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Teuer ist nicht das Blattgold

Die Elbsporthalle war für den Andrang beim 40. Radebeuler Grafikmarkt fast zu klein.

© Norbert Millauer

Von Beate Erler

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Radebeul. Für Karin Baum ist es der letzte Grafikmarkt, zumindest als Organisatorin. Im nächsten Jahr wird sie trotzdem dabei sein und auch wieder irgendwie zum Team gehören. Dann will sie den Stand der Meißner Kunst- und Literaturzeitschrift „Das Zündblättchen“ unterstützen. Am Sonntag in der Elbsporthalle in Kötzschenbroda ist sie noch einmal die Frau für alles: Das Toilettenpapier ist alle und einige Besucher haben sich schon beschwert. Also muss schnellstens der Generalschlüssel her. Hat das Künstlercafé noch genug schwarzen Heißen, und sind die Mitarbeiter alle verpflegt? Dann müssen noch Fotos gemacht, Gespräche mit Künstlern geführt werden und so weiter.

Bereits am Sonntagmittag ist der 40. Radebeuler Grafikmarkt brechend voll. Nach vier Jahrzehnten ist er eine feste Institution für Kunst- und Kulturinteressierte geworden, auf der nicht nur gekauft, sondern auch mit den Künstlern gesprochen werden kann. Die Studenten der Hochschule für Bildende Künste packen noch vorsichtig ihre Drucke aus, an anderen Ständen wird schon angeregt diskutiert, die Besucher stöbern in den Auslagen und vor allem die Kalender scheinen kurz vor Jahresende gut zu gehen.

Das Besondere am Radebeuler Grafikmarkt ist, sagt die Leiterin der Stadtgalerie, dass es ein Kunstmarkt für jedermann sei. Es gibt Kalender mit Scherenschnittmotiven für 10 Euro, Postkarten für 1 Euro und Bilder zwischen 80 und 1 000 Euro. Der Dresdner Grafikmarkt zum Beispiel sei im Gegensatz dazu mehr etwas für Kenner und Sammler. Die Künstler würden sich hier sehr wohl fühlen, weil die Besucher mit ihnen ins Gespräch kommen und etwas über ihre Arbeit erfahren wollen. Das sei eine große Motivation für sie, sagt Karin Baum.

Über 100 Künstler stehen diesmal mit ihrer Auswahl an Grafiken, Collagen, Zeichnungen, Aquarellen, Fotografien, Kalendern und Plakaten hinter ihren Ständen. Wo fängt man da an? Karin Baum empfiehlt den Stand von Christiane Latendorf, einer Malerin und Grafikerin aus Dresden, die heute aber mit ihren Scherenschnitten nach Radebeul gekommen ist. Die zeigen meist kindlich-naive und farbenfrohe Tiermotive, die sie alle irgendwo in Dresden gesehen hat. Auch an ihrem Stand kann man sie als Postkarte, gedruckt im Kalender oder etwas preisintensiver im Bilderrahmen kaufen.

Mit dem Scherenschnitt beschäftigt sie sich schon ihr ganzes Leben. Als Zweijährige, erinnert sie sich, hat sie die grüne Badezimmertapete ihrer Eltern mit einer Schere vollgeritzt. „Zur Strafe durfte ich kein Sandmännchen gucken“, sagt sie und lacht. Mit vier Jahren hat sie dann ihren ersten Scherenschnitt angefertigt. Bereits zum zehnten Mal ist sie auf dem Grafikmarkt dabei. Für sie und ihre Künstlerkollegen ist der Markt eine große Chance.

So sieht es auch Antje Krohn aus Dresden. Sie hat ihren Stand mit Siebdruckgrafik ganz am Ende des Mittelganges. Seit acht Jahren kommt sie zum Grafikmarkt: „Es gibt sonst wenige Möglichkeiten für Künstler sich zu präsentieren“, sagt sie. Hier kann sie Kollegen treffen und mit neuer Kundschaft ins Gespräch kommen. Gerade auch für die Künstler aus kleineren Orten wie Coswig, Moritzburg und Weinböhla ist der Grafikmarkt ein Anlaufpunkt, sagt Karin Baum. Hier können sie sich einem größeren Publikum zeigen.

Einzige Voraussetzung ist, dass es Arbeiten auf Papier sind. „Jemand mit Ölmalerei kann hier nicht ausstellen“, sagt Karin Baum. Die Künstler müssen sich bewerben und sie müssen ins Konzept des Grafikmarktes passen. Es gibt aber auch Sonderstände, wo die Besucher bei Schauvorführungen den Künstlern über die Schulter blicken können. So wie beim Buchbinder Andreas Kruschel aus Radebeul. Er zeigt einer jungen Besucherin, wie ein Bilderrahmen vergoldet wird.

Und räumt auch gleich mit einem Irrglauben auf. Das Teure an so einem Rahmen ist nicht das Blattgold, sondern die Arbeitszeit für die Vorbereitung. Der Rahmen muss vorher viermal grundiert, geschliffen und mit gemahlener Tonerde bepinselt werden. Dann tupft er dem Mädchen etwas Blattgold auf den Finger. Ganz nach dem Motto des Radebeuler Grafikmarktes: echter Kontakt zwischen Besucher und Künstler.