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Terroreinsatz im Weihnachtsland

Ausgerechnet zum Schwibbogenfest, dem touristischen Höhepunkt des Advents im erzgebirgischen Johanngeorgenstadt. Wo sonst der Glühwein dampft, schneebedeckte Tannenbäume um die Wette strahlen und alljährlich...

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Von Ulrich Wolf

Ausgerechnet zum Schwibbogenfest, dem touristischen Höhepunkt des Advents im erzgebirgischen Johanngeorgenstadt. Wo sonst der Glühwein dampft, schneebedeckte Tannenbäume um die Wette strahlen und alljährlich die „Geburt“ des ersten Schwibbogens von 1740 gefeiert wird – ausgerechnet dort hat ein Sondereinsatzkommando des Landeskriminalamtes Sachsen am frühen Sonntagmorgen der besinnlichen Zeit die Besinnung genommen.

Die Polizisten stürmten die Wohnung von Matthias D. in der Christian-Gottlieb-Wild-Straße im Johanngeorgenstädter Ortsteil Neustadt, überwältigten den 36-Jährigen und nahmen ihn fest. Heute früh soll er einem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe vorgeführt werden. Die Bundesanwaltschaft wirft dem für die Posttochter DHL tätigen Fernfahrer vor, die rechtsterroristische Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) unterstützt zu haben. Er soll Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe ermöglicht haben, ein Leben unter falscher Identität zu führen und unentdeckt Terroranschläge durchzuführen. Der NSU soll zwischen 1999 und 2007 zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und 14Banküberfälle begangen haben.

Die Mutter ist fassungslos

„Am Sonnabend war er noch auf dem Weihnachtsmarkt“, sagt die Mutter von Matthias D. der SZ. „Er wollte am Sonntag noch zum Essen kommen.“ Stattdessen habe um neun Uhr früh sein Anwalt angerufen und sie gebeten, für Matthias „ein paar Sachen“ aus der Wohnung zu holen. Dessen Schlafzimmer in dem langen Mietshaus an der Gottlieb-Wild-Straße bezeichnete sie als „Trümmerhaufen“. Das Fenster sei zerbrochen gewesen, Glassplitter und mit Blut befleckte Tupfer hätten im und neben dem Bett gelegen. Sein Laptop sei wohl mitgenommen worden. „Das Gelumpe vom Hitler und so im Wohnzimmer“ habe aber niemand angetastet. Sie könne das alles nicht verstehen, sagt die Mutter – und bekommt einen Heulanfall.

Vermieter von zwei Wohnungen

Matthias D., der in Johanngeorgenstadt auf die Grund- und Mittelschule ging und anschließend eine Lehre beim ortsansässigen Fleischer absolvierte, ist der vierte mutmaßliche NSU-Helfer, den die Polizei seit Anfang November festgenommen hat. Er soll nach Angaben des Generalbundesanwalts die Ziele der NSU „und die rechtsextremistische Einstellung seiner Mitglieder geteilt haben“. Die Verbrechen der Zwickauer Zelle soll er „zumindest billigend in Kauf genommen haben“. Konkret werfen ihm die Ermittler vor, dem Nazi-Trio zwei von ihm gemietete Wohnungen in Zwickau dauerhaft überlassen zu haben – eine erste Wohnung vom Mai 2001 an, dann vom Juni 2003 an eine Vierzimmer-Wohnung in der Polenzstraße in der Innenstadt und schließlich von März 2008 an jene Wohnung im gutbürgerlichen Stadtteil Weißenborn, die vor gut einem Monat in die Luft geflogen war. Die beiden letzten Wohnungen überließ er zur Untermiete dem NSU-Mitglied Uwe Böhnhardt, der dabei jedoch einen Tarnnamen benutzte.

