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Tierheim kämpft gegen Welpenhändler

Neun junge Hunde landen in Freital in der Quarantäne. Die Polizei hat sie aus dem Kofferraum eines Autos befreit. Nicht alle überleben.

American Bully mit kupierten Ohren. Vier Welpen dieser Rasse landeten im Freitaler Tierheim in der Quarantäne.
American Bully mit kupierten Ohren. Vier Welpen dieser Rasse landeten im Freitaler Tierheim in der Quarantäne. © Creative Commons/Juan. botti

Diese Geschichte hat alles, was ein echter Krimi braucht. Täter, Opfer, Fahnder und jetzt auch noch Presse. Und es gibt verschlungene Wege - wer ist Täter, wer Opfer? Die Rollen wechseln je nach Perspektive. Doch lässt man die Fakten auf sich wirken, entwirrt sich der Faden ganz von selbst. 

Alles beginnt am 29. Juni dieses Jahres. Da kontrolliert die Bundespolizei nahe der tschechischen Grenze ein Fahrzeug, in dem zwei Männer aus Norddeutschland sitzen. Vater und Sohn, wie sich später herausstellt. Im Kofferraum haben die beiden neun Hundewelpen. Die Männer haben zwar Papiere für die Hunde, doch kein einziger Welpe ist ausreichend geimpft. Und mindestens acht der Tiere sind zu jung, um überhaupt transportiert zu werden. 

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Die Polizei beschlagnahmt die Hunde. Das zuständige Veterinäramt des Landkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge wird informiert. Dieses weist die Welpen ins Tierheim Freital in Quarantäne ein. 

Die beiden Männer müssen 5.000 Euro Geldstrafe wegen einer Ordnungswidrigkeit bezahlen - als solche gilt der unrechtmäßige Welpentransport. Doch das ist längst noch nicht alles. Jetzt fängt die Geschichte erst richtig an.

Französische Bulldogge stirbt im Tierheim

Der Besitzer der Hunde meldet sich Mitte September telefonisch bei der Sächsischen Zeitung. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen das Veterinäramt und gegen das Tierheim. Was er berichtet, ist schockierend. Die neun Welpen habe er keineswegs illegal mitgebracht, schon gar nicht geschmuggelt. Er räumt ein, einen Fehler gemacht zu haben, weil die Tiere noch zu jung und nicht geimpft waren. Er verstehe, dass er dafür eine Strafe zahlen müsse.

Dass dann jedoch von seinen neun Welpen - vier Möpse, vier American Bully und eine Französische Bulldogge - ein Tier im Quarantäne-Zwinger von den anderen totgebissen worden sei, könne er nicht hinnehmen. Das Tierheim Freital habe die Hunde nicht ausreichend versorgt und nicht artgerecht untergebracht. Das Veterinäramt habe seine Aufsichtspflicht gegenüber dem Tierheim nicht wahrgenommen. Er habe Anzeige erstattet.

Beim Veterinäramt des Landkreises weiß man von einer Anzeige jedoch nichts, heißt es auf Nachfrage. Zudem: "Die Betreuung der Tiere im Tierheim Freital erfolgt sehr sachkundig. Amtliche Tierärzte unseres Referates kontrollieren dies auch regelmäßig. Dass es zu der bedauerlichen Beißerei unter den Welpen kam, die für einen Welpen tödlich endete, ist völlig untypisch für normal spielende Welpen. Hier kann nur vermutet werden, dass die betreffenden Welpen durch die zu frühe Trennung vom Muttertier kein Normalverhalten zeigen", teilt das Veterinäramt mit.

"Dieses Tier stammt aus einer Qualzucht"

So sieht es auch die Vorsitzende des Tierschutzvereins Freital und Umgebung, Regina Barthel-Marr. Der Verein betreibt das Tierheim. Die Chefin kann sich über den Fall so richtig in Rage reden. Doch sie berichtet sachlich. „Meine Mitarbeiterin wurde in der Nacht am 29. Juni aus dem Bett geklingelt.“ Jene Nacht, in der die neun Welpen aus dem Kofferraum in die Quarantäne kamen. Sie habe die Hunde in Empfang genommen.

Anschließend wurden die Tiere vom Tierarzt untersucht. Eine erste sogenannte Puppy-Impfung hatten sie bereits alle. „Wenigstens das“, kommentiert Regina Barthel-Marr. In den folgenden Wochen bekommen sie im Tierheim eine Wurmkur und weitere Impfungen, vor allem die gegen Tollwut ist wichtig.

„Wir hatten die vier American Bully und die Französische Bulldogge zunächst in einem Zwinger“, berichtet die Tierheim-Chefin. Sie seien zu dem Zeitpunkt zwar nicht gleich alt aber in etwa gleich groß und gleich schwer gewesen. Wenige Tage später habe man die Französische Bulldogge von den anderen vier getrennt, da diese deutlich größer werden. Doch der nun einzelne Hund habe an der Trennung gelitten und „um sein Leben geschrien“. Deshalb habe man die Welpen wieder zusammengebracht, unter Beobachtung, wie sie sagt.

