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Teure Schülertickets

Eltern sollen für die Beförderung ihrer Kinder für ein Jahr im Voraus bezahlen. Jetzt regt sich Widerstand.

Von Jürgen Müller

Ausgerechnet im Ferienmonat Juli ist bei Familie Grille aus Oberjahna Schmalhans Küchenmeister, wird das Geld knapp. Dann sollen die Grilles für die Schülerbeförderung ihrer 14 und 16 Jahre alten Kinder mit einem Schlag fast 500 Euro im Voraus bezahlen. Es ist der Elternanteil für den Schülerverkehr. Der wurde bisher immer monatlich abgebucht. Nach einem Kreistagsbeschluss ist das Geld aber jetzt im Voraus fällig. Das überfordert nicht nur die Eltern aus Oberjahna, deren Kinder die Triebischtalschule beziehungsweise die Pestalozzi-Schule in Meißen besuchen.

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"Was hast du zu essen mit, Mama?"
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Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, ertönt lautstark diese Frage. Denn so schön das Wandern ist, ohne Picknick ist der Spaß nur halb so groß.

Grund für die Änderung ist nach Worten von Michael Tomeit, im Landratsamt Meißen zuständig für die Schülerbeförderung, die schlechte Zahlungsmoral vieler Eltern. „Entweder ist das Konto nicht gedeckt oder die Lastschriften werden zurückgebucht“, sagt er. Von gut 5 000 Eltern, die diese Leistung in Anspruch nähmen, seien rund zehn Prozent mindestens mit Zahlungsrückständen von einem Vierteljahr in der Kreide. Familie Grille gehört ausdrücklich nicht dazu. „Bei uns hat das mit dem Abbuchen immer geklappt. Jetzt werden wir für diejenigen, die nicht oder verspätet zahlen, mit bestraft“, sagt Mara Grille.

Am generellen Problem der schlechten Zahlungsmoral einiger Eltern wird die neue Regelung nichts ändern, das weiß auch Michael Tomeit. Wenn die monatliche Lastschrift nicht gedeckt ist, dann ist es die jährliche gleich gar nicht. „Der Vollstreckungsaufwand ist aber der Gleiche, egal, ob wir das Geld für einen Monat oder ein Jahr eintreiben müssen“, sagt er. Der Landkreis spart durch die neue Regelung also Geld.

Wer den Jahresbeitrag nicht auf einmal zahlen wolle, für den gebe es Alternativen, so Tomeit. So könnten sich die Eltern beispielsweise monatlich die ermäßigte Zeitkarte beim Verkehrsverbund bestellen und bekämen diese bequem nach Hause geschickt. Doch die Sache hat einen Haken, sagt Mara Grille. Während sonst nur für elf Monate Schülerbeförderung bezahlt werden muss, weil ein Monat Ferien pauschal abgezogen wird, muss ein Abo für das ganze Jahr bezahlt werden. Es wird also teurer, selbst wenn in diesem Preis das Sommer-Ferien-Ticket enthalten ist. Dieses Ticket, mit dem alle öffentlichen Verkehrsmittel in den Sommerferien kostenlos genutzt werden können, nützt den Schülern auf dem flachen Land allerdings herzlich wenig, weil es dort kaum öffentlichen Personennahverkehr gibt, räumt auch Michael Tomeit ein. Für Mara Grille ist das keine Alternative. „Der Kreistag hat über die Köpfe der Eltern hinweg entschieden. Kinderfreundlichkeit ist etwas anderes“, findet sie. Da ist sie nicht die Einzige. Geändert hatte der Kreis die entsprechende Satzung erst im Dezember 2013. Erst vor einigen Wochen wurden den Eltern die neuen Zahlungsmodalitäten mitgeteilt. Bis 15. Juli dieses Jahres muss aber schon an den Landkreis gezahlt werden.

In den vergangenen Wochen gingen beim Landkreis zahlreiche Beschwerden von Eltern wegen der neuen Zahlungsweise ein. Es liegt inzwischen auch eine Petition vor, in der gefordert wird, zur monatlichen Zahlweise zurückzukehren. Über diese Petition wird der Technische Ausschuss des Meißner Kreistages als zuständiger Petitionsausschuss Anfang Juni entscheiden.

Der Kreiselternrat hat mit Empörung auf die Entscheidung des Kreistages reagiert. „Wir hätten uns gewünscht, dass der Landkreis uns als die Elternvertreter des Landkreises, in die Pläne mit einbezogen beziehungsweise vorneweg informiert hätte. Dieses Verhalten signalisiert uns, dass Elternarbeit in unserem Landkreis nicht gewürdigt und ernst genommen wird“, heißt es in einem Schreiben. Die Unzufriedenheit der Eltern zeige, dass die Sachlage so wie es jetzt ist, nicht akzeptabel sei und auch von den Eltern nicht angenommen werde. Viele Eltern würden deshalb über eine private Schülerbeförderung nachdenken.

Mit den knapp 240 Euro, die der Landkreis Meißen den Eltern jährlich für die Schülerbeförderung pro Kind abverlangt, liegt er in Sachsen mit an der Spitze. Dagegen verlangen beispielsweise die Kreise Mittelsachsen, Zwickau und Erzgebirgskreis nach mehreren Erhöhungen zwischen 110 und 145 Euro pro Schuljahr, der Landkreis Leipzig 100 bis 120 und der Kreis Bautzen 96 bis 204 Euro. Nur der Vogtlandkreis verzichtet auf sein Recht, entsprechende Beiträge zu erheben und trägt die Gesamtkosten von derzeit etwa sechs Millionen Euro im Jahr allein.