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Der Hunger der Hirsche

Zu viel Schnee, zu wenig Futter: Die Förster legen Heu für das Wild aus, das sie vor Kurzem noch gejagt haben. Wie passt das zusammen?

Mehr als ein halber Meter Schnee liegt im Wald bei Neuhermsdorf und bedeckt alles Futter. Dieser Zwölfender nähert sich einer Heukonserve, die der Förster als Notration deponiert hat.
Mehr als ein halber Meter Schnee liegt im Wald bei Neuhermsdorf und bedeckt alles Futter. Dieser Zwölfender nähert sich einer Heukonserve, die der Förster als Notration deponiert hat. © Foto: Staatsbetrieb Sachsenforst

Diesen Wald nennt man Kriegsstück. Weil vor vierhundert Jahren Sachsen und Böhmen mal darum gekämpft haben. Auch jetzt ist ein Kampf im Gange. Der Kampf der Wildtiere ums Überleben. Der Schnee liegt mehr als einen halben Meter hoch. Wer am schwächsten ist, stirbt zuerst. Und Uwe Liebscher hat schon einige Schwache mit seinen Wildkameras ausgemacht. "Es ist höchste Zeit."

Höchste Zeit zum Helfen, denn es herrscht Not im Revier Rehefeld, das Uwe Liebscher leitet. Der Ausnahmezustand betrifft aktuell zwei Reviere im Osterzgebirge, neben Rehefeld auch Bärenfels, insgesamt rund 3.000 Hektar Fläche. Das Jagdgesetz nennt keine Schneehöhen oder Froststärken, die zur Ausrufung der Notzeit führen. Wer die Jagd ausübt, muss die Lage individuell beurteilen und - hat er auf Not entschieden - angemessen füttern.

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Heukonserven von der Bergwiese

Das Kriegsstück liegt am Kamm des Osterzgebirges, zwischen Neuhermsdorf und Holzhau. Uwe Liebscher hat seinen Geländewagen neben einer Schutzhütte geparkt. Wo sonst Waldarbeiter Pause machen, lagert jetzt Hirschfutter. In Ballen zu zehn Kilo stapelt sich das Heu. Gutes Bergwiesenheu, mit Bärwurz, Spitzwegerich und Johanniskraut. Wie Pralinen schmeckt das dem Rotwild trotzdem nicht, sagt der Förster. Eher wie trocken Brot.

Klar zum Tisch decken: Uwe Liebscher, Revierförster von Rehefeld, holt Bergwiesenheu für die Hirsche aus einem Lager bei Neuhermsdorf.
Klar zum Tisch decken: Uwe Liebscher, Revierförster von Rehefeld, holt Bergwiesenheu für die Hirsche aus einem Lager bei Neuhermsdorf. © Egbert Kamprath

Um die Hirsche durch den Winter zu kriegen reicht das. Rotwild senkt seinen Stoffwechsel drastisch ab, bis auf ein Drittel des sommerlichen Niveaus. Als Wiederkäuer können die Tiere Raufutter - viel Struktur, wenig Inhalt - gut verwerten. Doch wenn es selbst vom trocken Brot nicht mehr genug gibt, geht es den Bäumen an den Kragen.

Abgefressene Rinde begünstigt Fäulnis

Das Ergebnis zeigt Uwe Liebscher gleich neben dem Futterlager: Helle, schartige Flecken zeichnen beinahe jeden Fichtenstamm. Mit ihren scharfen Zähnen haben die Hirsche die Rinde aufgeschnitten und abgeknabbert. An die dreißig Stück Rotwild sind hier noch kurz bevor die Fütterung losging, durchgetingelt, schätzt der Förster. Wenn er Glück hat, schließen sich die Wunden wieder. Wenn nicht, schlägt die Rotfäule zu.

So sieht es aus, wenn Rothirsche ihren Hunger an einer Fichte stillen. Ist die Rinde abgefressen, kann Fäulnis in den Stamm eindringen.
So sieht es aus, wenn Rothirsche ihren Hunger an einer Fichte stillen. Ist die Rinde abgefressen, kann Fäulnis in den Stamm eindringen. © Egbert Kamprath

Für die Wildfütterung sind im Forstbezirk Bärenfels jährlich etwa zwei Tonnen Heu gebunkert, sowohl in Ballenform als auch, etwas feuchter, eingeschweißt in Folie, als Heulage. Uwe Liebscher füttert jeden Tag. Schnell hat er zwei Heuquader im Lastenkorb seines Wagens verstaut. Nun bugsiert er das Fahrzeug, Heck voran, unter die Baumkronen.

Eine Frage des Überlebens: Kräfte sparen

Dann sind es nur noch ein paar Schritte bis zum Futterplatz. Uwe Liebscher weiß, dass die Hirsche in etwa zweihundert Metern Entfernung warten. "Die haben Kohldampf." Wäre er allein mit seinem vertrauten Geruch ohne Reporter-Begleitung gekommen, würden sie sich sogar zeigen. Obwohl mindestens drei Rudel aktiv sind, führen kaum Fährten durch den Schnee. Beim Pendeln zwischen Ruheplatz und Nahrung nutzen die Tiere immer dieselben ausgetretenen Wege, erklärt der Förster. Das spart Kraft und das Wundscheuern der Läufe.