Eine Französische Bulldogge wie diese wurde im Freitaler Tierheim von anderen Hunden totgebissen. Die Fellzeichnung sei "merle-farben", sagt die Tierheim-Chefin. Das weise auf eine Qualzucht hin.
Eine Französische Bulldogge wie diese wurde im Freitaler Tierheim von anderen Hunden totgebissen. Die Fellzeichnung sei "merle-farben", sagt die Tierheim-Chefin. Das weise auf eine Qualzucht hin. © Creative Commons/Ildar Sagdejev

Das habe auch sehr gut funktioniert, die Tiere entwickelten sich weiter gut. Bis zum 10. August, als das Undenkbare geschah. „Wir waren mit dem Tierarzt auf dem Gelände zugange, als wir plötzlich aus den Quarantäne-Zwingern ordentlich Spiellärm und das laute Quietschen eines Welpen hörten“, berichtet Regina Barthel-Marr. Sie seien sofort hinübergeeilt, doch da war es schon zu spät. Einer der American Bully hatte der Französischen Bulldogge beim Spielen wohl eher versehentlich eine Verletzung am Hinterlauf zugefügt, die für das Tier tödliche Folgen hatte. Die vier verbliebenen Hunde seien danach sehr verstört gewesen.

"In einer normalen Welpenrauferei passiert so etwas nicht." Aber die Tiere seien zu früh von der Mutter getrennt worden, die nun ihrem Wurf weder das richtige Sozialverhalten habe beibringen können, noch in der Situation dazwischen gehen konnte. "Normalerweise hätte das eine Hundemutter getan", sagt Barthel-Marr. Sie bedaure den Vorfall sehr, auch bei ihren Mitarbeitern seien Tränen geflossen. 

Dennoch weist sie darauf hin, dass die Französische Bulldogge aus einer sogenannten Qualzucht stamme. "Das Tier hatte ein merle-farbenes Fell. Diese Fellzeichnung kommt normalerweise nicht vor. Solche Zuchten sind nicht vernünftig, es sind Qualzuchten."

Tierheim kauft Hund zurück

Der Eigentümer aus Norddeutschland hält dagegen. Die Hunderassen seien alle in Deutschland zugelassen. Er habe für alle EU-Pässe, und gechipt seien die Hunde auch. Die Französische Bulldogge habe er für sich selber als Zuchttier mitgebracht. "Sie stammte von einem Champion ab", sagt er am Telefon. Das Tier sei 3.500 Euro wert. Er frage sich, wer nun diesen Schaden ersetzt. Er selbst müsse für die zwangsweise Unterbringung seiner Welpen im Tierheim rund 7.000 Euro zahlen.

Am 1. September endete die Quarantäne. Die Tiere waren alt genug und ausreichend geimpft, um transportiert zu werden. Daraufhin hat der Eigentümer vier Hunde abgeholt. Er zahlte 4.300 Euro für Unterbringung und Tierarztkosten der American Bullys. Die vier Möpse ließ er im Tierheim zurück. Er müsse erst noch Geld sammeln, um diese dann auch holen zu können. Heute sind die Tiere immer noch in Freital. 

Ob er das Geld dafür durch den Verkauf der anderen Tiere reinholt? Eine Mutmaßung. Auf jeden Fall taucht am 8. September die erste Anzeige im Internet auf, in der ein American Bully angeboten wird. Die Handynummer stimmt mit der des besagten Hundehalters überein. 

In dieser Anzeige wird ein American-Bulldog-Welpe angeboten. Die Handynummer gehört dem Mann, der bei einer Kontrolle in Sachsen mit neun Welpen im Kofferraum gestoppt wurde.
In dieser Anzeige wird ein American-Bulldog-Welpe angeboten. Die Handynummer gehört dem Mann, der bei einer Kontrolle in Sachsen mit neun Welpen im Kofferraum gestoppt wurde. ©  Screenshot: Sächsische.de

Nun wagt das Tierheim einen ungewöhnlichen Schritt. Mittelsmänner nehmen Kontakt auf und bekunden Interesse an dem Hund. Tatsächlich kommt es zum Geschäft. Für 2.500 Euro kaufen die Mittelsleute einen American Bully gewissermaßen zurück. "Für mich ist das der Beweis, dass es hier um gewerblichen Handel geht", sagt Regina Barthel-Marr. "Und eben nicht um Hunde, die die Familie für sich privat aus Ungarn geholt hat, so wie sie es behauptet hat."

Aus Sicht von Tierschützern ist das ein für Schmuggler typisches Verhalten. Wenn sie erwischt würden, hätten sie eine Geschichte parat, die die eigentlichen Gründe verschleiern soll. Ob das in dem Fall so ist, müssten im Zweifel Gerichte entscheiden. 

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Erst einmal steht in diesem Krimi Aussage gegen Aussage. „Ich bin kein Schmuggler“, sagt der Herr aus Norddeutschland. Er sieht sich als Opfer. Regina Barthel-Marr ist jedoch vom Gegenteil überzeugt. „Was dieser Mann macht, ist Schmuggel.“ Und die Opfer seien am Ende vor allem die gequälten Hunde.

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