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Was tun, wenn plötzlich sechs Eulen im Garten sitzen?

In ihrem Garten am Kamenzer Stadtrand purzeln einer Familie junge Waldohreulen vor die Füße. Zunächst ist sie ratlos. Doch dann hat eine Freundin eine Idee.

Vier junge Waldohreulen fielen Familie Renner aus Kamenz beim Fällen einiger Kiefern im Garten regelrecht vor die Füße. Hier ist eine davon kurz nach der Rettung zu sehen.
Vier junge Waldohreulen fielen Familie Renner aus Kamenz beim Fällen einiger Kiefern im Garten regelrecht vor die Füße. Hier ist eine davon kurz nach der Rettung zu sehen. © Privat: Tino Wittig

Kamenz. Stolze zehn unterschiedliche Arten von Eulen leben in Deutschland. Dennoch sind die Vögel vielerorts selten geworden. Wo man die nachtaktiven Tiere findet? Abseits von Wäldern siedeln sie sich meist in Parks oder auf Friedhöfen an. Aber auch im Garten mitten in einer Stadt wie Dresden sucht sich eine Eule zuweilen einen Brutplatz.

So etwas hat jetzt auch eine Familie in Kamenz erlebt. In ihrem großen Garten am Stadtrand purzelten ihr bei Baumfällarbeiten vier kleine Wollknäuel vor die Füße. "Wir mussten ein paar alte Kiefern mit Borkenkäferbefall absägen", erzählt Thomas Renner. Zu DDR-Zeiten hatte der Garten-Vorbesitzer einen regelrechten Wald angepflanzt. "Das war ja üblich für die Reisig-Gewinnung im Winter und vor Weihnachten. Selbiges war Mangelware", erinnert sich Renner.

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Im Museum der Westlausitz um Rat gefragt

Beim Arbeitseinsatz mit Freunden, die vor Wochen mithalfen bei der Baumfällung, passierte es dann: Ein altes, leeres Taubennest löste sich aus einem der Wipfel, und mit ihm landeten vier kleine Waldohreulen auf dem Boden.

"Wir waren erstaunt, hatten gar nicht bemerkt, dass sie bei uns im Garten leben", erzählt Thomas Renners Lebensgefährtin Sandra Tomschke. "Wir haben sie geistesgegenwärtig mit Gartenhandschuhen angefasst und erst einmal vom Erdboden etwas erhöht hingesetzt. Sie haben uns mit großen Augen angeschaut", berichtet sie. Anfangs hätten sie nicht gewusst, womit sie es da zu tun haben. "Eine Freundin hat dann gleich im Museum der Westlausitz angerufen und gefragt, was wir tun müssen."

Thomas Renner und seine Lebensgefährtin Sandra Tomschke sind stolze Gartenbesitzer. Seit ein paar Wochen leben dort auch sechs Waldohreulen. Abends in der Dämmerung sind sie meistens zu sehen und zu hören.
Thomas Renner und seine Lebensgefährtin Sandra Tomschke sind stolze Gartenbesitzer. Seit ein paar Wochen leben dort auch sechs Waldohreulen. Abends in der Dämmerung sind sie meistens zu sehen und zu hören. © Ina Förster

Bodo Plesky und seine Kollegen vom Museum bekommen öfter solche Anrufe. "Gerade jetzt im Frühjahr und Sommer kontaktieren uns viele Leute, weil sie Wildtiere gefunden haben", sagt der Pressesprecher und Umwelt-Pädagoge. Vom Rotschwanz bis zur Fledermaus sei alles dabei.

Waghalsige Rettungsaktion ist geglückt

"Dass es bei uns auch viele Eulen gibt, wissen wir vor allem, weil wir ehrenamtliche Naturschutzhelfer haben, die uns regelmäßig Gewölle vorbei bringen, die wir wiederum in der Zoologie für die Bestimmung von Klein- und Nagetieren benötigen ", erklärt Plesky. Als Gewölle bezeichnet man die ausgewürgten unverdaulichen Nahrungsreste wie Knochen und Federn, sie geben Aufschluss über die Beutetiere von Eulen oder auch Greifvögeln.

