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Taxilos durch die Nacht

Zig Anrufe bei der Taxizentrale, aber keiner ging ran: Sechs Görlitzer liefen schließlich mitten in der Nacht fast zwei Stunden nach Hause.

© Archivfoto: Nikolai Schmidt

Von Susanne Sodan

Das war ein ungewöhnlicher Spaziergang, ein sehr langer. „Wir waren knapp zwei Stunden zu Fuß unterwegs“, erzählt Steffen Lehmann. Über sieben Kilometer durch Görlitz, mitten in der Nacht. Mitte Juni waren Steffen Lehmann, seine Freundin und vier Bekannte – zwei weitere Paare – auf einer Feier in Weinhübel. Gegen 1.30 Uhr brachen die Freunde auf. Für den Heimweg nach Königshufen wollten sie sich ein Taxi nehmen. Am Ende aber mussten sie sich auf ihre Füße verlassen.

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Steffen Lehmann hatte versucht, das Taxi über die Nummer der Görlitzer Taxizentrale zu bestellen. Am anderen Ende war aber immer nur das Freizeichen zu hören, schildert er, ran ging niemand. „Nach 15-maligem Versuch zu verschiedenen Zeiten haben wir aufgegeben“, so Steffen Lehmann, „unvorstellbar am Wochenende um diese Zeit.“ Die sechs Freunde mussten also schließlich laufen – von Weinhübel im Süden bis Königshufen im Norden der Stadt.

Womöglich war die Taxizentrale nicht mehr besetzt. An einem Sonnabend, gegen 1.30 Uhr, versuchte er, bei der Taxizentrale durchzukommen, so schildert Steffen Lehmann. Und bis 1.30 Uhr ist die Görlitzer Taxizentrale in den Nächten von Freitag auf Sonnabend besetzt, danach nicht mehr. So recht verstehen kann Andreas Gritzner, stellvertretender Chef der Taxiinnung Görlitz, den Fall dennoch nicht. Der nächtliche Betrieb läuft normalerweise so: Im Dienstplan steht, welche Unternehmen mit wie vielen Taxis im Einsatz sind, erklärt er. Die Fahrer müssen nicht an einem bestimmten Ort warten, sich aber bereithalten. Bei der Taxizentrale gehen die Aufträge ein, die per Funk an die Taxifahrer weitergegeben werden. In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag ist sie bis vier Uhr besetzt. Unter der Woche aber, von Montag- bis Donnerstagabend, ist die Taxizentrale nur bis 20.30 Uhr besetzt. Wer danach dort anruft – ob unter der Woche oder nach den besetzten Zeiten am Wochenende – kommt beim Bahnhofsvorplatz raus, einer der Görlitzer Taxistandorte. Allerdings, wenn alle Taxifahrer unterwegs sind, kann an der Telefonsäule dort niemand rangehen.

Das Problem war schon öfter Thema, auch in der SZ. Und auch Steffen Lehmann geht in seiner Schilderung darauf ein. Er sieht das System, „per Telefon ein eventuell am Bahnhof stehendes Taxi zu erreichen in Zeiten von Rufumleitung und allerlei weiteren technischen Errungenschaften als vorsintflutlich und unzumutbar für den Fahrgast.“ Ein Diensthandy für Rufumleitungen von der Taxizentrale oder der Telefonsäule am Bahnhof gibt es sogar. Theoretisch können die Taxifahrer selber damit die Kundenanrufe entgegennehmen. In der Praxis funktioniert das aber oft nicht so richtig, auch, weil es mit der Rufumleitung immer wieder technische Probleme gibt. „Wir haben das schon versucht mit der Telekom zu lösen“, sagt Andreas Gritzner. „Aber die haben den Fehler auch noch nicht gefunden.“

20 Taxiunternehmen hat Görlitz, mit insgesamt rund 35 Taxis. Früher, erzählt Andreas Gritzner, waren nachts deutlich mehr von ihnen unterwegs, gerade an den Wochenenden. Jetzt fahren nur noch die wenigsten Unternehmen nachts, „sie übernehmen quasi die Nachtschicht für uns alle.“ Meistens funktioniere es, manchmal am Wochenende komme es vor, dass Wartezeiten entstehen. Nachts mehr Taxis einzusetzen, sei aber finanziell nicht möglich, sagt Gritzner. Das Problem sieht er beim Mindestlohn. Gegen den hat er generell nichts einzuwenden, „die Fahrer sollen ordentlich bezahlt werden.“ In der Praxis sei es aber so, dass sich die Unternehmen keine großen Standzeiten mehr leisten können. „Auf gut Glück jemanden acht Stunden in der Nacht hinstellen, ist betriebswirtschaftlich nicht mehr möglich.“ Wer weiß, dass er nachts ein Taxi benötigt, sollte die Fahrt vorab anmelden, rät er. „Dann können wir uns darauf einstellen, dann ist ein Taxi vor Ort.“

Als sonderlich zeitgemäß sieht Steffen Lehmann diesen Vorschlag nicht gerade. „Hier wird der geneigte Taxinutzer in ein zeitliches Korsett gezwungen, was das Ende einer Feier betrifft, das im Vorfeld natürlich nicht abzusehen ist.“ Mit solchen Problemen habe er auch nicht gerechnet. Eine andere Möglichkeit ist es, Taxiunternehmen, die Nachtschichten machen, direkt anzurufen, dazu zählen die Unternehmen Hoffmann und Bauch. „Wir versuchen auch immer, Verbesserungen einzurichten und umzusetzen“, sagt Andreas Gritzner. Gerade geht es dabei um eine bessere Erreichbarkeit der Taxifahrer. Die Taxizentrale prüfe derzeit technische Systeme dafür.