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Tharandt: Der von den Bäumen spricht

Forstprofessor Andreas Roloff verabschiedet sich in Kürze vom Uni-Lehrbetrieb. Als führender Experte ist er weiter sehr gefragt.

Nichts mit Lehnstuhl. Auch für die Zeit nach dem Lehrstuhl hat der Forstbotanik-Professor und Direktor des Forstbotanischen Gartens, Andreas Roloff, Pläne und Visionen.
Nichts mit Lehnstuhl. Auch für die Zeit nach dem Lehrstuhl hat der Forstbotanik-Professor und Direktor des Forstbotanischen Gartens, Andreas Roloff, Pläne und Visionen. © Daniel Schäfer

Von Christine Gruler

Wer in diesen Tagen im Forstbotanischen Garten nach Ausgleich und Schönheit sucht, bleibt pandemiebedingt vor verschlossenen Toren zurück. Noch geschlossen sind vor einigen Tagen auch die Blüten des Schneeglöckchenbaums, dem Frühjahrs-Highlight im historischen Teil der Anlage. Er ist ein aus Nordamerika stammender Champion Tree, dickster seiner Art in Deutschland. Zehntausende Blüten öffnen sich verlässlich um den 15. Mai herum, sagt der Mann, dem sich das Datum in doppelter Hinsicht eingeprägt hat.

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Prof. Dr. Andreas Roloff ist derzeit noch Direktor des Forstbotanischen Gartens. Er ist einer der führenden Baumkenner Deutschlands und steht dem traditionsreichen und unter seiner Ägide trotz finanzschwachen Zeiten verdoppelten Sächsischen Landesarboretum seit 1994 vor – noch, so muss man sagen. Der 15. Mai ist auch sein Geburtstag. Und gleichwohl es in diesem Jahr kein runder ist, so bedeutet er doch den Eintritt in ein Lebensjahr, das in mancher Hinsicht neu für ihn sein wird: Bereits im April endete sein regulärer Dienst als Leiter der Professur für Forstbotanik und bis seine Nachfolge geklärt ist, behält Roloff im aktuellen Semester alle Funktionen inne - auch die als Direktor des Gartens.

Legendäre Jahresbaum-Vorlesung in Tharandt

Es wird aber, so viel ist sicher, das letzte Semester sein, in der er seine am Forstwissenschaftlichen Institut äußerst beliebten Vorlesungen zur Dendrologie hält, der Lehre von den Bäumen und Gehölzen. Nur im Sommersemester werden alle Studierenden der Forstwissenschaften und der Landschaftsarchitektur in diesem Pflichtmodul in die wichtigsten Baumarten eingeführt. Das, sagt Roloff-Mitarbeiterin Britt Kniesel, war und ist gerade noch immer eine Wohltat: Schöne, in aller Welt gemachte Fotos von riesigen und uralten Bäumen. Tolle Performance.

Die promovierte Forstwissenschaftlerin ist eine von 15 wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen in Roloffs Team, und ihren Verbleib in der Forstbotanik führt sie auf den Funken zurück, der bei den Vorlesungen auf sie übergesprungen sei. Sein Herzblut stecke Roloff dabei vor allem in die Veranstaltung über den Baum des Jahres. Sie gilt als geradezu legendär, ja sagenumwoben. Da werden Instrumente aus dem Holz des jeweiligen Baumes von ihm selbst oder nach seiner Weisung gefertigt, das Spiel darauf geprobt - und schließlich auch die passende Garderobe gewählt.

Zur Präsentation des Dudelsacks aus Elsbeere etwa sei er im Schottenrock erschienen, behaupten Ehemalige. Was nicht ganz richtig ist, lacht Roloff. In Wahrheit war der Rock eine karierte Hose.

Forstbotanischer Garten wartet auf Öffnung

Zurück zum Forstbotanischen Garten: Bevor es wieder soweit ist, dass viele Besucher durch den 17 ha großen Garten strömen, wird noch einige Zeit vergehen. Zeit, die das achtköpfige Team um Kustos Ulrich Pietzarka braucht, um in Ruhe zu säen, zu pflanzen und auch um so manchen Baumriesen zu fällen, dem die Trockenheit und Dürre der letzten Jahre zugesetzt haben. Denn schließlich ist die Klimakrise auch hier in Tharandt Gegenwart. Bei aller Trauer um Verluste können sich dennoch alle der Zuversicht ihres scheidenden Direktors anschließen. Roloff hat im März gerade erst ein Buch zum Thema Trockenstress bei Bäumen herausgebracht, an dem sich das ganze Institut beteiligt hat und das die jahrzehntelange Suche nach Ursachen, nach Strategien und einer möglichen Anpassung in einem optimistischen Ausblick zusammenfasst: „Es wird immer deutlicher, dass überall und ohne Ende was nachwächst.“ Die optimistisch stimmenden Schlagworte lauten Seltene Baumarten und Naturverjüngung. Sie werden Roloff auch im Ruhestand in diversen Projekten auslasten.

Nichts da mit Lehnstuhl. Seit letztem Jahr ist Roloff Mitglied des Zukunftsbeirats des Sächsischen Umweltministeriums. Im November wurde er in die AG Wald- und Holzforschung der Bundesministerien für Ernährung und Landwirtschaft sowie Bildung und Forschung berufen. Mittlerweile vergeht kaum ein Tag, an dem der Trockenstress-Experte nicht zu Rate gezogen würde.

Professor benennt Bäume als nationales Erbe

Und schließlich ist da noch ein ganz anderes Projekt, das groß werden will: Sechs Nationalerbe-Bäume haben der Professor und sein Team bereits auserkoren. Sie zeichnen sich aus durch Schönheit, durch Alter, durch außergewöhnliches Wachstum und sind quer durch die Republik verteilt. Ganze 100 sollen es werden. Da bleibt viel zu tun für den gebürtigen Bremer, der eigentlich zunächst Psychologie studierte, bevor er von der Seele zum Baum kam und jetzt beides erfolgreich verbindet.

Die Magie seiner aus Leidenschaft und Wissen, aus Selbstironie und einer Prise Verrücktheit gewürzten Vermittlungsgabe wird sich zwar aus dem Uni-Lehrbetrieb verabschieden. Sie wird aber die, mit denen Roloff über Bäume und ihre Zukunft spricht bleibend infizieren.

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