Schnell stellte man fest, dass es sich bei den vier Nachwuchs-Tieren aus dem Kamenzer Garten um Waldohreulen handelt. "Heutzutage schickt man eben mal schnell ein WhatsApp-Foto hin und ist schlauer", sagt Thomas Renner lachend. Man riet ihnen, die jungen Eulen wieder so hoch wie möglich in die Äste zu setzen. "Wir haben daraufhin eine waghalsige Rettungsaktion gestartet, eine Leiter aufs Baumhaus der Kinder gestellt und sie ganz weit oben in den Wipfel gesetzt, damit die Eltern-Vögel sie wiederfinden", erzählt Sandra Tomschke.

Hier sieht man durch die Kieferäste vier Jungtiere auf dem Baum. Sie haben noch ihr flauschiges Federkleid.
Hier sieht man durch die Kieferäste vier Jungtiere auf dem Baum. Sie haben noch ihr flauschiges Federkleid. © Privat: Tino Wittig
Eines der Elterntiere im Garten von Familie Renner in Kamenz.
Eines der Elterntiere im Garten von Familie Renner in Kamenz. © Privat: Tino Wittig
Eines der ausgewachsenen Tiere sitzt hier in Familie Renners Garten im Kiefern-Wipfel.
Eines der ausgewachsenen Tiere sitzt hier in Familie Renners Garten im Kiefern-Wipfel. © Tino Wittig
Hilflos saßen die vier Jungvögel zuerst nach dem Absturz im Garten. Familie Renner setzte sie mit Freunden zurück ins Geäst.
Hilflos saßen die vier Jungvögel zuerst nach dem Absturz im Garten. Familie Renner setzte sie mit Freunden zurück ins Geäst. © Privat: Tino Wittig

Die Rettungsaktion ist offensichtlich geglückt. Noch immer sind die Waldohreulen in Renners Garten. "Mittlerweile haben wir auch die beiden Altvögel gesichtet. Mal sind sie allein unterwegs, mal hocken alle sechs Tiere zusammen auf den Ästen. Und sie können ganz schön Krach machen. Vor allem in der Dämmerung", erzählt Thomas Renner.

"Diese teils nervenaufreibenden Töne machen die Jungvögel bei der Fütterung. Wenn sie älter sind, wird es ruhiger im Garten", verspricht Bodo Plesky. Die Waldohreule sei eine gesellige Eule. Die Jungen nennt man Ästlinge - flauschige Federbälle, die den Tag im Geäst verschlafen und ab dem späten Nachmittag umso auffälliger nach Futter betteln.

Bis Mitte August kann die nächtliche Ruhestörung weitergehen, dann suchen sie sich ein eigenes Revier in einigen Dutzend Kilometern Entfernung. "Im Winter bilden sie oft Schlafgemeinschaften auf Bäumen. Zum Beispiel auf dem Hutberg", weiß der Museumspädagoge. Der Gesamtbestand der Waldohreule in Europa wird auf 200.000 Brutpaare geschätzt, davon in Deutschland 32.000. Waldohreulen bauen übrigens kein eigenes Nest, sondern brüten in alten Krähen- oder Elsternnestern. Oder wie im Fall von Renners bei den Ringeltauben.

Die Kamenzer Gartenbesitzer haben instinktiv alles richtig gemacht. "Man sollte bei einem Wildtierfund immer einen Fachmann anrufen und fragen, was zu tun ist", rät Bodo Plesky. "Und wie in diesem Fall passiert, die Tiere vom Boden wegräumen. Wenn es junge Tiere sind, kann ihnen schon eine Katze gefährlich werden."

Fachmann rät: Tiere lieber am Fundort lassen

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Ruhig bleiben, beobachten, schauen, ob ein Elterntier zum Füttern kommt. Meistens kläre es sich von selbst. "Anders ist es im Fall von verletzten Exemplaren. Da sollte man uns oder andere Fachleute fragen, ob wir die Sache vor Ort anschauen", empfiehlt Bodo Plesky. Das wäre besser, als die Tiere ins Museum zu bringen. "Wir haben zum Beispiel bei Fledermäusen leider oft den Fall, dass die Jungtiere regelrecht von Wänden 'abgepflückt' werden. Das ist eher ungünstig!"

Familie Renner sitzt nun öfter im Garten und lauscht in die Dämmerung. "Wir freuen uns über unsere neuen Mitbewohner", sagen sie. "Sie dürfen nächstes Jahr gern wiederkommen!"

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