Altbürgermeister Gottfried Krause: „Für einige Geflüchtete kann die Unterbringung in einer anderen Unterkunft ein guter Schritt sein. Bedauerlich ist es allerdings für die gewachsenen Beziehungen zwischen den Helfern vor Ort und bestimmten Bewohnern des Neukircher Heimes.“

Und an genau diesen Einzelschicksalen entlädt sich nun der Unmut des Neukircher Freundeskreises: „Es ist ja nicht nur so, dass Freundschaften und vertrauensvolle Beratungsverhältnisse zu brechen drohen“, begründet Freundeskreis-Mitglied Bruno Rössel die Kritik am Landkreis. „Die Menschen haben beträchtliche Fortschritte bei der Arbeitsplatzsuche hingelegt. Die sollen jetzt alle über den Haufen geworfen werden.“ Was der Freundeskreis dem Landkreis in erster Linie vorwirft, ist ein Mangel an Transparenz und Begründung. Durch Aushänge in der Unterkunft erfuhren die Geflüchteten und ihre Helfer im Februar von der geplanten Schließung. Sie beantragten daraufhin die dezentrale Unterbringung von insgesamt sechs Asylbewerbern, die sich seit Eröffnung des Neukircher Heims vor ziemlich genau drei Jahren gut integriert haben und gern hierbleiben wollen. Stattgegeben wurde bislang keinem der Anträge. Warum, können die Helfer nur mutmaßen. Der Freundeskreis will sich aber weiter dafür einsetzen, dass dezentrale Unterbringungen doch noch ermöglicht werden.

Neues Heim akzeptiert

Dem werde grundsätzlich nur nach Einzelfallprüfung stattgegeben, heißt es dazu aus dem Landratsamt. Hierbei werde der asylrechtliche, leistungsrechtliche, medizinische und soziale Hintergrund geprüft. „So ist eine dezentrale Unterbringung beispielsweise ausgeschlossen, wenn mit dem Vollzug der Ausreise zu rechnen ist“, erklärt Kreissprecher Gernot Schweitzer. Das kann bei Shapoor Ahmadzai nicht ausgeschlossen werden, wenngleich die Chancen für den jungen Afghanen, längerfristig in Deutschland bleiben zu können, derzeit gut stehen. Sein Asylverfahren läuft noch. Dass seine neue Unterkunft das Heim in Wehrsdorf ist, hat er akzeptiert. Eine Sozialarbeiterin des Landratsamtes empfahl ihm zudem, nach dem Umzug weiter inoffiziell bei den Mühlischs zu wohnen. Vom Wehrsdorfer Heim aus würde man dann nach einer Lösung suchen. Nun hofft er darauf, dass sein Fall schnell bearbeitet wird und er bald zurück nach Neukirch kann.