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Wo Hunde jagen lernen

Jagd ohne Hund ist Schund, sagt man. Jacqueline Mette aus Pretzschendorf führt eine Schule für tierische Jagdhelfer.

Die Chefin und ihr Rudel: Jagdhundetrainerin Jacqueline Mette bei einer Apportierstunde mit den Kleinen Münsterländern Bella, Adele, Chili und Fee im Wald bei Liebstadt.
Die Chefin und ihr Rudel: Jagdhundetrainerin Jacqueline Mette bei einer Apportierstunde mit den Kleinen Münsterländern Bella, Adele, Chili und Fee im Wald bei Liebstadt. © Egbert Kamprath

Der Frost steht zwischen den Fichten bei Liebstadt. Blut tropft auf welkes Laub. Es sickert nicht aus der Wunde eines Wildtiers. Es fließt aus der Kanüle einer Plasteflasche. Rinderblut. Jacqueline Mette simuliert den Fluchtweg eines angeschossenen Stücks Wild, für Fee, die Münsterländerdame, die am Waldrand hockt und die Nase in den Wind steckt. Vielleicht ist das echte Wild gerade getürmt. Der Wald ist voller Verlockungen. Fee würde gerne mal gucken gehen. Aber sie bleibt sitzen. Sie weiß, wer der Chef ist.

Jagdhundeschulen sind in Sachsen rar

Im Team Aufgaben lösen, darum geht es bei der Jagd mit dem Hund. Und deshalb, sagt Jacqueline Mette, kommt in ihrer Schule die Teambildung immer zuerst. Hunde sind gesellige Wesen, sagt sie, die sich gern an den Menschen binden. Wenn es nicht läuft zwischen den beiden, hakt es meistens an der Kommunikation. Der Mensch muss seinen Hund verstehen, wenn er ihm etwas beibringen möchte. "Die Ausbildung findet immer auf der sozialen Ebene statt."

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Eine Blutspur, Schweißfährte genannt, wird mit Rinderblut präpariert. Die Suche nach verletztem Wild ist eine Standardaufgabe für Jagdhunde.
Eine Blutspur, Schweißfährte genannt, wird mit Rinderblut präpariert. Die Suche nach verletztem Wild ist eine Standardaufgabe für Jagdhunde. © Egbert Kamprath

Jacqueline Mette, 40 Jahr alt, zu Hause in Pretzschendorf, ist Forst-Ingenieurin. Sie nennt sich einen praktischen Menschen. Am liebsten ist sie draußen. Sie liebt den Wald, sie liebt die Jagd. Und vor allem liebt sie die Hunde. Aus diesen Zutaten hat sie einen Beruf gemacht. Sie ist Jagdhundetrainerin, führt die einzige Spezialschule für vierbeinige Jagdhelfer im Landkreis. In ganz Sachsen gibt es davon kaum mehr, als man an einer Hand abzählen könnte.

Dichterer Wald braucht mehr Jagdhunde

Hunde sind wertvolle Helfer beim Jagen. Sie zeigen an, wo das Wild sich verbirgt, treiben es aus der Deckung, suchen angeschossene oder angefahrene Tiere. Doch an Jagdhunden mangelt es, auch im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Von seinen rund 300 Jägern, so schätzt Karl-Heinz Böhme, Vorsitzender der Jägerschaft in der Sächsischen Schweiz, besitzen nur etwa vierzig einen gebrauchsfähigen Hund.

Dem Wild auf der Spur: Münsterländerdame Fee und ihre Chefin Jacqueline Mette folgen der Übungsfährte durch den Wald bei Liebstadt.
Dem Wild auf der Spur: Münsterländerdame Fee und ihre Chefin Jacqueline Mette folgen der Übungsfährte durch den Wald bei Liebstadt. © Egbert Kamprath

Doch der Wald wird immer dichter, durch Abertausende junge Bäume, die beim Umbauprogramm gepflanzt wurden. Dazu kommen die aufgeforsteten Borkenkäferbrachen. Jede Menge Verstecke, in denen Hirsch, Reh und Wildschwein ohne Hund kaum aufzuspüren sind. Die Ausbildung ihrer Hunde übernahmen die Jäger bislang selbst. Dass nun auch gewerbliche Trainer diesen Dienst anbieten, findet Karl-Heinz Böhme vom Jagdverband nicht verkehrt. "Das sind absolute Profis", sagt er. "Wir begrüßen das."

Statt Reh gibt es ein Leckerli

Fee hat ihren Einsatz. Eigentlich Fee, Baroness von der Abtei. Ein reinrassiges Tier. Die Anlagen der Eltern bestimmen maßgeblich das jagdliche Talent der Nachkommen, sagt Jacqueline Mette. Sie gehört zur Führung des über hundert Jahre alten Verbands für Kleine Münsterländer. Dort ist sie für das Zuchtbuch zuständig, also für die Sammlung der Abstammungsnachweise.

