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Künstliche Intelligenz wird Fitness-Trainer

Nicht mehr nur am Handy daddeln, sondern in Bewegung kommen. Zwei Dresdner Ideen wollen Fitnessmuffeln Beine machen.

Springen statt Fingerübungen: Etienne Petermann und seine Mitstreiter vom Dresdner Start-up Evomo nutzen Handyspiele, um Anwender fit zu machen.
Springen statt Fingerübungen: Etienne Petermann und seine Mitstreiter vom Dresdner Start-up Evomo nutzen Handyspiele, um Anwender fit zu machen. © Sven Ellger

Liegestütze – eins, zwei, drei ... Rumpfbeuge – eins, zwei, drei ... Die meisten Menschen dürfte es während einer Sportübung wenig motivieren, dröge die Wiederholungen zu zählen. Das muss doch auch anders gehen, dachten sich die Gründer des Dresdner Start-ups Evomo vor ein paar Jahren. Seit einigen Monaten ist ihre App Moovya auf dem Markt. Mit Hilfe künstlicher Intelligenz und Spaß am Spielen soll sie den Fitnessmuffeln Beine machen. Es ist nicht die einzige Idee aus Dresden, die der Sportwelt mit Hilfe modernster Technologien neue Impulse geben will.

Hier zucken nicht bloß die Finger. Der leuchtende Ball auf dem Handydisplay fliegt durchs All. Hindernisse versperren ihm den Weg. Ducken, Springen, ein Schritt zur Seite: Wer die Kugel steuern will, muss keinen Button auf dem Display drücken. Es braucht den vollen Körpereinsatz, um voranzukommen und Punkte zu sammeln. „Wir wollen Menschen bewegen“, bringt Richard Schütze von Evomo das Ziel des Start-ups auf den Punkt. Damit das funktioniert, steckt ein eigens entwickelter und intelligenter Algorithmus in der App.

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Der Mensch als Vorturner

Zum Gründerteam gehören nicht nur Entwickler, sondern auch Sportwissenschaftler. Denn auch der Algorithmus musste erst einmal trainieren. „Mitgründer Etienne Petermann und ich sind beide Sportwissenschaftler“, erzählt Schütze weiter. „Wir haben Teilnehmer einiger von uns unterrichteten Sportgruppen gebeten, während der Übungen einen Brustgurt mit Sensoren zu tragen.“ Das war Datenfutter für den Algorithmus. Durch das Auswerten der Bewegungsmuster lernte dieser Schritt für Schritt, Liegestütz für Liegestütz, wie es aussieht, wenn Menschen Sport machen. Immer anders, ganz individuell.

Je mehr Daten vorliegen, desto besser wird die Künstliche Intelligenz darin, Übungen zu erkennen. Die Moovya-App nutzt nun die im Smartphone eingebauten Sensoren für das Erkennen von Beschleunigung und das Orientieren im Raum, um die gelernten Bewegungsabläufe voneinander zu unterscheiden. Aktuell gibt es drei Spiele in der App, um in Bewegung zu kommen. Eine große Herausforderung für die Entwickler ist dabei vor allem die Latenz, also die Verzögerung mit der Bewegungen in der Realität auf dem Bildschirm zu sehen sind. „Die muss natürlich sehr gering sein, damit der Spielspaß auch erhalten bleibt“, sagt Schütze.

HTW-Professor Markus Wacker und sein Team wollen mit ihren Entwicklungen vor allem in der Therapie helfen. Dafür erschaffen sie Bewegungen am Computer neu.
HTW-Professor Markus Wacker und sein Team wollen mit ihren Entwicklungen vor allem in der Therapie helfen. Dafür erschaffen sie Bewegungen am Computer neu. © Marion Doering

Auch Markus Wacker ist als Trainer unterwegs. Nicht im Fitnessstudio, sondern am Computer. Der Professor für Computergrafik an der HTW Dresden will ebenfalls Algorithmen fit machen. In einem ersten Projekt arbeitete er mit seinem Team vor einiger Zeit an einer neuen Therapiemöglichkeit für Parkinson-Patienten. Mit Hilfe kleiner Spiele sollten diese mobilisiert werden, indem sie beispielsweise den Arm heben müssen, um eine virtuelle Kokosnuss zu pflücken. Auch dafür lernte das System erst einmal durch Testpersonen und eine bildgestützte Messmethode, wie solch eine Bewegung korrekt aussehen muss.

„Am Ende haben wir festgestellt, dass der Algorithmus wirklich viele reale Personen sehen und analysieren muss, um für die Therapie falsche und richtige Bewegungen unterscheiden zu können“, erläutert Wacker. Nun arbeiten die HTW-Wissenschaftler an einem neuen Ansatz. Sie wollen am Computer Daten synthetisieren, also neu erschaffen – ohne dass sie ein Mensch erst vormachen muss. „Damit können wir dem Algorithmus auch Dinge trainieren, die Menschen nicht oder nicht mehr können.“ Der komplette Bewegungsraum wäre auf diese Weise abbildbar. All das soll später vor allem in der Therapie helfen.

KI zeigt Therapieerfolg

Bisher ist der Therapieerfolg von der Beurteilung des Arztes oder eines Physiotherapeuten abhängig. Später soll der Computer erkennen, ob Bewegungen korrekt ausgeführt werden oder ein Fortschritt beim Patienten erkenn- und messbar ist. „Die Leute könnten mit einer App auf ihrem Handy auch zu Hause trainieren“, erklärt der Professor. Ebenso wie die Evomo-Macher setzen die Forscher dabei auf einen spielerischen Ansatz, der Lust auf die Übungen macht.

Auch Richard Schütze sieht in modernen Fitness-Apps eine Möglichkeit, Menschen, die sich bisher wenig für Sport begeistern konnten, zu motivieren. „Eine unserer Kernzielgruppen sind außerdem Familien mit Kindern, die dadurch alle gemeinsam in Bewegung kommen können.“ Denn die App ermöglicht kleine Wettbewerbe mit anderen Spielern. Ziel sei eine moderne Trainings-Anwendung, die den neuen Algorithmus nutze. In bisherigen Entwicklungen anderer Anbieter auf dem Markt ginge es aktuell nur um Wiederholungen oder Zeitintervalle, in denen eine Übung ausgeführt wird. „Aus Trainersicht geht da natürlich noch viel mehr, um Menschen für den Sport zu gewinnen.“

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Aktuell gibt es Moovya erst einmal nur fürs iPhone. Wenn alles klappt, kommt in diesem Jahr noch die Android-Version hinzu. Die Evomo-Gründer könnten sich später auch eine Zusammenarbeit mit Krankenkassen vorstellen. Dann könnte die Künstliche Intelligenz helfen, noch mehr Menschen fit zu machen.

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