Merken

Thyssen-Krupp räumt mit Milliarden-Altlasten auf

Essen. Großreinemachen bei Thyssen-Krupp: Knapp ein Jahr nach seinem Amtsantritt hat Konzernchef Heinrich Hiesinger am Freitag bei der vorgezogenen Präsentation des Jahresabschlusses milliardenschwere Altlasten offengelegt und damit zum Befreiungsschlag ausgeholt.

Teilen
Folgen

Von Erik Nebel und Uta Knapp

Essen. Großreinemachen bei Thyssen-Krupp: Knapp ein Jahr nach seinem Amtsantritt hat Konzernchef Heinrich Hiesinger am Freitag bei der vorgezogenen Präsentation des Jahresabschlusses milliardenschwere Altlasten offengelegt und damit zum Befreiungsschlag ausgeholt. Ohne Rücksicht auf Verluste schrieb er fast drei Milliarden Euro auf die Problemgeschäftsfelder Edelstahl und die neuen Stahlwerke in Amerika ab. „Wenn wir Dinge sehen, die angepackt werden müssen, dann machen wir das, um unser Unternehmen nach vorn zu bringen“, sagt Hiesinger. Vor solch klaren Worten hatte der Konzern bislang zurückgeschreckt und viele Probleme kleingeredet.

Der frühere Siemens-Manager macht deutlich, dass er sich von seinem Vorgänger Ekkehard Schulz emanzipiert. Der hatte den Bau der Stahlwerke in Brasilien und den USA gegen alle Widerstände und Probleme vorangetrieben. Schon die Baukosten waren aus dem Ruder gelaufen. Je nach Berechnung waren es zuletzt rund zehn Milliarden Euro. Vor allem in Brasilien lief es von Anfang an schief.

Neues Werk im Sumpf gebaut

Das Unternehmen hatte die Baubedingungen in einem Sumpfgebiet unterschätzt. Fehler wurden aber auch bei der Vergabe von Aufträgen gemacht. So sollte anstelle einer Konzerntochter eine chinesische Billigfirma die Kokerei aufbauen. Diese lieferte aber so fehlerhafte Arbeit ab, dass schließlich doch die Thyssen-Krupp-Tochter Uhde die Kokerei fertigstellen musste. Es kam immer wieder zu Verzögerungen, die auch den Anlauf des Werkes bremsen und die Kalkulationen zunichte machen.

Nun kommen noch die Turbulenzen am Finanzmarkt hinzu. Der brasilianische Real hat deutlich an Wert zugelegt – das belastet Thyssen-Krupp. Und die Wirtschaft in Europa und den USA, die beiden Zielmärkte für den Stahl aus Brasilien, schwächelt. Das spürt ein Stahlunternehmen zuerst. All das führt zu gigantischen Verlusten.

Das Geschäftsjahr 2010/2011 (30. September) schloss Thyssen-Krupp unterm Strich mit einem Minus von fast 1,8 Milliarden Euro ab. Für das seit Anfang Oktober laufende Geschäftsjahr 2011/2012 wagt der Konzernchef derzeit noch keine Prognose. Völlig unklar ist zudem, wann die Problemgeschäfte bei Steel Americas endlich schwarze Zahlen schreiben werden.

Kritiker sehen sich nun bestätigt. Vor allem bei Arbeitnehmervertretern wächst der Unmut über die Probleme bei den neuen Stahlwerken. Sie hatten sich in der Vergangenheit immer wieder kritisch zu den Projekten geäußert.

Mit Aufzügen gegen die Krise

Besonders verheerend war nach Ansicht vieler Beobachter, dass der Konzern mit seinen 180000 Beschäftigten wegen der gigantischen Ausgaben für die neuen Stahlwerke an anderer Stelle sparen musste – nämlich im Technikbereich. Kritiker werfen dem alten Vorstand vor, manche Bereiche von der Weltspitze geradezu weggespart zu haben. Das will Hiesinger ändern. Thyssen-Krupp soll künftig von den globalen Trends Demografie, Urbanisierung und Globalisierung stärker profitieren. Deshalb verschiebt er die Gewichte im Konzern. Das zeigen etwa fünf kleinere Übernahmen der Aufzugssparte in den vergangenen Monaten.

Aber Hiesinger sind auch die Hände gebunden. Milliardenschulden begrenzen seinen Spielraum. Deshalb will er sich von rund einem Viertel des bisherigen Geschäfts trennen. Dickster Brocken ist dabei die Edelstahlsparte mit 11000 Mitarbeitern. Dafür nimmt er auch noch einmal Abschreibungen von rund 800 Millionen Euro auf den Wert der zum Verkauf stehenden Sparte in Kauf. (dpa)