Bei einer echten Jagd tragen die Hunde, hier Münsterländer Adele, eine Schutzweste gegen Wildschweinhauer und ein Ortungsgerät, falls sie sich verirren.
Bei einer echten Jagd tragen die Hunde, hier Münsterländer Adele, eine Schutzweste gegen Wildschweinhauer und ein Ortungsgerät, falls sie sich verirren. © privat

An der langen Leine, dem Schweißriemen, beginnt für Fee die Arbeit. Am ersten Blutfleck wird das Tier angesetzt. Danach folgt es der ganz eigenen Mischung aus Blut- , Boden-, und, bei echter Jagd, Stressgerüchen. Von Punkt zu Punkt geht es. Mit der Nase stupst Fee auf die gefundenen Blutstropfen. Vor zwei Wochen hat sie auf diese Art ein zwei Kilometer weit geflüchtetes Reh gefunden. Heute ist schon nach hundert Metern Schluss. Reh gibt es keins. Aber ein Leckerli.

Ein Abenteurer aus der Heide

Jacqueline Mette bildet Hunde aller Rassen aus, vom Dackel bis zum Berner Sennenhund. Die Kleinen Münsterländer sind ihr die liebsten. Aktuell besitzt sie fünf davon. Entstanden ist die Rasse in der westfälischen Heidelandschaft, wo sie für die Jagd auf Wachteln, Kaninchen, Fasane oder Enten eingesetzt wurde. Münsterländer sind aufmerksam und arbeitseifrig, haben Lust auf Stöbern, Schwimmen, Apportieren - kurz: auf Abenteuer.

Am Ziel: Jacqueline Mettes Münsterländerdame Adele hat ein erlegtes Reh gefunden und teilt das lautstark ihrer Chefin mit.
Am Ziel: Jacqueline Mettes Münsterländerdame Adele hat ein erlegtes Reh gefunden und teilt das lautstark ihrer Chefin mit. © privat

Wer sich das zunutze machen will, muss der Natur des Hundes entgegen kommen. ABC - so heißt das Ausbildungskonzept bei Jacqueline Mette, das sie von einer befreundeten Hundetrainerin aus Niedersachsen übernommen hat. A steht für Aufgaben. Der Hund wurde gezüchtet, Aufgaben zu erfüllen, für den Menschen zu arbeiten. Daraus folg B, die artgerechte Beschäftigung. Und wenn er die bekommt, bekommt der Mensch C - Cooperation, also Zusammenarbeit.

Der Hund soll mit seinem Chef Spaß haben

Bezogen auf den Jagdhund heißt das: Er soll lernen, dass es sich lohnt und Spaß bringt, mit dem Menschen Beute zu machen. Er muss es lieben, mit seinem Chef auf die Jagd zu gehen. Natürlich muss er dabei dem Chef auch eine Hilfe sein, kein Störenfried. Das beste Rezept, sagt Jacqueline Mette, sind nicht Druck und Drill. "Bei mir geht das über die Freude, das Spielerische."

Macht mehr Laune als bloß spazieren gehen: Bei jedem Ausflug baut Hundetrainerin Mette Apportierübungen für ihre Hunde ein.
Macht mehr Laune als bloß spazieren gehen: Bei jedem Ausflug baut Hundetrainerin Mette Apportierübungen für ihre Hunde ein. © Egbert Kamprath

Hunde trainieren ist kein staatlich anerkannter Beruf. Aber es gibt Regeln. Hundetraining gilt als erlaubnispflichtiges Gewerbe. Wer es ausüben will, muss eine Sachkundeprüfung vor dem Veterinäramt ablegen. Die war kein Pappenstiel, sagt Jacqueline Mette. "Das ging ganz schön ins Detail." 2016 hat sie die Prüfung bestanden. Etliche Seminare zum Thema Hund hatte sie da bereits hinter sich. 2018 schloss sie ihre Ausbildung zur professionellen Hundetrainerin an einem norddeutschen Ausbildungszentrum ab.

Der eigene Wald wird zum Trainingsplatz

Jacqueline Mette unterrichtet Hunde in mehreren Gruppen. Um die fünfzig Tiere hatte sie den Sommer über in Ausbildung. Die Kurse finden am elterlichen Hof in Pretzschendorf statt, oder am künftigen Betriebssitz in Gersdorf bei Bahretal. Oder irgendwo dazwischen, in einem der familieneigenen Waldstücke, die sich auf etwa 300 Hektar summieren. Hier geht Jacqueline Mette auch regelmäßig jagen. Seit 19 Jahren besitzt sie die Lizenz. Ihre Erfahrungen gibt sie an die Kundschaft weiter. "Ich weiß, wie Hunde bei der Jagd funktionieren."

"Ohne Hunde geht es nicht." Zur Jagd in den familieneigenen Wäldern hat Jacqueline Mette stets ihre Münsterländer dabei.
"Ohne Hunde geht es nicht." Zur Jagd in den familieneigenen Wäldern hat Jacqueline Mette stets ihre Münsterländer dabei. © privat

Hunde sind für Jacqueline Mette mehr als nur Jagdgefährten. Sie sind ihre Kumpels, ja, sie sind ihre Freunde. Ohne Hunde geht es nicht. Statt mit dem Flieger zu verreisen, fährt sie lieber im alten VW-Bus voller Münsterländer nach Schweden. Das schönste am Hund: Er ist nicht nachtragend. "Hunde leben im Hier und Jetzt", sagt Jacqueline. "Wenn man vernünftig mit ihnen umgeht, geben sie ganz viel zurück."

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