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„Terror-Tunnel“ gesprengt

Israel sprengt am Gazastreifen einen Angriffstunnel, etliche militante Palästinenser werden getötet. Nach dem folgenschwersten Vorfall seit mehr als drei Jahren wird nun neue Gewalt befürchtet.

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© dpa

Sara Lemel und Saud Abu Ramadan

Gaza/Tel Aviv. Israel hat einen Angriffstunnel am Rande des Gazastreifens zerstört und dabei mindestens sieben militante Palästinenser getötet. Der Einsatz mit den meisten Toten seit dem Gaza-Krieg 2014 nährte die Furcht vor einer neuen Eskalation der Gewalt. 17 Menschen wurden nach Angaben der örtlichen Rettungskräfte verletzt, als die Armee den unterirdischen Gang am Montag von der israelischen Seite der Grenze aus sprengte.

Eine israelische Militärsprecherin sagte am Dienstag, der Tod der militanten Palästinenser sei unbeabsichtigt gewesen. Ziel des Einsatzes sei lediglich gewesen, den unterirdischen „Terror-Tunnel“ zu zerstören. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte: „Wir wollen Frieden mit allen unseren Nachbarn, aber wir werden keinerlei Angriffe auf unser Hoheitsgebiet tolerieren.“

Nach Angaben aus Gaza handelte es sich um einen unterirdischen Gang der militanten Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad. Unter den Toten waren auch ranghohe Kommandeure des Dschihad und der im Gazastreifen herrschenden Hamas. Der Islamische Dschihad kündigte Rache an.

Auch Hamas-Chef Ismail Hanija kündigte am Dienstag bei einem Begräbnis „Blut für Blut und Zerstörung für Zerstörung“ an. Unmittelbar sei jedoch die richtige Reaktion auf den tödlichen Angriff Israels, den Versöhnungsprozess der Palästinenser rasch voranzutreiben, erklärte Hanija.

Israels Angriff sei „zu einem sehr brisanten Zeitpunkt“ erfolgt, sagte der israelische Militärexperte Amos Harel und verwies auf den schwierigen Versöhnungsprozess zwischen Hamas und Fatah sowie wachsende Spannungen zwischen Hamas und noch militanteren Salafistengruppierungen im Gazastreifen. „Ich denke, dies wird noch Folgen haben, es gibt zwar keine sofortige Eskalation, aber es wird noch ein paar Tage dauern, bis man sehen kann, wohin dies führt.“ Hamas und Ägypten bemühten sich um eine Beruhigung der Lage. „Ihre höchste Priorität sind momentan die Versöhnung und die Öffnung der Grenze nach Ägypten - nicht Vergeltung.“

Im Zuge der innerpalästinensischen Versöhnung begann am Dienstag die Übergabe der Verantwortung an den Grenzübergängen des Gazastreifens. Als ersten Schritt übernahmen Vertreter der Bank of Palestine an den Übergängen Rafah zu Ägypten und Kerem Schalom nach Israel die finanzielle Zuständigkeit von der Hamas.

Die Bank of Palestine vertritt dabei die Palästinenserbehörde von Präsident Mahmud Abbas. Sie solle künftig anstelle der Hamas Zentren zur Erhebung von Steuern und Gebühren betreiben, sagte Hischam Odwan, Sprecher der Grenzbehörde im Gazastreifen.

Die beiden größten Palästinenserorganisationen Fatah und Hamas hatten am 12. Oktober in Kairo ein Versöhnungsabkommen vereinbart. Ziel ist eine einheitliche Herrschaft im Gazastreifen und im Westjordanland. Die bisher nur das Westjordanland kontrollierende palästinensische Regierung von Abbas soll spätestens bis zum 1. Dezember die vollständige Verwaltung des Gazastreifens übernehmen.

Die Hamas hatte 2006 bei Parlamentswahlen gesiegt und ein Jahr später die alleinige Kontrolle des Gazastreifens übernommen. Seitdem gab es de facto zwei getrennte Regierungen und keine neuen Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen mehr. Nach zehn Jahren der Gaza-Blockade durch Israel und teilweise auch Ägypten, auf Druck von Abbas und angesichts katastrophaler Zustände im Gazastreifen bekundete die Hamas zuletzt ihre Bereitschaft zum Einlenken.

Am Mittwoch soll auch die administrative Kontrolle von insgesamt fünf Grenzübergängen des Gazastreifens an die Palästinenserbehörde übergehen. Die Übergabe der Sicherheitskontrolle könnte sich jedoch noch verzögern. Die Palästinenser hoffen danach auf eine dauerhafte Öffnung des Grenzübergangs Rafah nach Ägypten. (dpa)