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Kollege Roboter spielt Schach

Die Modellfabrik der HTW Dresden zeigt die Zukunft. Das sehen einige kritisch. Ein kühler Stratege hilft.

In der neunten Etage der HTW Dresden steht seit drei Jahren eine moderne Fabrik im Mini-Format. Dort zeigen Dirk Reichelt (r.) und sein Team, wie die digitalisierte Industrie der Zukunft funktioniert.
In der neunten Etage der HTW Dresden steht seit drei Jahren eine moderne Fabrik im Mini-Format. Dort zeigen Dirk Reichelt (r.) und sein Team, wie die digitalisierte Industrie der Zukunft funktioniert. © HTW Dresden/Peter Sebb

Souverän bleiben, den Gegner nervös machen. Nur keine Angst zeigen. Wer Schach spielt, dem hilft solch ein Verhalten weiter. Außer er spielt gegen Yumi. Dem sind solche menschlichen Winkelzüge vollkommen schnuppe. Er berechnet kühl, ohne Emotionen, und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Mit stoischer Gelassenheit greift er nach der schwarzen Spielfigur auf dem Brett. Kurzes Innehalten, dann setzt er sie auf ein freies Feld. Schachmatt. Der Mann, der ihm gegenübersitzt, ärgert sich über die Niederlage. Yumi reißt die Arme in die Höhe – aber er freut sich nicht wirklich. Es sind lediglich einstudierte Gefühle, programmierte Reaktionen. Denn Yumi ist ein Roboter. „Er gewinnt aber längst nicht jede Partie“, erklärt Dirk Reichelt, Professor für Informationsmanagement an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden. Ein Schach-Superhirn soll Yumi allerdings auch gar nicht sein. Seine Mission ist eine andere. Er soll Menschen die Angst vor dem nehmen, was kommt – vor KI, Künstlicher Intelligenz.

Yumi ist in der neunten Etage des Hauptgebäudes der HTW Dresden zu Hause. Dort steht die Zukunft. Vor über drei Jahren begannen hier Dirk Reichelt und sein Team damit, eine Modellfabrik aufzubauen. In dem ehemaligen großen Lehrkabinett unter dem Dach der Hochschule nahm das „Industrial Internet of Things Test Bed“ im Sommer 2017 seine Arbeit auf. In der modernen und modular aufgebauten Prozesslinie kommunizieren die Maschinen untereinander und mit dem Menschen. Vollautomatisch bearbeiten sie Werkstücke und zeigen, was in der Industrie 4.0, in der digitalisierten Industrie der Zukunft, möglich ist und möglich sein wird. Wenn Yumi nicht Schach spielt, bearbeitet er zusammen mit seinen Roboter-Kollegen präzise die Werkstücke. Eine rollende Maschine bringt dafür Material aus dem Lager, ein Roboter versieht es mit zwei Sicherungen. Stück für Stück entsteht eine Leiterplatte – ohne dass der Mensch eingreifen muss.

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Viele Unternehmen zögern bei KI

Die Ambitionen vor drei Jahren waren groß. Unternehmen, so wünschten es sich die Modellfabrik-Verantwortlichen damals, sollten sich vor Ort über die Möglichkeiten der digitalisierten Produktion informieren. Denn längst nicht alle Firmen beschäftigen sich bereits mit dem Thema. „Zu uns kommen jährlich rund 1.000 Besucher, um sich die Modellfabrik anzuschauen“, sagt Reichelt. Im aktuellen Corona-Jahr sei es zwar etwas weniger gewesen, weil natürlich geltende Hygieneregelungen eingehalten werden mussten. „Aber wir spüren trotzdem ein großes Interesse.“ Gerade kleine und mittelständische Unternehmen nutzen die Chance für einen Rundgang.

Eine Umfrage des Dresdner Institutsteils Entwicklung Adaptiver Systeme EAS des Fraunhofer-Instituts für integrierte Schaltungen IIS schaute vor gut einem Jahr genauer auf das Thema Künstliche Intelligenz. Die Experten befragten dafür sächsische Unternehmen. Im Mittelpunkt stand die Frage, inwieweit die angesprochenen Firmen bereits KI in ihren Prozessen nutzten. Lediglich 80 Unternehmen gaben dabei Ende 2019 an, schon mit KI zu arbeiten. Allerdings befanden sich diese vor allem in den Großstädten Dresden, Leipzig und Chemnitz. In den Regionen rundherum sah es laut der Ergebnisse deutlich anders aus. Viele sind noch zögerlich.

Matthias Lütkemeier von Essel setzt beim Verpacken auf KI.
Matthias Lütkemeier von Essel setzt beim Verpacken auf KI. © PR/Essel Deutschland GmbH

Dass solche Entwicklungen manchem Angst machen, weiß Dirk Reichelt. Kritische Fragen hat er schon oft gestellt bekommen. Wird der Mensch in der Industrie bald überflüssig? „Ich glaube nicht, dass Roboter dem Menschen Arbeit wegnehmen werden, vielmehr werden sie uns Arbeit abnehmen.“ Den Fachkräftemangel würden viele Firmen bereits deutlich spüren. Für Matthias Lütkemeier ist es vor allem wichtig, der Belegschaft die Skepsis zu nehmen. „Automation ist die Zukunft“, sagt er. Damit das gelinge, brauche es in Firmen Menschen, die für das Thema brennen.

Yumi spielt indessen weiter Schach. Eine Partie gegen ihn ist bei den Besuchergruppen in der Modellfabrik immer wieder der Renner, sagt Dirk Reichelt. Wenn Yumi verliert, ist er nicht traurig. „Und unsere Gäste lernen – so eine Maschine kann auch verlieren.“

Problem mit Tuben gelöst

Matthias Lütkemeier wollte nicht warten. Der Geschäftsführer beim Dresdner Tuben-Hersteller Essel Deutschland GmbH interessiert sich schon länger für das Thema KI. Er schaute sich bereits vor einiger Zeit die HTW-Modellfabrik an. „Es war spannend zu sehen, was mit moderner Technologie heute schon alles möglich ist“, erinnert er sich. Sein Unternehmen ist technisch bereits gut aufgestellt, erklärt er. Trotzdem wollte Lütkemeier gern Neues ausprobieren. Denn er hatte ein Problem.

Beim Verpacken der fertigen Tuben kam es zu Schwierigkeiten, wenn die dafür vorgesehenen Kartons falsch in die Maschine eingelegt wurden. Die HTW-Wissenschaftler ließen sich etwas einfallen. Heute hat eine Kamera das Verpacken im Blick. Ein Computer kontrolliert anhand der eingehenden Bilder, ob die Versandkartons korrekt eingelegt werden, damit die Tuben auch fehlerfrei verpackt sind. KI kann es.

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