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Tempo-Fritz hat sich auf den Weg gemacht

© SZ / Marion Gröning

Mit seinem skurrilen Imbiss wurde er bekannt. Doch der war nur eine seiner Facetten. Das Dresdner Original ist jetzt im Alter von 71 Jahren gestorben.

Anna Hoben

Wann ist ein Mann ein Original? Der Tod von Tempo-Fritz war Gesprächsthema am Freitag im Dresdner Haus der Presse. Die einen trauerten um das „Original“, die anderen bezweifelten diesen Status. Nicht jeder hat ihn gekannt, aber eben doch sehr viele. Anderthalb Jahrzehnte lang stand Tempo-Fritz, der mit bürgerlichem Namen Fritz Skarbovski hieß, mit seinem Imbissstand auf dem Neumarkt vor dem Verkehrsmuseum. Aus einem umgebauten dreirädrigen Tempo-Mobil heraus – so kam er zu seinem Spitznamen – verkaufte der Mann mit der Nickelbrille und dem Rauschebart Würstchen und Kaffee. Zuletzt verschlechterte sich der Zustand seines schwachen Herzens. Seit Jahren lebte er mit einem Bypass. Am Dienstag ist er im Alter von 71 Jahren gestorben.

Fritz Skarbovskis präsentiert er 2003 seine Sammlung von Tempo-Dreirädern. © Konrad Hirsch

Fritz Skarbovskis wurde 1944 in Dresden geboren. Seine Mutter stammte aus dem lettischen Riga, und Zeit seines Lebens war er Osteuropa und seinen Kulturen leidenschaftlich zugetan. Er konnte fließend russisch, polnisch und ein wenig lettisch. „Er war sehr sprachbegabt“, erinnert sich der Filmemacher Konrad Hirsch, der heute in München lebt. Der Sohn des Dresdner Regisseurs und Filmschätzebewahrers Ernst Hirsch hat seine halbe Kindheit bei der Familie von Tempo-Fritz verbracht. „Die Skarbovskis’ waren unsere Nachbarn in Niederpoyritz. Auf ihrem Hof hatten sie sich eine Idylle geschaffen, mit einer Töpferei und mit Tieren, dort ging es für DDR-Verhältnisse sehr frei zu“, sagt Hirsch. „Fritz hat uns immer angeregt, tolle Dinge zu tun. Wir haben viel zusammen unternommen. Er hat mich geprägt.“

In den 70er-Jahren arbeitete Fritz Skarbovskis für das Kulturamt von Dresden. „Er hat sich mit Liebe und viel Hingabe um die Städtepartnerschaft mit Wroclaw gekümmert“, so Hirsch. Doch er war kein Mitglied der Partei, und die Ostbürokratie habe ihm nicht behagt. Also entschied er, sich etwas zurückzuziehen und noch einmal etwas ganz anderes zu machen: eine Ausbildung zum Töpfer. „Zusammen mit seiner Frau Edith hat er wunderbare Keramik hergestellt, die heute noch bei vielen Dresdnern in den Regalen stehen.“ Edith, seine zweite Frau, die er Mitte der 70er-Jahre heiratete, starb Ende 2012 nach kurzer, schwerer Krankheit. Er habe ihren Tod nur schwer verkraftet, sagt Konrad Hirsch.

Fünf Kinder hatte Skarbovskis mit seinem „angetrauten Weib“ großgezogen, so nannte er seine Frau Edith zärtlich. Nach der Wende war Keramik keine Mangelware mehr. Skarbovskis probierte Verschiedenes aus, bis ihm die Idee mit dem Imbiss kam. Seine Frau half ihm dabei.

Fünf der knallroten Fahrzeuge hatte er sich zugelegt mit dem Plan, mehrere Imbiss-Standorte in Dresden aufzubauen. Die dreirädrigen Lieferwagen dieser Art wurden einst in Hamburg gefertigt. Skarbovskis’ Exemplare waren jedoch keine Oldtimer; es handelte sich um Modelle, die später in Indien produziert wurden. 1999 stand Skarbovskis zum ersten Mal mit seinem Imbiss auf dem Neumarkt, passenderweise direkt vor dem Verkehrsmuseum. Damals ahnte er nicht, was das kleine Rote ihm noch einbrocken würde. Schnell wurde er beliebt bei Dresdnern und Touristen. Neun Jahre stand er auf dem Platz, kochte Kaffee, brutzelte Würstchen und hielt Schwätzchen mit jedermann.

Dann, im Sommer 2008, flatterte ihm ein Brief ins Haus: die Kündigung des Liegenschaftsamtes. Sein Gefährt passe nicht mehr ins Konzept des Neumarktes. Große Empörung war die Folge. Nur drei Wochen war Tempo-Fritz vom Platz verbannt, dann hob die Stadtverwaltung den Beschluss wieder auf. Die Angelegenheit war im Rathaus zur Chefsache von Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) erklärt worden. Es ist eine hübsche Geschichte, der Sieg des kleinen Mannes über das große System.

Am Ende hatte auch die Landeshauptstadt etwas davon. 2009 schickte Orosz den Tempo-Fritz auf Werbetour in Dresdens Partnerstadt Hamburg. Dafür baute er mit seinem Team nach altem Vorbild einen Verkaufswagen, der in den Dresden-Farben Gelb und Schwarz lackiert wurde. Doch 2010 brachte der Imbiss Skarbovskis nochmals Ärger ein, diesmal sogar vor Gericht. Es ging um die Müllentsorgung.

Zu seinem Ziehsohn Konrad Hirsch hat Skabovskis bis zuletzt eine enge Bindung gehabt. „Wir haben einige Reisen zusammen unternommen, nach Paris, Israel und Riga.“ Für den Dokumentarfilm „Tempo-Stories“ drehte Hirsch in Dresden, Hamburg und Indien, wo die Tempo-Mobile noch bis 2000 produziert wurden.

Tempo-Fritz war ein Genießer, der es eher herzhaft als süß mochte. Nur den Appetit auf Bratwurst habe er verloren, erzählte er 2011, als er für eine SZ-Serie den Inhalt seines Kühlschrankes präsentierte.

Wann ist ein Mann ein Original? Dass Tempo-Fritz eines war, dafür spricht einiges. Was er den Dresdnern bedeutete, zeigt ein Nachruf-Gedicht, das der Nutzer Steffen Wünsch am Freitag bei SZ-online postete: „Leer bleibt der Platz, den du einst fülltest. In Dresdens schönstem Spätbarock. Manchem du den Hunger stilltest. Unvergessen! Jetzt der Schock. Hast dich grad eben aufgemacht, still unterwegs ins Himmelreich. Ruhe in Frieden und ruhe sacht! Bette dich in Wolken weich.“