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Technische Unis fürchten Entwertung

Reformen könnten zu einem Qualitätsverlust bei Doktorarbeiten in den Ingenieurfächern führen,warnen Rektoren.

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Von Sven Siebert, Berlin

Die großen Technischen Universitäten Deutschlands sorgen sich um ihre Sonderstellung im In- und Ausland. Horst Hippler, Karlsruher Universitätsrektor und Präsident des Verbandes der neun größten Technischen Universitäten, TU9, forderte gestern Wissenschaftsministerin Annette Schavan (CDU) auf, sich auf europäischer Ebene gegen eine „Verschulung“ der Promotionen an den TUs einzusetzen.

Nach Hipplers Darstellung streben vor allem südeuropäische Länder eine Reform des Verfahrens zur Erlangung des Doktortitels an Technischen Hochschulen an. Danach soll es den Promotionsstudenten vorgeschrieben werden, neben ihrer Forschungsarbeit weiter Vorlesungen zu besuchen. „Der hohe Wert der deutschen Ingenieurs-Promotion steht auf dem Spiel“, sagte Hippler gestern in Berlin. Und damit auch ein Garant für die deutsche Wirtschaftskraft. „Das wäre eine wirkliche Katastrophe.

Industrie verliert Interesse

Hippler sagte, es drohe der Rückzug der Industrie aus den Promotionen von Ingenieuren. Anders als in den anderen europäischen Ländern würden in Deutschland sehr viele Ingenieure in Wirtschaftsbetrieben forschen und parallel an einer Technischen Universität promoviert. „Wenn die Doktoranden immer wieder zu Lehrveranstaltungen verschwinden, verliert dieser Bereich an Attraktivität für die Industrie“, sagte der TU9-Präsident.

Hipplers Stellvertreter, der Dresdner TU-Rektor Hermann Kokenge, erläuterte, in Deutschland würden sich Ingenieure durch eine Promotion für eine Forschungstätigkeit in der privaten Wirtschaft qualifizieren. Im Ausland sei die Erlangung des Doktortitels in den Ingenieurfächern hingegen eine Vorbereitung auf eine akademische Karriere. Durch eine Vereinheitlichung der Promotionsverfahren in den europäischen Ländern drohe ein Verlust der besonderen deutschen Ansprüche an die Ingenieursausbildung, sagte Kokenge.

Der Präsident der Leibniz-Universität Hannover, Erich Barke, warnte vor einer Abwertung der TUs auf nationaler Ebene. Immer weiter verschwimme der Unterschied zwischen den Technischen Universitäten und den Fachhochschulen im Bereich der Ingenieurswissenschaften. Die Fachhochschulen böten in Deutschland traditionell eine „gute, praxisnahe Ausbildung in relativ kurzer Zeit“, so Barke. An den Universitäten werde hingegen mehr Wert auf die theoretischen und methodischen Grundlagen, vor allem aber auf die Forschung gelegt.

In jüngerer Vergangenheit würden indes immer mehr FHs zu Universitäten aufgewertet oder schlicht umbenannt, FHs beanspruchten für sich das Recht, Studenten zu promovieren. Dies sei aber weder im Interesse der Industrie, die die Absolventen schlechter unterscheiden könne, noch im Interesse der Abiturienten, die sich für ein TU- oder FH-Studium entscheiden müssten. Barke plädierte daher für eine „Rückbesinnung“ auf das ursprüngliche Modell der Ingenieursausbildung.