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Tauziehen um Timon

Im Sommer entführte Claudia Renneberg ihren eigenen Sohn. Nach mehr als einem Vierteljahr in der Illegalität gibt es nun ein Lebenszeichen. Dennoch ist die Rückkehr schwer, denn viele müssen zurückstecken.

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Von Thomas Schade

Die Sonne sorgt in diesen Tagen schon früh am Nachmittag für lange Schatten in der Wiesenstraße von Reichenbach im Vogtland. In einem der Reihenhäuser aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts leben die Rennebergs. Aber das Großelternpaar hat wenig Freude an den letzten Sonnenstrahlen des Jahres – seit ihr Enkel Timon nicht mehr durch den Flur tollt. Nur sein Ball, sein Roller und andere Spielsachen erinnern an den Siebenjährigen.

Timon mit seiner Mutter Claudia Renneberg während eines Urlaubs in Kroatien.
Timon mit seiner Mutter Claudia Renneberg während eines Urlaubs in Kroatien.

Im ersten Stock sitzt Silvia Renneberg in ihrem kleinen Büro. Neben der Fachliteratur und Steuervorschriften füllen das Aktenregal mittlerweile auch Ordner, die nichts mit dem deutschen Steuerrecht zu tun haben. In diesen Ordnern dokumentiert sie „ein großes Unrecht“, wie sie glaubt – das ungewöhnliche Schicksal ihrer Tochter Claudia und ihres Enkels Timon.

Immer wieder mal unterbrechen Anrufe Silvia Rennebergs Arbeit an den Steuererklärungen ihrer Kunden. Nicht selten fragen Leute, ob sie denn etwas gehört habe von Claudia und dem Enkel. Bis vor Tagen musste die 62-Jährige diese Fragen immer mit Nein beantworten. Denn sie hat beide nicht mehr gesehen seit dem 15. August.

Das war der Tag, an dem sich nachmittags gegen halb drei Uhr im Haus der Arbeiterwohlfahrt im erzgebirgischen Adorf eine denkwürdige Szene abspielte. Claudia, Silvia und Dietmar Renneberg waren nach Adorf gefahren, um Timon zu treffen, der seit Monaten in einer Pflegefamilie lebte – zum großen Leid der Rennebergs. Eine Umgangspflegerin brachte Timon zu diesem Umgangstermin, wie es im Amtsdeutsch heißt. Die Frau vom Jugendamt hatte das Treffen zu überwachen.

Als es schon Zeit wurde für den Abschied, nahm Claudia Renneberg ihren Sohn an die Hand, und beide verließen unvermittelt den Raum. Oma Silvia fiel der Frau vom Amt in den Arm, die verhindern wollte, dass Mutter und Kind einfach gingen. Opa Dietmar versperrte die Tür.

Die 32-jährige Claudia Renneberg, die einem Gutachten zufolge seelisch erkrankt sein soll, hatte die Entführung ihres Jungen gut vorbereitet und ihre Eltern auf dem Weg nach Adorf eingeweiht. Draußen, vor dem Haus, bemerkte keiner, wie und in welche Richtung Mutter und Kind verschwanden. Seither sind sie verschollen. „Wir wissen nicht, wo sie sind, haben aber das Gefühl, dass ihnen jemand hilft“, sagt Silvia Renneberg. Ihre Tochter benutze ihre Geldkarte nicht mehr, und auch ihr Handy könne man nicht orten, sagt die Polizei. „Wir fahnden nach der Frau auf Grundlage eines Haftbefehls vom Amtsgericht Auerbach“, sagt der Zwickauer Polizeisprecher Jan Meinel. Kindesentzug und Fluchtgefahr werden Claudia Renneberg vorgeworfen. Sie ist zwar Timons leibliche Mutter, aber nicht die gesetzliche.

