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„Es war Liebe auf den ersten Blick“

Kristin Pietzsch schwärmt für Wechselkröten und Kammmolche. Die Sächsin ist selbst eine Rarität unter den Naturschutzhelfern.

Schau mir in die Augen, Kleines: Kristin Pietzsch, seit sieben Jahren ehrenamtliche Naturschutzhelferin, spielt Taxi für eine Wechselkröte.
Schau mir in die Augen, Kleines: Kristin Pietzsch, seit sieben Jahren ehrenamtliche Naturschutzhelferin, spielt Taxi für eine Wechselkröte. © Thomas Kretschel

Wäre Kristin Pietzsch nicht gewesen, hätte es die Kröte womöglich erwischt. Es wäre nicht die Erste gewesen. Kröten leben gefährlich. Sie wandern einmal im Jahr vom Land zum Wasser und zurück. Es dauert, bis sie über die Straße kommen. Sie können nicht hüpfen wie Frösche. Sie watscheln. Leicht kommen sie unter die Räder. Dann liegen sie platt wie Stammbuchblümchen auf dem Asphalt und vertrocknen. Und sind doch erstaunliche Tiere.

Die Kleine mit den Glubschaugen wurde rechtzeitig aufgehoben. Sie sitzt auf der Hand und atmet erregt. Vielleicht atmet sie immer so. Wer kennt überhaupt die Unterschiede zwischen Kröten und Fröschen? Ihr Dasein ist bedroht, doch das gilt für beinahe alles, was nicht Lupine und Waschbär heißt. Der Klimawandel macht vielen zu schaffen. Die Wechselkröten könnten damit gut klarkommen. Sie mögen es trocken und warm. Ihre Vorzugstemperatur liegt bei 32,9 Grad. Offenbar lässt sich das exakt messen. Doch ihr Landsitz verschwindet, und das Wassergrundstück genauso. Hübsche Tümpel dringend gesucht! Notfalls tut es ein Dorfteich auch. Malerisch hängen die Weidenzweige herab. Schmale Giebel umstehen den Platz. Braunes Fachwerk und rote Tulpen. Frische Pferdeäpfel liegen auf dem Weg, der ins Wasser führt. Die Pferdetränke ist die einzige flache Stelle. Ein Glücksfall. Über die Steinmauern ringsum kommen die Wechselkröten in den Teich rein, aber nicht wieder raus. „Eine Hühnerleiter in jeder Ecke würde helfen“, sagt Kristin Pietzsch.

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Grauhaarige Naturzausel

Als ehrenamtliche Naturschutzhelferin ist die 35-Jährige mit dem halblangen rötlichen Haar eine Rarität. Jung und weiblich, das kommt dort selten vor. Mädchen demonstrieren zwar freitags für ihre Zukunft. Kröten zählen ist nicht ihr Ding. Es springt ja nicht mal ein Prinz dabei raus. So bleiben die alten Naturzausel meist unter sich. Bei Exkursionen dominiert graues Haar. Kristin Pietzsch bedauert das: „Die Älteren wissen so viel, es wäre schade, wenn ihre Erfahrung verloren ginge.“

Zugegeben, es gibt hübschere Tiere, solche zum Kuscheln und Gernhaben. Da muss Kristin Pietzsch widersprechen. Sie erzählt von einem Praktikum nach der Schulzeit an einem Amphibienzaun. Wie sie den Eimer hob und hineinschaute und wie ein Erdkrötenmännchen zurückschaute: „Das war Liebe auf den ersten Blick.“ Zumindest auf einer Seite. Die Liebe hält bis heute und gilt allen Amphibien, diesen Doppelwesen zwischen Erde und Wasser, Licht und Dunkel, Mythos und Metamorphose. „Na, du kleine Maus“, sagt Kristin Pietzsch zu dem Tier auf der Hand. Und natürlich könne man zu Kröten genauso eine Beziehung entwickeln wie zu Hund oder Katze. „Aber ja!“, sagt die junge Frau mit einem fast ernst gemeinten schwärmerischen Augenaufschlag. „Aber ja!“

Je später der Abend, desto schöner die Kröte: Die Wechselkröte kann ihre Tarnfleck-Färbung der Umgebung anpassen.
Je später der Abend, desto schöner die Kröte: Die Wechselkröte kann ihre Tarnfleck-Färbung der Umgebung anpassen. © Thomas Kretschel

Ihr Favorit ist der Kammmolch. Sie nennt ihn den kleinen Wasserdrachen, „ein wunderschönes Tier“. Über Kammmolche hat sie ihre Diplomarbeit an der TU Dresden geschrieben. Sie erzählt, wie sie im Dreiseithof der Großmutter in der Nähe von Nossen mit Kaninchen und Pferden aufwuchs, wie sie schon als Kind Schnecken und Regenwürmer mit sich herumtrug. Nach dem Liebesblick am Krötenzaun war die Entscheidung für den Beruf gefallen. „Nur was man kennt, kann man schützen.“ Sie arbeitet im Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie und verteilt Fördermittel für Naturschutzprojekte – für Streuobstwiesen, Weidenschnitt und natürlich für neue Teiche. Bitte ohne Fisch, ohne Kraut, wegen der Wechselkröten. Es sind doch so erstaunliche Tiere.