Matthias D.‘s Anwalt Jörg-Klaus Baumgart aus Potsdam sagte dem „Spiegel“, D. habe über die wahre Identität seiner Untermieter „zu keinem Zeitpunkt etwas gewusst“. Vielmehr sei der Johanngeorgenstädter „getäuscht“ worden. Das Bundeskriminalamt indes glaubt das nicht. Für die Behörde ist der Sachse ein wichtiger Helfer des Terror-Trios gewesen.

Zumindest dass er bis ins Erwachsenenalter hinein Kontakte in die rechte Szene hatte, ist in Johanngeorgenstadt hinlänglich bekannt. Der bis zu 900 Meter hoch gelegene Ort, in dem der Uranbergbau der Wismut tiefe Narben im Stadtbild und in der Natur hinterließ, verlor nach der Wende nahezu alle produzierenden Betriebe. Lehrstellen wurden selten, heranwachsende Jugendliche von orientierungslos gewordenen Eltern suchten Halt in Cliquen: Die waren entweder links oder rechts – was dazwischen existierte kaum. Noch bis Ende 2000 kam es zu Schlägereien und Überfällen. Sogar Brandsätze flogen. Wann immer es möglich war, spielten Lokalpolitiker und Behörden die Vorkommnisse herunter oder schwiegen sie gar tot.

Sammelbecken „Brigade Ost“

Die beiden größten rechten Cliquen jener Zeit aus den Ortsteilen Neustadt und Mittelstadt trafen sich entweder an einer Bushaltestelle oder an einem Komplex aus zwölf Garagen. Gleich auf der ersten Garage ist der Schriftzug „Brigade Ost“ gepinselt. Es ist vor allem diese Clique, auf deren frühere Mitglieder die Ermittler jetzt immer wieder stoßen. Matthias D., den man damals „Dieni“ nannte, besuchte die Garage der „Brigade Ost“ häufig, sogar noch mit Anfang 20. Später, so heißt es in der Stadt, sei er nach München gezogen. Dort soll die NSU 2001 und 2005 zwei Ausländer umgebracht haben. Kenner der früheren „Brigade Ost“ berichten, zu der Clique habe auch „Seif“ gehört; er sei rumgerannt wie Himmler. Der brutalste unter ihnen, „Maggi“, sei irgendwann nach Baden-Württemberg abgetaucht. Ferner zählt Andre E. dazu, den die Polizei am 24.November auf einem Gehöft im brandenburgischen Grabow festnahm, das seinem Zwillingsbruder Maik gehört. Auch der gehörte einst zur Johanngeorgenstädter „Brigade Ost“.

Eine Friseurin im Fokus

Nach Angaben des „Spiegels“ beschuldigt die Generalstaatsanwaltschaft mittlerweile auch Mandy S., dem Zwickauer Terror-Trio geholfen zu haben. Der Frau, die zuletzt in einem Salon der Friseurkette „Charmant“ in Schwarzenberg arbeitete, wird ebenfalls nachgesagt, zum Kern der „Brigade Ost“ gehört zu haben. Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes ist sie die Ex-Freundin eines inzwischen in Dresden lebenden Steinmetzes, der nach eigenen Angaben Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe zumindest zwischen Februar und Juli 1998 in seiner ehemaligen Wohnung in Chemnitz wohnen ließ.

Unklar ist, ob die heutige Bleibe von Mandy S. zu jenen drei Wohnungen gehörte, die die Polizei über die Festnahme von Matthias D. hinaus am gestrigen Sonntag durchsuchte. Fest steht nur, dass die Razzien allesamt im Erzgebirgskreis über die Bühne gingen.

Mit Matthias D. und Andre E. sind nun zwei Mitdreißiger aus Johanngeorgenstadt inhaftiert. Zudem wurden der frühere Jenaer NPD-Funktionär Ralf Wohlleben und Holger G. in Lauenau bei Hannover festgenommen. Als weitere Beschuldigte kommen bislang die Schwarzenbergerin Mandy S. und der Dresdner Max B. hinzu.