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Zocken bis zur Rente

Sechs von zehn Deutschen spielen Computer- und Videospiele. Wer denkt, die Begeisterung dafür lasse im Alter nach, liegt falsch. Ein 52-jähriger Sachse erzählt.

Gran Turismo Sport ist ein Heimspiel für Mario Freytag. Sein virtuelles Rennauto steuert er nicht per Controller, sondern mit Lenkrad und Pedalerie.
Gran Turismo Sport ist ein Heimspiel für Mario Freytag. Sein virtuelles Rennauto steuert er nicht per Controller, sondern mit Lenkrad und Pedalerie. © privat; Screenshot: SZ; Montage: SZ/Uwe Nitschke

Sein liebster Spielplatz ist immer noch die Grüne Hölle. Auf dem legendären Rennkurs durch die Eifel hat Mario Freytag schon einige Siege eingefahren. Berüchtigte Kurven wie den Ausgang der Fuchsröhre, Adenauer Forst oder den Schwalbenschwanz kennt er aus dem Effeff. Und das, obwohl er sich immer nur nach Feierabend hinter das Steuer seines Sportwagens setzt. „Ich könnte noch besser sein“, sagt der 52-Jährige. „Wenn ich jeden Tag drei Stunden trainieren würde.“

Training, das heißt für den Mann mit der runden Hornbrille und dem Stoppelbart, daheim die Playstation 4 anzuschalten, Gran Turismo Sport zu starten und als Rennstrecke den Nürburgring anzuklicken. Um möglichst viel Rennflair zu schaffen, hat sich Freytag ein Simulator-Cockpit mit blauem Schalensitz, Sportlenkrad und Pedalerie zugelegt. Ein riesiger Flachbildschirm an der gegenüberliegenden Wand zeigt die Perspektive, die er vom Steuer eines realen Sportwagens aus hätte. „Autofahren ist eine Passion von mir“, erklärt der gelernte Krankenpfleger.

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Millionen seiner Landleute geht es ähnlich. Laut einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK zockten 2020 sechs von zehn Deutschen im Alter von 6 bis 69 Jahren per Spielkonsole, Computer oder Smartphone. Ältere seien stark vertreten, sagt Felix Falk vom Verband der deutschen Games-Branche, in dessen Auftrag die Analyse entstanden ist. Demnach stellt die Generation der 50- bis 59-Jährigen mit 17 Prozent die größte Gruppe. Gemeinsam mit den 60- bis 69-Jährigen machen die „Silver Gamer“ mittlerweile ein Drittel der gesamten Spielerschaft aus, so Falk. Tendenz: weiter steigend. Was allerdings nicht nur der Corona-Isolation, sondern auch der Demografie geschuldet sein dürfte.

Mario Freytag stammt aus Ostsachsen und lebt seit vielen Jahren in der Schweiz. Dort arbeitet er als Milieutherapeut. In seiner Freizeit spielt er am liebsten Gran Turismo Sport.
Mario Freytag stammt aus Ostsachsen und lebt seit vielen Jahren in der Schweiz. Dort arbeitet er als Milieutherapeut. In seiner Freizeit spielt er am liebsten Gran Turismo Sport. © privat

"Als tauche man in eine andere Welt"

Mario Freytag ist einst durch einen Namensvetter mit knallroter Schirmmütze, Schnauzbart und Latzhose ins Universum der Videospiele gelockt worden. „Kurz nach der Wende habe ich mir eine NES mit Super Mario zugelegt“, erinnert er sich. Das Spiel zog ihn in seinen Bann. „Es war, als tauche man in eine andere Welt ein.“

Auf Nintendo folgte in den 1990er-Jahren eine Playstation mit Kampfspielen wie Tekken und der Rennsimulation Gran Turismo. Seit den Nuller-Jahren spielt Freytag gern Ego-Shooter wie Call of Duty oder Battlefield. Auf die Frage, was ihm dieser Zeitvertreib bringt, antwortet er ohne Umschweife: „Entlastung vom Alltag.“ 2007 sei er mit seiner Familie in die Schweiz umgezogen, dort arbeite er als Milieutherapeut in einer forensischen Einrichtung. Ein in vielerlei Hinsicht fordernder Job. Irgendein Ausgleich sei wichtig, sagt Freytag. „Ein Kollege von mir geht nach Feierabend auf die Alm. Ich spiele.“

An Gleichgesinnten, die sich online mit ihm messen und parallel dazu per Headset plaudern wollen, mangelt es fast nie. Doch das vernetzte Daddeln hat auch unbestreitbare Nachteile. Mit Pech gerät man ständig an jugendliche Dauerzocker, die viel mehr Zeit mit ihrer Lieblingsbeschäftigung verbringen und deshalb kaum noch zu schlagen sind. Deren Trainingspensum schaffe er beim besten Willen nicht, erklärt Freytag. „Letztlich fehlt mir auch die Motivation dafür.“

Als Ausweg aus diesem Dilemma bieten sich Gaming-Plattformen speziell für Ältere an. Die weltweit erste und bislang einzige Community ihrer Art, Senior eSports (SeS), ist 2019 in Zürich gegründet worden. Heute vernetzen sich dort mehr als 3.100 Nutzer aus Deutschland, der Schweiz und Österreich. Mitglieder müssten mindestens 35 Jahre alt sein, sagt Christian Denk, der bei SeS für den deutschen Markt zuständig ist. Am häufigsten träfen sich Nutzer, um die Fußballsimulation Fifa, Call of Duty oder Fortnite zu spielen.