Ein Brief aus der Illegalität

Anfangs versuchte eine sechsköpfige Ermittlergruppe, die Flüchtigen ausfindig zu machen. Doch die ist inzwischen aufgelöst. Dennoch fühlen sich die Großeltern zeitweilig beobachtet und glauben, dass ihr Telefon abgehört wird. Wenige Tage nach dem Verschwinden von Mutter und Sohn hieß es bei der Polizei, man sehe das Wohl des Kindes nicht unmittelbar gefährdet. Eine Zielfahndung war nie ins Auge gefasst worden. Damit bewerten die Fahnder den Fall offenbar weniger dramatisch und sehen keine unmittelbare Gefahr darin, dass Mutter und Sohn zusammenleben. So fehlte fast vier Monate jede Spur von beiden. Doch seit wenigen Tagen gibt es ein Lebenszeichen: Claudia Renneberg hat sich mit einem Brief, quasi aus der Illegalität, an den Chemnitzer Rechtsanwalt Klaus Bartl gewandt und ihn gebeten, sie zu vertreten. „Nach allem, was ich weiß, geht es der Mutter und dem Jungen gut“, sagt der Strafrechtler. Mehr wolle er derzeit nicht erklären, weil es schwierig sei, die Situation „zu entkrampfen“. So ist noch unklar, ob die Familie bis zum Heiligabend wieder vereint sein wird. Viele müssten dafür über ihren Schatten springen, zu sehr sind die Fronten verhärtet in dem seit Jahren schwelenden Familienstreit.

Begonnen hatte alles damit, dass Timons Eltern wohl nicht füreinander geschaffen waren. Sie trennten sich drei Jahre nach der Geburt des Kindes. Der Vater verzichtete auf das Sorgerecht, wollte seinen Sohn aber regelmäßig sehen. Die Mutter versuchte, das zu vermeiden. Es kam zu einem sogenannten Umgangsstreit. Das Jugendamt wurde aufmerksam auf Claudia und Timon Renneberg. Vorwürfe tauchten auf: Die Mutter erziehe ihr Kind zu einem Eigenbrötler. Der Streit wurde bald vor dem Familiengericht in Auerbach ausgetragen. Dort kamen auch der Richterin Zweifel, ob Timons Eltern in der Lage sind, ihr Kind zu erziehen. Sie leitete ein Verfahren ein, um prüfen zu lassen, ob das Wohl des Kindes gefährdet ist.

Ein Sachverständiger namens Thomas Schott aus Bayreuth begutachtete die „Erziehungsfähigkeit“ der Eltern. Sein Ergebnis war für Claudia Renneberg und ihren Sohn eine Katastrophe. Die Mutter würde ihr Kind „überbehüten“ und zeige ein „hilfloses Erziehungsverhalten“, was zu „massiven Verhaltensstörungen“ und zur psychischen Erkrankung bei Mutter und Sohn geführt habe. Schott empfahl dringend, Timon in eine Pflegefamilie zu geben.

„Posttraumatische Belastungsstörungen“

Das sind für Silvia Renneberg, die Großmutter des Jungen, „ungeheuerliche Unterstellungen“. Auch Annett Rosin, Timons Erzieherin im Kindergarten, spricht von einem „unauffälligen“ Jungen, der nie aggressiv aufgefallen sei. Dennoch ordnete das Familiengericht an, dass das Kind vom Jugendamt in Obhut zu nehmen und in eine Pflegefamilie zu geben sei. Zudem sollten sich Mutter und Kind in einer Klinik in Bayern behandeln lassen. Vor der Reise in diese Klinik ging Claudia Renneberg mit Timon auf eigenen Wunsch ins Krankenhaus Greiz, ließ sich und den Sohn drei Tage untersuchen, um eine zweite Meinung zu ihrer psychischen Erkrankung einzuholen. Die Mediziner in Greiz diagnostizieren ebenfalls Probleme in der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Vor allem der Mutter müsse geholfen werden. Ihr falle es schwer, loszulassen. Timon dagegen, so sagt Silvia Renneberg, hätten die Ärzte hohe Intelligenz und einen Entwicklungsvorsprung von sechs Monaten bescheinigt.

