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Bluetooth: Wenn das Radio ein Eigenleben entwickelt

Bluetooth kann Geräte drahtlos verbinden – aber auch für Schreckmomente sorgen, wie Christoph Büchner aus Zwickau erlebt hat.

Das bluetoothfähiges Radio eines sächsischen Rentners macht seit Kurzem seltsame Dinge.
Das bluetoothfähiges Radio eines sächsischen Rentners macht seit Kurzem seltsame Dinge. © Foto: 123rf (1), LG Electronics (1); Montage: SZ/B

Eigentlich war Christoph Büchner aus Zwickau ganz zufrieden mit seinem Radio. Sechs Jahre schon tut das Gerät der südkoreanischen Marke LG seinen Dienst im heimischen Wohnzimmer. Es steht direkt neben dem Sessel, in dem der Rentner beim Zeitunglesen sitzt. Meist läuft MDR Sachsen. „Normalerweise stelle ich auf Stufe zehn, also leise Zimmerlautstärke“, sagt der 76-Jährige. Nur bei störenden Nebengeräuschen drehe er etwas höher.

Vor einigen Monaten jedoch hat die Minianlage vom Typ CM2760 ein seltsames Eigenleben entwickelt. Obwohl per Fernbedienung deaktiviert, weckt sie immer wieder mal unerwartet aus dem Standby-Modus auf und fährt die Lautstärke auf den Maximalpegel von 25 hoch. „Es ist ohrenbetäubend laut“, klagt Büchner. Wenn er in der Nähe sei, schalte er das Gerät dann so schnell wie möglich ab. „Manchmal passiert das aber auch mitten in der Nacht. Da werden wohl alle Nachbarn in unserem Wohnblock wach.“

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Büchner hat eine Idee, woher das Problem rühren könnte. Laut Bedienungsanleitung lasse sich die Anlage über eine Bluetooth-Eingangsquelle automatisch einschalten, sagt er. Genau passiert manchmal. „Dann stoppt der Radiobetrieb, und es erscheinen nacheinander die Hinweise Bluetooth und Notebook auf dem Display.“ Dass diese Kopplung von seinem eigenen Computer initiiert wird, schließt Büchner aus. „Alle unsere bluetoothfähigen Geräte sind deaktiviert.“ Vermutlich komme der Befehl von einem Notebook aus einer Nachbarwohnung. Woher genau, habe er zunächst nicht herausbekommen.

Christoph Büchner ist Rentner und lebt in Zwickau.
Christoph Büchner ist Rentner und lebt in Zwickau. © privat

Bluetooth, zu Deutsch Blauzahn, ist ein Standard zur drahtlosen Datenübertragung, der in den vergangenen Jahren immer populärer geworden ist. Smartphones mit kabellosen Kopfhörern, MP3-Player mit Kfz-Infotainmentsystemen, Tablets mit Wearables – vieles wird heutzutage per Bluetooth gekoppelt. Über welche Entfernungen das in der Praxis funktioniert, lasse sich nicht ohne Weiteres sagen, sagt Blasius Kawalkowski vom Verbraucherportal Inside Digital. „Die Reichweite hängt von vielen Faktoren ab.“

Für eine Distanz von 200 Metern müssten Sender und Empfänger mindestens die Bluetooth-Version 5.0 beherrschen, nennt Kawalkowski ein Beispiel. „Außerdem ist diese Reichweite nur im Freien möglich. In Häusern und Wohnungen sind es aufgrund von Wänden und Decken nur noch etwa 40 Meter.“ Da die fragliche LG-Anlage seines Wissens nur Bluetooth 4.0 beherrscht, dürfte das ominöse Notebook kaum mehr als zehn Meter entfernt sein.

