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"Die Schweinepest ist ein Flächenbrand"

Der Chef des Kreisjagdverbands Bautzen fordert von der Politik mehr Unterstützung im Kampf gegen die Schweinepest - und sagt, was jeder Einzelne tun kann.

Lothar Jentschel ist der Vorsitzende des Kreisjagdverbandes Bautzen. Er fordert mehr Unterstützung von der Politik im Kampf gegen die Afrikanische Schweinepest.
Lothar Jentschel ist der Vorsitzende des Kreisjagdverbandes Bautzen. Er fordert mehr Unterstützung von der Politik im Kampf gegen die Afrikanische Schweinepest. © Steffen Unger

Bautzen. Bis jetzt wurde im Landkreis Bautzen kein Fall der Afrikanischen Schweinepest (ASP) nachgewiesen. Doch die Tierseuche rückt immer näher. Als Hauptüberträger des Virus gelten Wildschweine. Von ihnen müssten mehr geschossen werden, doch dazu brauchen die Jäger im Landkreis mehr Unterstützung. Das - und wie diese Unterstützung aussehen könnte, sagt Lothar Jentschel, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes, im Gespräch mit Sächsische.de.

Herr Jentschel, wann haben Sie zuletzt ein Wildschwein geschossen?

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Das war im Juni, ein Keiler von mehr als 90 Kilogramm. Zumindest er kann jetzt keinen Nachwuchs mehr zeugen. Aber im Kampf gegen die Afrikanische Schweinepest ist das nur ein ganz kleiner Tropfen auf einen riesigen, glühend heißen Stein.

Politik und Landwirte fordern ja von den Jägern, mehr Schwarzkittel zu erlegen. Wieviel Luft ist da noch nach oben?

Wir sind im Kreisjagdverband derzeit reichlich 250 Mitglieder. Etwa genau so viele Jäger im Landkreis Bautzen sind nicht Mitglied im Verband. Es gibt also rund 500 Jäger im Kreis. Die meisten von ihnen jagen ehrenamtlich, also in ihrer Freizeit. Selbst ich als Rentner bin nicht jeden Tag in meinem Revier. Um so viele Wildschweine zu schießen, wie es eigentlich nötig wäre, müssten alle Jäger rund um die Uhr auf Pirsch sein. Ein Unding. Aber es könnten mehr Tiere erlegt werden, wenn wir von der Politik mehr Unterstützung erhielten.

Am Rande von Lothar Jentschels Revier im Süden des Landkreises Bautzen haben Unbekannte abgeholzte Sträucher und Bäume entsorgt. Der Jäger befürchtet, dass sich in dem Haufen auch Speisereste befinden könnten, die dann Wildschweine anlocken.
Am Rande von Lothar Jentschels Revier im Süden des Landkreises Bautzen haben Unbekannte abgeholzte Sträucher und Bäume entsorgt. Der Jäger befürchtet, dass sich in dem Haufen auch Speisereste befinden könnten, die dann Wildschweine anlocken. © Steffen Unger

36 Sauen innerhalb von drei Tagen geschossen

An welche Unterstützung denken Sie da?

Wir verlassen uns bei der Jagd allein auf unsere Augen und unser Gehör. Dürften wir einen Infrarot-Aufheller oder eine Taschenlampe am Gewehr anbringen, könnten wir die Tiere besser sehen und gezielter erlegen. Doch das ist verboten. Nicht verboten ist aber, den Aufheller oder die Lampe in der Hand zu halten. Wir bräuchten also bei der Jagd einen Träger für Aufheller oder Lampe, das ist unsinnig.

Ergiebig wäre eine Drückjagd, bei der mehrere Tiere in kurzer Zeit geschossen werden können. Ein Beispiel: Bei Kodersdorf wurde in einem Maisfeld unmittelbar neben einer Schweinemastanlage ein infiziertes Wildschwein entdeckt. Landwirte haben für die Jäger eine Schneise ins Feld geschlagen, und innerhalb von drei Tagen konnten 36 Sauen, also 36 mögliche ASP-Überträger, geschossen werden.

Wie viele Wildschweine streifen denn durch die hiesigen Wälder, und wie viele müssten für einen wirksamen Kampf gegen die Afrikanische Schweinepest geschossen werden?

Wie viele es genau gibt, weiß niemand. Schätzungen gehen von deutlich mehr als 100.000 in ganz Sachsen aus. Etwa 70 bis 80 Prozent des Bestandes müssten entnommen werden, um wirksam etwas gegen die ASP zu tun. Im vergangenen Jahr wurden im Landkreis Bautzen etwa 5.300 Schwarzkittel geschossen, das sind schon mehr als doppelt so viele wie etwa 2017. Aber immer noch zu wenige gemessen an der Dimension der Seuche. Die Afrikanische Schweinepest ist ein Flächenbrand, der sich von Osteuropa aus immer weiter nach Westen ausdehnt. Und die Tiere vermehren sich ja auch sehr schnell.

Wie schnell?

Bachen haben eine kurze Tragzeit: drei Monate plus drei Wochen plus drei Tage. Dann bringen sie im Durchschnitt sechs Junge zur Welt. Angenommen darunter sind drei weibliche Frischlinge. Die sind dann nach etwa zehn Monaten selbst schon wieder geschlechtsreif. Wildschweine vermehren sich nach dem Schneeballprinzip.

Gefahrenquelle Nummer zwei ist der Mensch

Der ASP-Virus wird durch direkten Kontakt übertragen. Um Hausschweine anzustecken, müssten Wildschweine ja erstmal in deren Stall eindringen - was praktisch nicht passieren kann. Warum sind Wildschweine dann so gefährlich für Hausschweine?

Infizierte Wildschweine tragen den Virus überall im und am Körper. Sie sterben zwar nach frühestens 72 Stunden, spätestens sieben Tagen - aber in dieser Zeit können sie den Virus an vielen Stellen hinterlassen. Zum Beispiel im Getreidefeld; das Getreide landet später als Futter bei den Hausschweinen. Oder sie streifen den Virus im Stroh ab.

Was ist mit Wölfen, Füchsen, Raben und anderen Beutegreifern und Aasfressern?

Ja, auch sie kommen als Überträger des Virus infrage, aber die Gefahr ist viel geringer als bei Wildschweinen. Denn der Virus kann sich in den genannten Tieren nicht vermehren. Es müsste schon beispielsweise ein Rabe ein Stück Fleisch von einem toten oder infizierten Wildschwein direkt zu Hausschweinen bringen, dann wäre die Übertragung möglich. Aber die Gefahrenquelle Nummer zwei für Hausschweine sind nach dem Wildschwein nicht Wolf, Fuchs oder Rabe.

Sondern?

Der Mensch. Schauen Sie hier, am Rande meines Reviers, da haben Unbekannte gedankenlos einen ganzen Haufen abgeholzte Bäume und Sträucher entsorgt. Wenn dort auch Speisereste drunter sind, finden diese die Wildschweine auf jeden Fall. Und wenn da vielleicht der Rest eines Wildschweinknackers dabei ist, der unwissentlich aus einem infizierten Tier gemacht worden ist, kann das schon ausreichen.

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Wir Jäger können nur immer wieder appellieren, keine Speisereste in der Natur zu hinterlassen. Und sieht jemand ein Wildschwein, das sich komisch verhält oder gar schon tot ist, niemals anrühren, sondern die 112 oder das Veterinäramt anrufen.

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