Am Futterplatz verteilt Forstbezirksassistent Caspar Häusler das Heu. Damit alle Tiere etwas abbekommen, werden mehrere Häufchen angelegt.
Am Futterplatz verteilt Forstbezirksassistent Caspar Häusler das Heu. Damit alle Tiere etwas abbekommen, werden mehrere Häufchen angelegt. © Egbert Kamprath

Nicht nur die Heu-Raufe markiert den Esstisch der Hirsche. Es gibt jede Menge Kotkügelchen, sowie angetaute Stellen, auf denen die Tiere liegen, während sie wiederkäuen. Und Fellbüschel. Beim Kampf um die Tischordnung sind Hirsche nicht zimperlich. Ein Zehner, der seit Neustem hier auftaucht, geht nur mit dem Geweih voran, erzählt Uwe Liebscher. "Da müssen alle anderen abtreten."

Tierschutz gebietet die Hilfe in der Not

Doch auch die Damen teilen aus und schlagen mit den Klauen nach der Konkurrenz. Wer warten muss, begnügt sich einmal mehr mit den Bäumen. Förster Liebscher hat vier seiner Fichten gefällt, als Opfer. Rinde und Nadeln werden ratzekahl abgefressen. Es heißt, dass ein liegender Baum ebenso viel Futter hergibt, wie sich die Tiere sonst an dreißig stehenden holen würden.

Rangkämpfe an der Futterkrippe sind Alltag. Davon zeugt dieses herausgerissene Haarbüschel eines Stücks Rotwild im Schnee.
Rangkämpfe an der Futterkrippe sind Alltag. Davon zeugt dieses herausgerissene Haarbüschel eines Stücks Rotwild im Schnee. © Egbert Kamprath

Erklärtes Ziel von Sachsenforst im Osterzgebirge ist es, die Wilddichte, auch bei der größten heimischen Art, dem Rotwild, weiter zu verringern, durch Abschuss. Warum also noch füttern? Abgesehen vom Gesetz, das die Fütterung in der Not zur Pflicht macht, geht es um den Tierschutz, sagt Wolfram Gläser, beim Forstbezirk Bärenfels verantwortlich für das Jagdmanagement. "Der Tierschutzgesichtspunkt verbietet es, sehenden Auges Tiere verhungern zu lassen, wenn der Mensch helfen kann."

Professor: Rothirsche sind eingesperrt

Es gab Zeiten, räumt Wolfram Gläser ein, da wurde deutlich großzügiger gefüttert, auch um die Schäden im Wald einzudämmen. Da die Wilddichte bereits gesunken sei und die winterliche Wanderung der Tiere in niedere Lagen, also ihr natürliches Verhalten, gefördert werden solle, sei die Fütterung jetzt nur noch bei sehr hoher Schneelage und anhaltend extremer Kälte erforderlich.

Das Auge des Försters: Eine von zwei Wildkameras, die am Futterplatz installiert sind. 6.000 Fotos pro Nacht kommen zusammen.
Das Auge des Försters: Eine von zwei Wildkameras, die am Futterplatz installiert sind. 6.000 Fotos pro Nacht kommen zusammen. © Egbert Kamprath

Für Sven Herzog, Inhaber der Dozentur für Wildökologie und Jagdwirtschaft bei den Forstwissenschaftlern in Tharandt, ist die Hoffnung, das Rotwild könne sich von selber in mildere Gefilde zurückziehen, kaum mehr als ein frommer Wunsch. Die lichten Wälder der Elbauen, einst Winterquartiere der Hirsche, sind längst verschwunden, auch mittlere Lagen durch Verkehrsbauten, Siedlungen und deckungsarme Äcker, auf denen Jäger lauern, schwer zu erreichen. "Wir sperren die Viecher in ihren sommerlichen Lebensräumen ein", sagt er.

Corona-Freizeit verstärkt den Schaden

Auch dort haben sie keine Ruhe, beobachtet der Professor, besonders jetzt nicht, in der Pandemie, wo alles querfeldein stapft. Die Hirsche flüchten, verbrauchen Reserven, schälen Bäume - ein Teufelskreis. "Haarsträubend, was durch die zusätzliche Freizeit der Leute an Schaden angerichtet wird." Stetig und deutlich mehr füttern und weniger jagen - das sieht der Wissenschaftler momentan als probates Mittel, Wild und Wald zu helfen.

Die Gäste sind da: Ein Rudel Rotwild hat sich gegen halb sieben abends an der Futterkrippe eingefunden.
Die Gäste sind da: Ein Rudel Rotwild hat sich gegen halb sieben abends an der Futterkrippe eingefunden. © Foto: Staatsbetrieb Sachsenforst

Uwe Liebscher hat seine Heuballen auf die Raufe und ein Dutzend Häufchen verteilt, damit alle etwas abkriegen. Auch er sieht den Besucherboom im Wald als großes Problem. "Die Leute kriechen überall rum." Auf den Hauptwegen bleiben, das ist sein dringender Appell. Dann wendet er sich zum Gehen. Wie es den Hirschen schmeckt, sieht er morgen, denn die Wildkamera bleibt hier. Um die 6.000 Bilder pro Nacht sind die Norm.

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