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Sachsens Schweinebauern sind akut bedroht

Nach dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Brandenburg schlägt die Politik Alarm. Ein Exportverbot könnte hunderte Bauernhöfe ruinieren.

350 Kilometer pro Jahr - so weit zieht die gefährliche Tierkrankheit ihre Kreise. "Der erste Fund eines positiv beprobten Wildschweins war nur eine Frage der Zeit", sagte Sachsens Umweltminister Wolfram Günther am Donnerstag.
350 Kilometer pro Jahr - so weit zieht die gefährliche Tierkrankheit ihre Kreise. "Der erste Fund eines positiv beprobten Wildschweins war nur eine Frage der Zeit", sagte Sachsens Umweltminister Wolfram Günther am Donnerstag. © Lino Mirgeler/dpa (Symbolbild)

Der am Mittwoch im brandenburgischen Sembten aufgefundene Wildschweinkadaver löst auch in Sachsen große Besorgnis aus. Bei dem Tier wurden zum ersten Mal in Deutschland Erreger der Afrikanischen Schweinepest (ASP) nachgewiesen. Problematisch ist das nicht nur, weil sich der Fall weniger als 60 Kilometer entfernt von der sächsischen Grenze ereignete. 

Große Teile der Landwirtschaft im Freistaat leben von der Schweineaufzucht und-Mast. Ein flächendeckender Ausbruch hätte massive Exportbeschränkungen zur Folge, viele Betriebe müssten ihren gesamten Schweinebestand töten. Gerade im Zusammenspiel mit Corona und Trockenheit ist eine ganze Sparte gefährdet. 

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"Die Bedrohungslage ist hoch. Auch wenn die Tierseuche für Menschen ungefährlich ist, können deutliche wirtschaftliche Auswirkungen auf schweinehaltende Betriebe in Sachsen und Deutschland zukommen", sagte Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) in einer ersten Reaktion. 

"Schießen, schießen, schießen" - Wildschweinfreie Zonen gefordert

Der sächsische Landesbauernverband fordert deshalb die Errichtung einer "wildschweinfreien Zone" an der polnisch-sächsischen Grenze. Ende März hatte die sächsische Regierung von Zittau bis Bad Muskau einen 128 Kilometer langen Elektrozaun fertigstellen lassen, der Wildschweine fern halten soll. 

Kurz zuvor war bereits bei Hausschweinen und Wildschweinen in der polnischen Grenzregion ein Ausbruch bekannt geworden. Auch in Brandenburg, unter anderem entlang des Landkreises Spree-Neiße, der jetzt betroffen ist, steht seit Frühjahr ein solcher Zaun.

"Die Gefahr für Sachsen ist massiv groß", sagt Juliane Streubel, Referentin für tierische Erzeugung beim Sächsischen Landesbauernverband. Weil die polnischen Fälle aber ähnlich nahe gewesen sind, habe sich an der grundlegenden Situation nicht viel geändert. 

Sorgen bereiten den Landwirten hingegen drohende Exportbeschränkungen, so Streubel. "Es macht vor allem für den Handel mit dem EU-Ausland einen riesigen Unterschied, ob ein Staat als ASP-frei gilt oder nicht."

Denn es gebe außerhalb der EU jeweils Veterinärverträge zwischen der Bundesrepublik und dem Land, das das deutsche Schweinefleisch importiert. Das seien vor allem asiatische Länder wie China, aber auch Südkorea, das bereits am Mittwoch ein Importverbot verhängte. 

Der sächsische Landesbauernverband fordert, dass in speziellen Pufferzonen viel mehr Wildschweine gejagt werden. "Schießen, schießen, schießen ist hier die Devise", sagt Streubel. Statt eines Elektrozauns helfe es, zwei feste Zäune mit Säulenbefestigung zu errichten und länderübergreifend eine Pufferzone mit 30 Kilometern Zwischenraum zu errichten.

Das ist bisher aber an der polnischen Politik gescheitert - und an Grundstückseigentümern, die vom Bau betroffen wären. "Dafür fehlt leider in vielen Fällen die Rechtsgrundlage", sagt Streibel. 

Das passiert bei einer weiteren Ausbreitung nach Sachsen

Sollte die Seuche weiter um sich greifen, so viel ist klar, dann hätten auch sächsische Schweinebauern mit massiven Restriktionen zu kämpfen. Denn bricht die Afrikanische Schweinepest in einem Betrieb aus, muss der Landwirt laut Schutzverordnung des Bundesverbraucherministeriums alle Schweine töten und "unschädlich beseitigen". 

Mittlerweile bitterer Ernst: Mitarbeiter des Veterinäramtes des Landkreises Bautzen bauen im Dezember 2019 in Schirgiswalde im Rahmen einer Tierseuchenübung einen Elektrozaun auf.
Mittlerweile bitterer Ernst: Mitarbeiter des Veterinäramtes des Landkreises Bautzen bauen im Dezember 2019 in Schirgiswalde im Rahmen einer Tierseuchenübung einen Elektrozaun auf. © SZ/Uwe Soeder

Gleichzeitig wären davon auch Betriebe, die Kontakt in Form von Lieferbeziehungen mit dem Unternehmen haben, betroffen. In einem Sperrgebiet von drei Kilometern besteht dann ein Transport - und Besamungsverbot für Schweine, das frühestens nach 40 Tagen aufgehoben wird.

Und wenn der Erreger bei einem Wildschwein in Sachsen nachgewiesen wird? In diesem Fall wird um den Fundort herum ein Sperrbezirk mit 15 Kilometer Radius errichtet. Auch hier trifft es die Landwirtschaft: Gras, Heu und Stroh dürfen aus diesem Bezirk nicht mehr an Schweinehalter von außerhalb geliefert werden, auch Lieferungen an die Betriebe selbst sind verboten, dazu kommen mögliche Auflagen für die Freilandhaltung. 

Ministerium warnt: Wurst und Fleisch aus Brandenburg in Sachsen tabu

Die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest - für Sachsens Landwirtschaft wäre sie ein Debakel, das nicht nur konventionellen Großbetrieben, sondern auch kleinen Öko-Höfen schadet. Seit den 90er-Jahren werden in Sachsen immer mehr Schweine gehalten, der Trend zeigt noch deutlich stärker nach oben als im gesamten Bundesgebiet. 

Ende 2017 wurden in Sachsen 680.000 Schweine in 171 Betrieben gehalten, das entspricht einem Anteil an der gesamtdeutschen Produktion von rund 2,1 Prozent. 5 bis 8 Prozent der gesamten sächsischen Landwirtschaftsproduktion entstammen der Schweinehaltung. 

Um das Schlimmste zu verhindern, will der Freistaat jetzt schneller handeln als geplant. Bereits letzte Woche wurden konkrete Maßnahmen bekannt gegeben, darunter Entschädigungen für Wildschweinjäger, die mit den Veterinärämtern zusammenarbeiten und der Kauf von 30 Tierfallen. 

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Außerdem dürfen keine Speiseabfälle an Schweine verfüttert werden. Köpping ruft auch dazu auf, Fleisch- und Wurstprodukte aus Brandenburg nicht mehr nach Sachsen mitzubringen. Dem Landesbauernverband geht das nicht weit genug. Er fordert eine Abschussprämie für erlegte Wildschweine. 

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