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Tiere wie Abfall behandelt

2016 musste die Pfötchenhilfe viele ausgesetzte Katzen aufnehmen. Auch Bob vom Großenhainer Dach lebt noch dort.

© Klaus Dieter Brühl

Goßenhain. Jana hatte in dieser Nacht nun wirklich nichts mehr zu verlieren. Die Katze mit den traurigen Augen wollte endlich selbst über ihr Leben entscheiden und nahm deshalb Ende vergangener Woche verzweifelt ihr Schicksal in die eigenen Pfoten. Tags zuvor schnöde in der Pfötchenhilfe Priestewitz abgegeben, schien das gut ein Jahr alte Tier nur auf ihre Chance gewartet zu haben.

Als sich die Dunkelheit über Böhla-Bahnhof gelegt hatte und es endlich still im Haus ihrer neuen Menschen geworden war, tat Jana das, was sie tatsächlich gut kann: Das weiß-graue Tier nahm Anlauf und öffnete mit einem kräftigen Satz die Klinke des Zimmers, in welchem sie und ihre zehn felligen Gefährten untergebracht sind. „Es war wie im Film. Gegen zwei Uhr wurden wir wach vom Fauchen unserer eigenen Katzen und sahen plötzlich, wie durch unsere Privaträume miauende Pflegetiere liefen“, erinnert sich Manja Baumgartner und lacht.

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Den Fluchtversuch von Jana und Co hat die engagierte Tierschützerin sichtlich mit Humor genommen. Ganz im Gegensatz zum Hergang der Umstände, welche die potenzielle Ausreißerin zu ihr geführt haben. „Unter fadenscheinigen Angaben“ sei die Katze bei der Pfötchenhilfe abgegeben worden. Hatte der vermeintliche Finder am Telefon noch behaupt, es handle sich um ein junges Tier, dass aber nicht in Obhut der Familie bleiben könne, entpuppte sich der Vierbeiner mit Namen „Lotte“ schließlich als ausgewachsen.

Da sie kein Winterfell besitzt, sei sie möglicherweise von den bisherigen Besitzern als Problemfall betrachtet und schnell entsorgt worden. „Ich muss ganz ehrlich sagen, nach diesem Jahr bin ich sehr traurig! Immer mehr Leute setzen die Tiere einfach aus oder geben sie bei uns ab, als ob es sich um ein ausgedientes Möbelstück handelt. Dabei sind es Lebewesen, die unter unserem Schutz stehen sollten“, mahnt Manja Baumgartner.

Ursprünglich wollte die Initiatorin der 2015 gegründeten Pfötchenhilfe nur Jungtiere aufnehmen. Mittlerweile sind aber eine Vielzahl der insgesamt 17 bei ihr lebenden Vierbeiner erwachsene Tiere. Ausgesetzt auf der Straße, gefunden im Schuhkarton oder eben abgegeben unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Erst im Juli hatte eine Großenhainerin behauptet, eine Katze am Mülltonnen-Stellplatz auf der Johannes-R.-Becher-Straße gefunden zu haben.

Das Tier – angeblich von ihr Kitty getauft – war eingepfercht in eine alte, dreckige Transportbox. Völlig verstört, ohne Fressen sich selbst überlassen. Ein paar Tage später sollte sich indes herausstellen, dass die Röderstädterin die Geschichte nur erfunden hatte. Denn ungeheuerlich, aber wahr: Die Katze wurde eben nicht wie behauptet, an der Mülltonne gefunden. Nachdem die Pfötchenhilfe Fotos veröffentlicht hatte, meldete sich eine Facebook-Nutzerin und machte darauf aufmerksam, dass das vier Jahre alte Tier bereits im Netz zum Verkauf stand. „Es ist wirklich unglaublich! Die Unverfrorenheit im Umgang mit den wehrlosen Tieren kennt absolut keine Grenzen mehr. Sie werden entsorgt wie lästiger Abfall“, empört sich Baumgartner.

Dass die Kapazitäten ihrer eng mit dem Großenhainer Tierschutzverein kooperierenden Aufnahmestelle erschöpft sind, gibt die 41-Jährige unumwunden zu. Zwei bis drei Stunden dauert allein am Morgen das Saubermachen und die Fütterung ihrer Schützlinge. Am Abend noch mal die gleiche Prozedur. Von den Kosten für Futter, Einstreu sowie den Tierarzt ganz abgesehen. Allein in den Sommermonaten seien so viele Katzen in Großenhain ausgesetzt worden, dass die Pfötchenhilfe zur optimalen Versorgung der teilweise schwer traumatisierten Fellnasen nunmehr dringend finanzielle Unterstützung braucht.

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Immerhin: Auch der wohl prominenteste Neuzugang des Jahres 2016 befindet sich noch in der liebevollen Obhut von Manja Baumgartner. Der durch eine spektakuläre Rettungsaktion sachsenweit bekannt gewordene Kater Bob – er hockte neun Tage auf dem Dach einer baufälligen Villa in Großenhain – ist menschenscheu. Während er mit seinen Artgenossen gut auskäme, ziehe er sich beim Eintreffen von Zweibeinern sofort zurück. Selbst als Jana mutig zur Flucht animierte, wäre er lieber in seinem Eckchen sitzengeblieben. „Kitty, Jana und auch Bob sind bewegende Beispiele dafür, was Menschen im falschen Umgang mit Tieren anrichten können!“