E-Sport-Ligen für Senioren

„Wenn alle ungefähr auf demselben Niveau spielen, macht es mehr Laune“, lobt Mario Freytag das Konzept. Trotzdem tritt er in seiner Paradedisziplin Gran Turismo Sport auch gegen die „jungen Wilden“ an. Dafür hat er sich zusätzlich beim Online Racing Club (ORC), einer Plattform für Rennsimulationen, registrieren lassen. Im Ligabetrieb nimmt er an bis zu drei Rennen pro Woche teil. „Das sind jedes Mal 90 Minuten richtig Arbeit“, sagt Freytag. „Da schwitze ich, und danach tun mir die Arme, Hände und Füße weh.“ Einige seiner besten Fahrten hat er aufgezeichnet und auf sein Youtube-Konto hochgeladen.

So viel Ernsthaftigkeit nötigt selbst den Spätgeborenen Respekt ab. Im Netz werden manche Väter und Großväter regelrecht gefeiert dafür. Wie kürzlich der 88-jährige Klaus-Jürgen Langner aus Berlin-Spandau: Weil der Ruheständler mit dem Einstieg ins Rollenspiel „The Elder Scrolls V: Skyrim“ nicht zurechtkam, druckte er einen Hilferuf auf 100 Plakate und hängte sie in seiner Nachbarschaft auf. Das Inserat „Wer hat Erfahrung mit der Playstation 4?“ samt Altersangabe des Verfassers wurde kurz darauf abfotografiert und in sozialen Medien geteilt. Spiegel online veröffentlichte sogar ein Porträt über Langner.

Im Kopf jung geblieben

Protagonisten des 2015 gegründeten Youtube-Kanals „Senioren Zocken“ müssen manchmal sogar für Selfies posieren, wenn sie in der Öffentlichkeit erkannt werden. Ihr Erfolgsgeheimnis: Digitale Spätstarter lassen sich beim Ausprobieren neuer Videospiele filmen. Jeden Sonnabend lädt das von zwei Profis unterstützte Team einen unterhaltsamen Clip hoch. Die Zugriffszahlen sprechen für sich: In den vergangenen fünf Jahren hat „Senioren Zocken“ mehr als 64 Millionen Zugriffe und 744.000 Abos generiert.

„Wir sind im Kopf jung geblieben“, sagt Mario Freytag über sich und seinesgleichen. Mit dem Klischee von den bleichen Stubenhockern könne er nichts anfangen. „Früher habe ich Breakdance gemacht und aktiv Volleyball gespielt.“ An die frische Luft gehe er immer noch oft genug. Schon allein deshalb, weil er weiß, was sein Körper braucht. 2020 hat er eine schwere Operation am Herzen überstanden, seitdem liegen dort vier Bypässe. „Man ist nicht unsterblich“, lautet sein lakonisches Fazit. Aufs Spielen will er nicht verzichten.

Einmal Konsole, immer Konsole – auch bei der Wahl ihrer Plattform bleiben sich viele Gamer der ersten Stunde über die Jahre treu. Doch es gebe auch genug Nutzer, die ihre Heimkonsole irgendwann gegen einen leistungsfähigen PC eintauschen, sagt Felix Falk vom Verband der deutschen Games-Branche. Letztlich sei die Plattform zweitrangig. „Spaß muss es machen.“

Die Grüne Hölle

Für Freytag wäre der Kauf einer Playstation 5 der nächste logische Schritt. Klar, die wolle er sich eines Tages zulegen, sagt er. Aber der Umstieg eile nicht. Denn die 2022 erscheinende Neuauflage von Gran Turismo Sport wird aller Voraussicht nach auch auf dem aktuellen Modell laufen. Mit anderen Techniktrends wie Virtual Reality fremdelt er dagegen – aus nachvollziehbaren Gründen. „Mir wird schlecht, wenn ich beim Spielen so eine Brille trage.“

Seine Frau versteht bis heute nicht so richtig, was ihn am Zocken reizt. „Sie freut sich aber, wenn ich ihr berichte, dass ich bei einem Rennen vom achten auf den zweiten Rang vorgefahren bin.“

Glaubt man der Statistik von Senior eSports, sind die Herren stark überrepräsentiert, wenn es um ambitioniertes Zocken oder die Teilnahme an E-Sport-Turnieren geht. Der Frauenanteil auf der Plattform liege unter 15 Prozent, sagt Christian Denk. Ein ganz anderes Bild ergibt sich durch die Zahlen der repräsentativen GfK-Umfrage, die auch Gelegenheitsspieler erfasst. Quer über alle Altersgruppen hinweg lag das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Zockern zuletzt bei 48 zu 52.

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Auch seine Tochter, inzwischen erwachsen und berufstätig, spiele gelegentlich ganz gern, sagt Mario Freytag. „Sie mag Rollenspiele wie Final Fantasy.“ Letztlich liege auch für ihn die Faszination darin, in beliebige Rollen zu schlüpfen. „In diesem Leben werde ich kein richtiger Rennfahrer mehr. Auch kein Supersoldat, der mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springt und sich den Weg freischießt.“

Im Spiel jedoch, da ist all das möglich. Auch das Siegerpodest nach anderthalb Stunden in der Grünen Hölle.

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