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Tier-Aktivisten rufen zum Protest auf

© dpa

Die Dresdner Gruppe „Tierfabriken-Widerstand“ fordert Dobraer zum Demonstrieren auf – die staunen.

Von Birgit Ulbricht

Dobra. Sie wollen wachrütteln und handfesten Widerstand anzetteln. Daraus macht Sandra Franz keinen Hehl. Die Dresdnerin ist Aktivistin der Gruppe „Tierfabriken-Widerstand“, die gezielt gegen Tieranlagen vorgeht, die erweitert oder neu gebaut werden sollen. Dafür recherchiert die Gruppe sukzessive bei Genehmigungsbehörden, wer welchen Antrag gestellt hat.

Andreas Richter, Stall-Anlagenleiter in Dobra. © Klaus-Dieter Brühl

„So sind wir auch auf Dobra gekommen“, erzählt Sandra Franz. Für etwa sieben Millionen Euro will die Agrargenossenschaft neue Ställe, Güllebehälter und eine Siloanlage bauen und ihren Bestand an Milchkühen von 800 auf 1300 erhöhen. Um Platz für die Tiere zu schaffen, werden zwei alte Ställe abgerissen und an gleicher Stelle ein Neuer gebaut, der allen Anforderungen an die tiergerechte Haltung genügt. Darüber hinaus ist die Errichtung von einem Jungrinder- und einem Kälberstall geplant; die jeweils 1000 Tiere beherbergen.

Die Agrargenossenschaft will vor allem die Haltung von männlichen Rindern ausbauen, die dann als Schlachtvieh verkauft werden können. Das Kerngeschäft aber soll die Milchproduktion bleiben.

Damit passen die „Industriebauern“ genau in den Fokus der Dresdner Tierschutz-Aktivisten. „Wir wollen Widerstand initiieren, Bürgerinitiativen helfen, sich zu formieren und unterstützen“, beschreibt Sandra Franz klar die Ziele der Städter.

Und sie sagt gegenüber der SZ warum: „Die auf maximale Milchleistung getrimmten Kühe müssen, um Milch zu geben, jährlich ein Kalb zur Welt bringen. Diese extreme Belastung und die Zucht auf eine unnatürlich hohe Milchleistung mergeln den Körper der Tiere so sehr aus, dass sie bereits im Alter von fünf Jahren geschlachtet werden – bei einer natürlichen Lebenserwartung von gut 20 Jahren.“

Dazu kommen die Haltungsbedingungen – so leben noch 70 Prozent der Milchkühe in engen Laufställen, die im Laufbereich mit Spaltenböden ausgelegt sind. Die Liegebereiche sind häufig mit Gummimatten, selten mit Einstreu ausgestattet. Eine Kuh hat Anspruch auf 3,5 bis vier Quadratmeter Lauffläche im Stall. Der Dobraer Stall-Anlagenleiter Andreas Richter schüttelt da nur den Kopf. „Es gibt keinen Landwirt, der sagt, ich begrab meine Kuh nach 20 Jahren“, sagt er und beschreibt mit einem Satz, was Landwirtschaft ist – ein Unternehmen – mit Bank-Krediten, die zu bedienen sind und Liefer-Verträgen mit Kunden. „Auch das mit der Zwangsbesamung ist falsch, das klingt ja schon martialisch.“ In der Natur würden die Kühe genauso wieder tragend, wenn alles zusammenpasst. „Wir haben doch selber das größte Interesse daran, dass es unseren Tieren gutgeht“, erklärt er.

In Tiergesundheit, genetische Auswahl und moderne Haltung hat der Betrieb in den letzten Jahren Millionen investiert. Die Leistungszeit liegt deshalb für Dobraer Milchkühe in den modernen, großzügigeren Ställen mit sechs Jahren deutlich über dem Sachsen-Durchschnitt. „Ich würde auch nicht sagen, dass kleine oder große Betriebe automatisch artgerechter oder ökologischer sind – das kommt wirklich auf die Haltung an“, weiß der Tierwirt. Klein gleich tiergerecht und groß gleich Industrie – dieses Bild stimme nicht. Andreas Richter ist sich bewusst, dass es nur ein romantisches Bild wäre, wenn riesige Kuhherden morgens aus den Ställen auf die Weiden ziehen und abends wieder heim gen Stall. „Das würde unsere Kühe gesundheitlich gar nicht vertragen, und wir sind hier nicht in Neuseeland – wo soll denn das viele Weideland dazu auf einmal herkommen? Im Ort schüttelt man über solchen „Unsinn aus der Stadt“, wie es eine ältere Frau formuliert, die grad angeradelt kommt, nur den Kopf. „Die spinnen doch, da möchte ich mal wissen, was die abends essen!“, schimpft sie und fährt weiter in Richtung Tauscha.

Tatsächlich ist die Frage der Tierhaltung der Punkt, an dem jeder bei diesem Thema unweigerlich landet. Die Aktivisten vom Tierfabriken-Widerstand beantworten sie ihrerseits immerhin konsequent. Wie sie sich die Tierhaltung dann vorstellen würden, fragte die SZ. „Gar keine Tierhaltung“, antwortet Sandra Franz. „Es gibt auch so genug zu essen.“