Mehrfach umrundet Kristin Pietzsch den Teich im alten Dorfkern von Radebeul-Naundorf. Ein Hofhund hinterm Zaun behält sie schweigend im Blick. Allmählich verschwindet die Sonne. Das Himmelsblau färbt sich dunkel. Je später der Abend, desto schöner die Kröte. Altdeutsche Spruchweisheit. Ein Spaßvogel im Internet bastelte einen Schüttelreim: „Um Goethe kreist der Kröte Geist.“

Die Kleine auf der Hand ist ein Weibchen. Die Weibchen sind größer, weil sie die Männchen bei der Paarung tragen. Manchmal springt eines schon auf dem Weg zum Teich auf den Rücken und lässt sich den Rest schleppen. Das kann die Evolution nicht gewollt haben. Tolle Tarnflecken übrigens. Unregelmäßig, konturscharf, grün und grau. Die Bundeswehr dürfte nicht nur deshalb begeistert sein. Sie suchen dort schon lange nach einem Stoff, der sich dem Untergrund wie von selbst anpasst. Wechselkröten gelingt das leicht. Daher der Name. Sie können aussehen wie heller Stein oder trüber Tümpel. Wer seit 300 Millionen Jahren auf der Welt unterwegs ist und in der Nahrungskette weit unten rangiert, sollte auch sonst anpassungsfähig sein. Das klappte lange ganz gut. Jetzt leben in Deutschland noch 14 Froschlurcharten: Rotbauchunke, Laubfrosch, Teichmolch, Feuersalamander ...

Sorge um den Lebensraum der Tiere

Für Wechselkröten, sagt Kristin Pietzsch, wird gerade in Sachsen der Wohnraum knapp. Ungenutzte offene Landschaften verschwinden ebenso wie Tagebaue und Restlöcher, Sand- und Kiesgruben. Das ist paradox. Während sich die einen Naturschützer über Renaturierung und neue Seenlandschaften freuen, bangen die anderen um ihre Tiere. Das Landesumweltamt startete kürzlich eine Aktion. Die Bürger werden gebeten, den Fund von Wechselkröten zu melden. Man wüsste gern: Sind die Tiere wirklich weg, oder werden sie nur nicht entdeckt? Wenn sie ihr Quartier verlieren, weichen sie in andere Gegenden aus. „Sie erwandern sich neue Räume“, sagt Kristin Pietzsch, „sie folgen dabei dem Menschen.“ Wechselkröten können in der Nacht einen Kilometer weit laufen. Einzelne Exemplare wurden sogar im Gleisbett der Bahn entdeckt. Sie überwintern in Bretterstapeln und Mauerritzen. Wenn das keine Überlebenskunst ist!

Behutsam streicht Kristin Pietzsch der Kleinen über die Haut. Fasst sich weich an und trocken. Wegen der Warzen waren die Tiere verschrien. Warzen kamen angeblich von Hexen. In der Vorzeit galten Kröten und Frösche als Boten von Bosheit, Krankheit und Laster. Man gab ihnen die Schuld an allem Unheil. Folgerichtig wurden sie verjagt und verhackstückt. Die Kulturgeschichte kennt grausige Beispiele. Etliche sind im Krötenbuch der Autorin Beatrix Langner versammelt. Die kräuterkundige Hildegard von Bingen etwa kurierte Gliederschmerzen mit heißen Umschlägen voll totem Frosch. Später wurden die Tiere zum Nachweis von Elektrizität benutzt. „Für mich muss kein Tier sterben, damit ich es untersuchen kann“, sagt Kristin Pietzsch. Ihr dankt ein melancholischer Blick. Aus dem Dorfteich klingt lautes Quaken. In Anwesenheit von Betroffenen wird über gebratene Froschschenkel nicht gesprochen.

Tirilierende Kröten

Es wird überhaupt nicht gesprochen. Sonst verpasst man das Beste. Was bitte ist das Beste an Wechselkröten? „Sie tirilieren!“, sagt Kristin Pietzsch begeistert. Das tun sie wirklich. Es klingt wie Grillenzirpen und Flötenton. Erst hier, dann da. Bis zu zehn Sekunden dauert ein Ruf. Bricht ab. Setzt neu an. Der nächste fällt ein. Je dunkler der Abend wird, desto lauter ertönt der Männerchor. Hoch musikalisch. Das Tirilieren soll Weibchen locken. Ob sie den besten Sänger wählen, ist nicht gewiss. Aber sie können ihn unter Wasser hören.

Kristin Pietzsch trägt die Kleine zur Pferdetränke und setzt sie vorsichtig ab. Ein Plätschern und fort. Ein Männchen steckt den Kopf aus dem Wasser. Stützt sich graziös auf die Vorderbeine. Hält die Balance mit acht zierlichen Fingern. An der Kehle wird die Schallblase sichtbar. Sie bläht sich mit jedem Ton auf und wirkt als Verstärker. Die Männchen singen sich geradezu in einen Paarungsrausch. Im Eifer umklammern sie einander. Ein Grunzen signalisiert die falsche Wahl. Bei der richtigen gibt das Weibchen Laichschnüre mit bis zu 10.000 Eiern ab – und macht sich gleich auf den Rückweg. Vielleicht hilft jemand der kleinen Wechselkröte über die Straße am Dorfteich. Es sind doch erstaunliche Tiere.

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