Der folgende Aufenthalt in der bayerischen Klinik verbesserte die Situation nicht. Die Klinik ist zwar auf psychische und psychosomatische Erkrankungen spezialisiert, aber Claudia Renneberg kam mit einem „Kurzentlassungsbrief“ zurück, der ihr nach sieben Wochen klinischer Behandlung noch immer „posttraumatische Belastungsstörungen“ und „kombinierte Belastungsstörungen“ bescheinigte. „Die Diagnose einer Praktikantin“ sei das, sagt Silvia Renneberg. Doch das Familiengericht fühlte sich in seiner Auffassung bestätigt, Timon zumindest vorübergehend bei Pflegeeltern unterzubringen. Am 12. April 2012, dem Tag nach ihrer Rückkehr aus Bayern, bestellte das Jugendamt Claudia Renneberg für neun Uhr ein. 9.10 Uhr standen zwei Mitarbeiter des Jugendamtes in der Reichenbacher Wiesenstraße vor Rennebergs Tür und verlangten von der Großmutter, sie solle Timon herausgeben. „Als ich das verweigerte, drohten sie mit der Polizei“, sagt die Großmutter. Sie spricht von „Willkür“ und erinnert sich: „Die Frauen vom Jugendamt hatten keinen Gerichtsbeschluss.“

Bis heute verzeiht sich die 62-Jährige nicht, dass sie sich nicht widersetzte, so wie der Kindergarten am Tag zuvor, der den Jungen ohne Gerichtsbeschluss nicht übergeben wollte. Seither kämpft die Familie um Timon, schreibt Briefe, wendet sich an die Medien, lässt Postkarten drucken und verschickt sie en masse an das zuständige Landratsamt, wo der Fall sogar zeitweilig Chefsache war.

Seit fast sechs Jahren beschäftigen die Rennebergs nun die Ämter im Vogtlandkreis. Zahlreiche Mitarbeiter hätten sich an dem Fall aufgerieben, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Alles Mögliche habe man versucht, sagt Gesundheits- und Sozialdezernent Uwe Drechsel, man habe sogar geprüft, ob das Kind bei den Großeltern bleiben könne. Aber alle Hilfsangebote seien an der mangelnden Einsicht der Mutter gescheitert. So habe man Timon in Obhut nehmen müssen. Diese Entscheidung des Familiengerichtes habe auch das Oberlandesgericht in Dresden bestätigt. „Die Rückkehr des Kindes in die Familie bleibt in jedem Fall das Ziel“, sagt Uwe Drechsel. Aber dazu sei eine lösungsorientierte Zusammenarbeit mit der Mutter notwendig.

Ob es dazu kommt, ist offen. Rennebergs glauben mittlerweile, dass sich Ämter und Justiz gegen sie verschworen haben. Erst recht, seit sie ein 46-seitiges Schreiben in der Hand halten, in dem massive Zweifel am Gutachten des Bayreuther Sachverständigen Thomas Schott geäußert werden – der wichtigsten Entscheidungsgrundlage in dem Fall. Werner Leitner, der Autor dieses Gegengutachtens, wirft dem Kollegen vor, für diesen Auftrag „nicht hinreichend“ qualifiziert gewesen zu sein und nicht die neueste Literatur verwendet zu haben. So sei es ihm „nicht gelungen, eine wissenschaftlich fundierte Expertise vorzulegen“. Schott bestätigt, dass er kein staatlich zugelassener Gutachter ist, spricht aber von „unsinnigen“, „substanzlosen“ Unterstellungen, die „eines Hochschullehrers unwürdig“ seien. Das Amtsgericht Auerbach verweist auf die richterliche Unabhängigkeit bei der Gutachterauswahl.

Doch das strittige Gutachten wäre sicherlich ohnehin Schnee von gestern, sollten Claudia Renneberg und Timon bald wieder auftauchen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre eine neue Begutachtung erforderlich, heißt es auch im Landratsamt. Zudem müsse sich die Mutter den Hilfsangeboten des Jugendamtes öffnen. Und da ist noch das Strafverfahren. Stellt sich Claudia Renneberg, so würde sie vorläufig festgenommen und am nächsten Tag dem Haftrichter vorgeführt, sagt der zuständige Staatsanwalt Thomas Walther in Plauen. Der Haftrichter könne den Haftbefehl aber außer Vollzug setzen, die Staatsanwaltschaft könnte beantragen, den Haftbefehl aufzuheben, wenn sie keine Fluchtgefahr mehr sieht. Das komme auf die Mutter an.

Bei den Rennebergs keimt wieder Hoffnung, seit sie von dem Brief an Anwalt Bartl wissen. „Eine größere Vorweihnachtsfreude kann uns gar nicht widerfahren“, sagt Silvia Renneberg, fügt aber auch hinzu: „Dennoch ist es für Claudia und Timon noch ein weiter Weg bis nach Hause.“