Statt bei allen infrage kommenden Nachbarn zu klingeln, hat Büchner zunächst den Kundendienst von LG kontaktiert. Von dort erhielt er einen eher hemdsärmeligen Tipp: „Sicher wäre nur, wenn ich die Anlage mittels deaktivierbarer Steckdosenleiste vom Netz nehme.“ Damit will sich Büchner aber nicht zufriedengeben. „Wer haftet denn, wenn ich das mal vergessen sollte und die Feuerwehr gerufen wird, um das Gerät außer Betrieb zu nehmen?“

Auslöser womöglich Unachtsamkeit

Was arg konstruiert klingt, habe sich so ähnlich schon ereignet, sagt Michael Klahre von der Dresdner Feuerwehr. Am 1. Mai kurz nach Mitternacht seien Kollegen zu einem Einsatz ausgerückt, bei dem sich das Piepsen eines vermeintlichen Rauchmelders als Weckeralarm entpuppte. Zur Kasse gebeten worden sei der Besitzer des Weckers nicht, sagt Klahre. „Die Hinweisgeber mussten von einer Gefahrensituation ausgehen und haben deshalb die Feuerwehr gerufen. Die Kosten für so einen Einsatz trägt im Rahmen der Daseinsfürsorge die Allgemeinheit.“ Auch die Angst vor einer zerstörten Wohnungstür kann der Feuerwehrsprecher zerstreuen. „Wir prüfen zunächst alternative Möglichkeiten wie angekippte oder geöffnete Fenster, bevor wir eine Wohnungstür öffnen. Dabei kommt spezielles Sperrwerkzeug zum Einsatz. Mit dem lassen sich Türen in der Regel ohne Beschädigungen öffnen.“

Als Auslöser der Krach-Attacken in Zwickau-Neuplanitz vermutet Blasius Kawalkowski von Inside Digital eine Unachtsamkeit. „Vermutlich hat Herr Büchner irgendwann mal ein fremdes Notebook bestätigt. Das verbindet sich nun jedes Mal automatisch, wenn der Nachbar sein Gerät aufklappt und anschaltet.“ Auch für die Lautstärke hat der Fachmann eine Erklärung parat: „Der Nachbar hört bei sich keinen Ton, da sein Gerät mit der LG-Anlage verbunden ist. Also erhöht er die Lautstärke an seinem Notebook, weil er annimmt, damit den Ton auf dem Laptop anheben zu können. Doch das hat nur zur Folge, dass er die Anlage auf volle Lautstärke dreht.“

Um die unerwünschte Verbindung zu lösen, gebe es mehrere Möglichkeiten, sagt Kawalkowski. Variante eins: „Herr Büchner sollte versuchen, die Anlage auf den Werkszustand zurückzusetzen. Damit dürften alle mit ihr verbundenen Bluetooth-Geräte aus der Verbindungsliste gelöscht werden.“ Alternativ lohne sich ein Blick in die Einstellungsoptionen. „Vielleicht kann er dort als verbunden angezeigte Geräte manuell trennen.“ Variante drei sei das Koppeln der Hi-Fi-Anlage mit einem eigenen bluetoothfähigen Gerät. „Dann wird das als primäre Steuerung anerkannt.“ Was wiederum die Verbindung zu dem ominösen Notebook kappen könnte. „Da mit der Anlage aber wohl mehrere Geräte gleichzeitig gekoppelt werden können, kann ich nicht sagen, ob das zum Erfolg führt“, gibt Kawalkowski zu bedenken.

Ein Streich von Jugendlichen?

Auf Nachfrage der SZ betont eine Sprecherin von LG, man setze alles daran, die Angelegenheit aufzuklären. Um zu verhindern, dass ein anderes Gerät die Anlage anschalten kann, könne auch der „Auto On“-Modus deaktiviert werden, erläutert ein Mitarbeiter des Produktmarketings. Dafür müsse der An-/Aus-Schalter rund fünf Sekunden lang gedrückt werden.

Christoph Büchner hat noch nicht alle Techniktipps befolgt, will sie aber zeitnah durchprobieren. Bis dahin behilft er sich mit der abschaltbaren Steckerleiste. Bei der Suche nach den Verursachern des plötzlichen Lärms sei er dagegen fündig geworden, glaubt der 76-Jährige. Seine Erkundigungen in der Nachbarschaft haben ergebe, dass sich Jugendliche einen Streich erlaubt und ihr Notebook mit seiner Anlage verbunden haben.

Die Bluetooth SIG bietet ein Tool an, dass die mögliche Entfernung zwischen zwei Bluetooth-Geräten schätzt, wenn man einige Daten vorgibt.

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